mit schwarzem Undank belohnt! Er fühlte sich erschüttert bis ins Mark; alle die gräßlichen Erlebnisse seiner Jugend, die Ermordung seines Vaters und der freche Uebermuth der unbestraften Mordgesellen kamen ihm wie- der ins Gedächtniß.
Zu strafen wagte er auch diesmal nicht; sorgfältig verbarg er sein Geheimniß vor aller Welt, doch sein Argwohn war geweckt, seine stolze Sicherheit gebrochen, und von der russischen Verfassung, die er soeben noch in Warschau dem staunenden Europa angekündigt, verlautete fortan kein Wort mehr. In seinen jungen Tagen hatte er sich an Speranskys liberalen Reformgedanken und an Czartoryskis polnischen Plänen be- geistert; jetzt wurde Fürst Alexander Galitzin sein Vertrauter, ein sanfter mystischer Schwärmer, der die Bußpredigten der Frau von Krüdener auf seine Weise fortsetzte. Noch häufiger als bisher übermannte den Czaren die Schwermuth, der Ekel über die Lüge dieses Lebens. Er hatte Stunden, da er ernstlich daran dachte die Krone niederzulegen und sich in beschau- liche Einsamkeit zurückzuziehen; im Jahre 1819 kündigte er einmal dem Großfürsten Nikolaus diese Absicht feierlich an und fügte hinzu, daß er ihn, den dritten Bruder, als den kräftigsten Mann des Hauses über die Schultern des unfähigen Constantin hinweg auf den Thron zu erheben denke. So radikale Entschlüsse vermochte Alexanders weiche Natur freilich nicht festzuhalten. Er blieb am Ruder und auch den holden Traum der christlich-liberalen Weltherrschaft gab er nicht gänzlich auf; noch oft genug hatte der Wiener Hof über bedenkliche Rückfälle Rußlands zu klagen. Aber das Schreckensbild des drohenden revolutionären Weltbrandes, das in allen Briefen Metternichs an Nesselrode beharrlich wiederkehrte, erschien dem Selbstherrscher jetzt nicht mehr als ein Phantom; er lächelte nicht mehr, wenn der österreichische Minister versicherte, Frankreich bleibe zwar der Heerd der Revolution, doch die unruhige Bewegung auf den deutschen Universitäten sei im Grunde noch bedenklicher, weil die Deutschen Alles, auch das politische Verbrechen mit Ausdauer und Ehrlichkeit betrieben. Er begann die Wiener Staatsmänner, die er bisher so tief verachtet hatte, allmählich mit anderen Augen anzusehen und hielt sich überzeugt, daß nur die rückhaltlose Eintracht der Ostmächte die Ruhe der Welt zu sichern vermöge.
Als er im September nach Deutschland kam, erschien er seinem preu- ßischen Reisebegleiter General Borstell wunderbar verändert. Keine Rede mehr von den liberalen Institutionen, von der Versöhnung zwischen Frei- heit und Ordnung; jetzt gelte es, das monarchische System und den Weltfrieden im Sinne der heiligen Allianz gegen die Mächte der Revo- lution zu vertheidigen; deshalb allein, betheuerte der Czar, halte ich eine Million Soldaten auf den Beinen um Jeden zu zermalmen, der mein System zu stören wagt. Das gewohnte Prahlen mit imaginären Zahlen konnte er also auch jetzt noch nicht lassen; indeß bemühte er sich eifrig,
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Umſchwung der ruſſiſchen Politik.
mit ſchwarzem Undank belohnt! Er fühlte ſich erſchüttert bis ins Mark; alle die gräßlichen Erlebniſſe ſeiner Jugend, die Ermordung ſeines Vaters und der freche Uebermuth der unbeſtraften Mordgeſellen kamen ihm wie- der ins Gedächtniß.
