der Einzelschönheiten versenkte, gelangte man Schritt für Schritt zur Er- kenntniß des Ganzen.
In seinem Briefwechsel mit Schiller hatte Goethe stets die Einheit des sich selbst erklärenden Kunstwerks als höchste Aufgabe des Dichters bezeichnet. Als Greis erhob er sich von diesem künstlerischen zu einem allgemein menschlichen Ideale, das zu umfassend war um sich noch der strengen Kunstform einzufügen und zu tiefsinnig um je gemeinver- ständlich zu werden. Wer diesem letzten Fluge des Goethischen Genius zu folgen wagte und das Vermächtniß des Dichters als ein Werk eigener Art, das so nicht wiederkehren konnte, unbefangen aufnahm, dem erschloß sich eine Fülle reifer Lebensweisheit -- denn zu dem Citatenschatze unserer Nation hat außer den Schriften der Bibel kein anderes Werk so viel bei- gesteuert wie der Faust, der zweite Theil fast noch mehr als der erste -- und eine wunderbare Sprachgewalt, die wohl zuweilen in die Manier des Alters absank, dann aber wieder im süßen Wohllaut der mannichfachsten Versformen schwelgte, mit jugendlicher Kühnheit das nie Gesagte, kaum Geahnte aussprach.
Der zweite Theil gab die Antwort auf die schweren Fragen des ersten. Während der Faust des alten Puppenspiels im Taumel des Genusses unter- ging, erhob ihn Goethe aus der engen Welt der persönlichen Leidenschaft in höhere Regionen, in würdigere Verhältnisse und ließ ihn, gemäß dem Worte "im Anfang war die That", durch schöpferisches Handeln die Er- lösung finden -- ein Bild der inneren Befreiung und Läuterung, das sich freilich mehr für den Roman als für das Drama eignete, aber in seiner breiten epischen Anlage dem Dichter gestattete die ganze Geschichte seines Zeitalters symbolisch darzustellen. Aus dem Lärm und Glanz des Kaiser- hofes steigt Faust in die Welt des Schönen empor und erlebt im Traume die Befreiung der Helena, die Vermählung des antiken mit dem germa- nischen Geiste, bis endlich der thätige Humanismus sich im gemeinnützigen Wirken bewährt, der siegreiche Kampf des alten Faust mit dem Meere zugleich zurückweist auf König Friedrich's friedliche westpreußische Erobe- rungen und weit vorwärts deutet in die große Zukunft des arbeitsfrohen neuen Deutschlands, dem das freie Meer den Geist befreien soll.
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick --
der höchste Gedanke der neuen deutschen Philosophie, die Erkenntniß der nie auf Erden ganz verwirklichten, aber ewig sich verwirklichenden Idee, lag in diesen Zeilen, und doch noch nicht das letzte Wort einer Dichtung, die über das Diesseits hinausweisen mußte. Weder in der Prosa der Arbeit noch in der nüchternen Mahnung "dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm" konnte ein hochpoetisches und der altklugen Aufklärung entschieden feindliches Werk ausklingen. Erst die allmächtige Liebe vollendet Faust's Erlösung, und wie der Dichter dem Himmel durch die scharf umrissenen Gestalten
IV. 7. Das Junge Deutſchland.
der Einzelſchönheiten verſenkte, gelangte man Schritt für Schritt zur Er- kenntniß des Ganzen.
In ſeinem Briefwechſel mit Schiller hatte Goethe ſtets die Einheit des ſich ſelbſt erklärenden Kunſtwerks als höchſte Aufgabe des Dichters bezeichnet. Als Greis erhob er ſich von dieſem künſtleriſchen zu einem allgemein menſchlichen Ideale, das zu umfaſſend war um ſich noch der ſtrengen Kunſtform einzufügen und zu tiefſinnig um je gemeinver- ſtändlich zu werden. Wer dieſem letzten Fluge des Goethiſchen Genius zu folgen wagte und das Vermächtniß des Dichters als ein Werk eigener Art, das ſo nicht wiederkehren konnte, unbefangen aufnahm, dem erſchloß ſich eine Fülle reifer Lebensweisheit — denn zu dem Citatenſchatze unſerer Nation hat außer den Schriften der Bibel kein anderes Werk ſo viel bei- geſteuert wie der Fauſt, der zweite Theil faſt noch mehr als der erſte — und eine wunderbare Sprachgewalt, die wohl zuweilen in die Manier des Alters abſank, dann aber wieder im ſüßen Wohllaut der mannichfachſten Versformen ſchwelgte, mit jugendlicher Kühnheit das nie Geſagte, kaum Geahnte ausſprach.
