Vogt, Carl: Untersuchungen über Thierstaaten. Frankfurt (Main), 1851.so ausdrücken darf, der Idee der Gesammtheit nur angeheftet, nicht aber untergeordnet, so daß jedes Organ, wenn auch nicht vollkommen frei und selbstständig, dennoch als vereinzeltes Individuum selbstbestimmend lebt und handelt. Der wahrhafte Staat der Kultur-Anarchie, über dessen geträumte Zukunft uns die künftigen Diktatoren Deutschlands einen so erbitterten Krieg erklärt haben, damals, in der poetischen Zeit des Exils, als noch in jedem Winkel der Schweiz und Englands ein solcher in's Kraut schießender revolutionärer Diktator saß, mit dem fertigen Terrorismus in der Tasche, den er, da ihm die Gewalt abging, einstweilen in partibus über die Meinungen seiner Umgebung auszuüben suchte; als man noch täglich einen neuen Diktator erfand, sowie Ledru-Rollin, Louis Blanc und ihre Genossen täglich ein neues Haupt der deutschen, polnischen oder gar der rumainischen Emigration entdecken. Hätten sie mir die Hälfte der revolutionären Kraft, die so schnöde und unfruchtbar im Auslade vergeudet wurde, zu rechter Zeit und am rechten Orte angewendet, die deutsche Revolution wäre nicht zu Grunde gegangen! - - - Aber auch bei unseren Blasenträgern sehen wir unser Ideal der Kultur-Anarchie nicht verwirklicht. Keine Spur von Kultur und folgeweise auch keine Spur von Anarchie läßt sich in dieser Zusammenfädelung von Mäulern, Lokomotiven, Angeln und Luftblasen entdecken! Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß diese scheinbar so regellos zusammengefügten Theile dennoch durch ein nothwendiges, von ihnen aus unlösbares Band an das Ganze gefesselt sind, daß also der Contract, der diese Einzelnen an den Staat bindet, nicht ein freiwilliger, sondern ein gezwungener ist und nicht von ihnen einseitig nach freiem Willen aufgehoben werden so ausdrücken darf, der Idee der Gesammtheit nur angeheftet, nicht aber untergeordnet, so daß jedes Organ, wenn auch nicht vollkommen frei und selbstständig, dennoch als vereinzeltes Individuum selbstbestimmend lebt und handelt. Der wahrhafte Staat der Kultur-Anarchie, über dessen geträumte Zukunft uns die künftigen Diktatoren Deutschlands einen so erbitterten Krieg erklärt haben, damals, in der poetischen Zeit des Exils, als noch in jedem Winkel der Schweiz und Englands ein solcher in’s Kraut schießender revolutionärer Diktator saß, mit dem fertigen Terrorismus in der Tasche, den er, da ihm die Gewalt abging, einstweilen in partibus über die Meinungen seiner Umgebung auszuüben suchte; als man noch täglich einen neuen Diktator erfand, sowie Ledru-Rollin, Louis Blanc und ihre Genossen täglich ein neues Haupt der deutschen, polnischen oder gar der rumainischen Emigration entdecken. Hätten sie mir die Hälfte der revolutionären Kraft, die so schnöde und unfruchtbar im Auslade vergeudet wurde, zu rechter Zeit und am rechten Orte angewendet, die deutsche Revolution wäre nicht zu Grunde gegangen! – – – Aber auch bei unseren Blasenträgern sehen wir unser Ideal der Kultur-Anarchie nicht verwirklicht. Keine Spur von Kultur und folgeweise auch keine Spur von Anarchie läßt sich in dieser Zusammenfädelung von Mäulern, Lokomotiven, Angeln und Luftblasen entdecken! Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß diese scheinbar so regellos zusammengefügten Theile dennoch durch ein nothwendiges, von ihnen aus unlösbares Band an das Ganze gefesselt sind, daß also der Contract, der diese Einzelnen an den Staat bindet, nicht ein freiwilliger, sondern ein gezwungener ist und nicht von ihnen einseitig nach freiem Willen aufgehoben werden <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0214" n="184"/> so ausdrücken darf, der Idee der Gesammtheit nur angeheftet, nicht aber untergeordnet, so daß jedes Organ, wenn auch nicht vollkommen frei und selbstständig, dennoch als vereinzeltes Individuum selbstbestimmend lebt und handelt. Der wahrhafte Staat der Kultur-Anarchie, über dessen geträumte Zukunft uns die künftigen Diktatoren Deutschlands einen so erbitterten Krieg erklärt haben, damals, in der poetischen Zeit des Exils, als noch in jedem Winkel der Schweiz und Englands ein solcher in’s Kraut schießender revolutionärer Diktator saß, mit dem fertigen Terrorismus in der Tasche, den er, da ihm die Gewalt abging, einstweilen <hi rendition="#aq">in partibus</hi> über die Meinungen seiner Umgebung auszuüben suchte; als man noch täglich einen neuen Diktator erfand, sowie Ledru-Rollin, Louis Blanc und ihre Genossen täglich ein neues Haupt der deutschen, polnischen oder gar der rumainischen Emigration entdecken. 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so ausdrücken darf, der Idee der Gesammtheit nur angeheftet, nicht aber untergeordnet, so daß jedes Organ, wenn auch nicht vollkommen frei und selbstständig, dennoch als vereinzeltes Individuum selbstbestimmend lebt und handelt. Der wahrhafte Staat der Kultur-Anarchie, über dessen geträumte Zukunft uns die künftigen Diktatoren Deutschlands einen so erbitterten Krieg erklärt haben, damals, in der poetischen Zeit des Exils, als noch in jedem Winkel der Schweiz und Englands ein solcher in’s Kraut schießender revolutionärer Diktator saß, mit dem fertigen Terrorismus in der Tasche, den er, da ihm die Gewalt abging, einstweilen in partibus über die Meinungen seiner Umgebung auszuüben suchte; als man noch täglich einen neuen Diktator erfand, sowie Ledru-Rollin, Louis Blanc und ihre Genossen täglich ein neues Haupt der deutschen, polnischen oder gar der rumainischen Emigration entdecken. Hätten sie mir die Hälfte der revolutionären Kraft, die so schnöde und unfruchtbar im Auslade vergeudet wurde, zu rechter Zeit und am rechten Orte angewendet, die deutsche Revolution wäre nicht zu Grunde gegangen! – – –
Aber auch bei unseren Blasenträgern sehen wir unser Ideal der Kultur-Anarchie nicht verwirklicht. Keine Spur von Kultur und folgeweise auch keine Spur von Anarchie läßt sich in dieser Zusammenfädelung von Mäulern, Lokomotiven, Angeln und Luftblasen entdecken! Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß diese scheinbar so regellos zusammengefügten Theile dennoch durch ein nothwendiges, von ihnen aus unlösbares Band an das Ganze gefesselt sind, daß also der Contract, der diese Einzelnen an den Staat bindet, nicht ein freiwilliger, sondern ein gezwungener ist und nicht von ihnen einseitig nach freiem Willen aufgehoben werden
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Zitationshilfe: | Vogt, Carl: Untersuchungen über Thierstaaten. Frankfurt (Main), 1851, S. 184. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vogt_thierstaaten_1851/214>, abgerufen am 16.02.2025. |