Der zweite Theil gab die Antwort auf die ſchweren Fragen des erſten. Während der Fauſt des alten Puppenſpiels im Taumel des Genuſſes unter- ging, erhob ihn Goethe aus der engen Welt der perſönlichen Leidenſchaft in höhere Regionen, in würdigere Verhältniſſe und ließ ihn, gemäß dem Worte „im Anfang war die That“, durch ſchöpferiſches Handeln die Er- löſung finden — ein Bild der inneren Befreiung und Läuterung, das ſich freilich mehr für den Roman als für das Drama eignete, aber in ſeiner breiten epiſchen Anlage dem Dichter geſtattete die ganze Geſchichte ſeines Zeitalters ſymboliſch darzuſtellen. Aus dem Lärm und Glanz des Kaiſer- hofes ſteigt Fauſt in die Welt des Schönen empor und erlebt im Traume die Befreiung der Helena, die Vermählung des antiken mit dem germa- niſchen Geiſte, bis endlich der thätige Humanismus ſich im gemeinnützigen Wirken bewährt, der ſiegreiche Kampf des alten Fauſt mit dem Meere zugleich zurückweiſt auf König Friedrich’s friedliche weſtpreußiſche Erobe- rungen und weit vorwärts deutet in die große Zukunft des arbeitsfrohen neuen Deutſchlands, dem das freie Meer den Geiſt befreien ſoll.
Im Weiterſchreiten find’ er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick —
der höchſte Gedanke der neuen deutſchen Philoſophie, die Erkenntniß der nie auf Erden ganz verwirklichten, aber ewig ſich verwirklichenden Idee, lag in dieſen Zeilen, und doch noch nicht das letzte Wort einer Dichtung, die über das Dieſſeits hinausweiſen mußte. Weder in der Proſa der Arbeit noch in der nüchternen Mahnung „dem Tüchtigen iſt dieſe Welt nicht ſtumm“ konnte ein hochpoetiſches und der altklugen Aufklärung entſchieden feindliches Werk ausklingen. Erſt die allmächtige Liebe vollendet Fauſt’s Erlöſung, und wie der Dichter dem Himmel durch die ſcharf umriſſenen Geſtalten
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kenntniß des Ganzen.
In ſeinem Briefwechſel mit Schiller hatte Goethe ſtets die Einheit
des ſich ſelbſt erklärenden Kunſtwerks als höchſte Aufgabe des Dichters
bezeichnet. Als Greis erhob er ſich von dieſem künſtleriſchen zu einem
allgemein menſchlichen Ideale, das zu umfaſſend war um ſich noch
der ſtrengen Kunſtform einzufügen und zu tiefſinnig um je gemeinver-
ſtändlich zu werden. Wer dieſem letzten Fluge des Goethiſchen Genius
zu folgen wagte und das Vermächtniß des Dichters als ein Werk eigener
Art, das ſo nicht wiederkehren konnte, unbefangen aufnahm, dem erſchloß
ſich eine Fülle reifer Lebensweisheit — denn zu dem Citatenſchatze unſerer
Nation hat außer den Schriften der Bibel kein anderes Werk ſo viel bei-
geſteuert wie der Fauſt, der zweite Theil faſt noch mehr als der erſte —
und eine wunderbare Sprachgewalt, die wohl zuweilen in die Manier des
Alters abſank, dann aber wieder im ſüßen Wohllaut der mannichfachſten
Versformen ſchwelgte, mit jugendlicher Kühnheit das nie Geſagte, kaum
Geahnte ausſprach.
Der zweite Theil gab die Antwort auf die ſchweren Fragen des erſten.
Während der Fauſt des alten Puppenſpiels im Taumel des Genuſſes unter-
ging, erhob ihn Goethe aus der engen Welt der perſönlichen Leidenſchaft
in höhere Regionen, in würdigere Verhältniſſe und ließ ihn, gemäß dem
Worte „im Anfang war die That“, durch ſchöpferiſches Handeln die Er-
löſung finden — ein Bild der inneren Befreiung und Läuterung, das ſich
freilich mehr für den Roman als für das Drama eignete, aber in ſeiner
breiten epiſchen Anlage dem Dichter geſtattete die ganze Geſchichte ſeines
Zeitalters ſymboliſch darzuſtellen. Aus dem Lärm und Glanz des Kaiſer-
hofes ſteigt Fauſt in die Welt des Schönen empor und erlebt im Traume
die Befreiung der Helena, die Vermählung des antiken mit dem germa-
niſchen Geiſte, bis endlich der thätige Humanismus ſich im gemeinnützigen
Wirken bewährt, der ſiegreiche Kampf des alten Fauſt mit dem Meere
zugleich zurückweiſt auf König Friedrich’s friedliche weſtpreußiſche Erobe-
rungen und weit vorwärts deutet in die große Zukunft des arbeitsfrohen
neuen Deutſchlands, dem das freie Meer den Geiſt befreien ſoll.
Im Weiterſchreiten find’ er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick —
der höchſte Gedanke der neuen deutſchen Philoſophie, die Erkenntniß der
nie auf Erden ganz verwirklichten, aber ewig ſich verwirklichenden Idee, lag
in dieſen Zeilen, und doch noch nicht das letzte Wort einer Dichtung, die
über das Dieſſeits hinausweiſen mußte. Weder in der Proſa der Arbeit
noch in der nüchternen Mahnung „dem Tüchtigen iſt dieſe Welt nicht ſtumm“
konnte ein hochpoetiſches und der altklugen Aufklärung entſchieden feindliches
Werk ausklingen. Erſt die allmächtige Liebe vollendet Fauſt’s Erlöſung,
und wie der Dichter dem Himmel durch die ſcharf umriſſenen Geſtalten
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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 414. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/428>, abgerufen am 24.11.2024.
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