Zu ſtrafen wagte er auch diesmal nicht; ſorgfältig verbarg er ſein Geheimniß vor aller Welt, doch ſein Argwohn war geweckt, ſeine ſtolze Sicherheit gebrochen, und von der ruſſiſchen Verfaſſung, die er ſoeben noch in Warſchau dem ſtaunenden Europa angekündigt, verlautete fortan kein Wort mehr. In ſeinen jungen Tagen hatte er ſich an Speranskys liberalen Reformgedanken und an Czartoryskis polniſchen Plänen be- geiſtert; jetzt wurde Fürſt Alexander Galitzin ſein Vertrauter, ein ſanfter myſtiſcher Schwärmer, der die Bußpredigten der Frau von Krüdener auf ſeine Weiſe fortſetzte. Noch häufiger als bisher übermannte den Czaren die Schwermuth, der Ekel über die Lüge dieſes Lebens. Er hatte Stunden, da er ernſtlich daran dachte die Krone niederzulegen und ſich in beſchau- liche Einſamkeit zurückzuziehen; im Jahre 1819 kündigte er einmal dem Großfürſten Nikolaus dieſe Abſicht feierlich an und fügte hinzu, daß er ihn, den dritten Bruder, als den kräftigſten Mann des Hauſes über die Schultern des unfähigen Conſtantin hinweg auf den Thron zu erheben denke. So radikale Entſchlüſſe vermochte Alexanders weiche Natur freilich nicht feſtzuhalten. Er blieb am Ruder und auch den holden Traum der chriſtlich-liberalen Weltherrſchaft gab er nicht gänzlich auf; noch oft genug hatte der Wiener Hof über bedenkliche Rückfälle Rußlands zu klagen. Aber das Schreckensbild des drohenden revolutionären Weltbrandes, das in allen Briefen Metternichs an Neſſelrode beharrlich wiederkehrte, erſchien dem Selbſtherrſcher jetzt nicht mehr als ein Phantom; er lächelte nicht mehr, wenn der öſterreichiſche Miniſter verſicherte, Frankreich bleibe zwar der Heerd der Revolution, doch die unruhige Bewegung auf den deutſchen Univerſitäten ſei im Grunde noch bedenklicher, weil die Deutſchen Alles, auch das politiſche Verbrechen mit Ausdauer und Ehrlichkeit betrieben. Er begann die Wiener Staatsmänner, die er bisher ſo tief verachtet hatte, allmählich mit anderen Augen anzuſehen und hielt ſich überzeugt, daß nur die rückhaltloſe Eintracht der Oſtmächte die Ruhe der Welt zu ſichern vermöge.
Als er im September nach Deutſchland kam, erſchien er ſeinem preu- ßiſchen Reiſebegleiter General Borſtell wunderbar verändert. Keine Rede mehr von den liberalen Inſtitutionen, von der Verſöhnung zwiſchen Frei- heit und Ordnung; jetzt gelte es, das monarchiſche Syſtem und den Weltfrieden im Sinne der heiligen Allianz gegen die Mächte der Revo- lution zu vertheidigen; deshalb allein, betheuerte der Czar, halte ich eine Million Soldaten auf den Beinen um Jeden zu zermalmen, der mein Syſtem zu ſtören wagt. Das gewohnte Prahlen mit imaginären Zahlen konnte er alſo auch jetzt noch nicht laſſen; indeß bemühte er ſich eifrig,
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Umſchwung der ruſſiſchen Politik.
mit ſchwarzem Undank belohnt! Er fühlte ſich erſchüttert bis ins Mark;
alle die gräßlichen Erlebniſſe ſeiner Jugend, die Ermordung ſeines Vaters
und der freche Uebermuth der unbeſtraften Mordgeſellen kamen ihm wie-
der ins Gedächtniß.
Zu ſtrafen wagte er auch diesmal nicht; ſorgfältig verbarg er ſein
Geheimniß vor aller Welt, doch ſein Argwohn war geweckt, ſeine ſtolze
Sicherheit gebrochen, und von der ruſſiſchen Verfaſſung, die er ſoeben
noch in Warſchau dem ſtaunenden Europa angekündigt, verlautete fortan
kein Wort mehr. In ſeinen jungen Tagen hatte er ſich an Speranskys
liberalen Reformgedanken und an Czartoryskis polniſchen Plänen be-
geiſtert; jetzt wurde Fürſt Alexander Galitzin ſein Vertrauter, ein ſanfter
myſtiſcher Schwärmer, der die Bußpredigten der Frau von Krüdener auf
ſeine Weiſe fortſetzte. Noch häufiger als bisher übermannte den Czaren
die Schwermuth, der Ekel über die Lüge dieſes Lebens. Er hatte Stunden,
da er ernſtlich daran dachte die Krone niederzulegen und ſich in beſchau-
liche Einſamkeit zurückzuziehen; im Jahre 1819 kündigte er einmal dem
Großfürſten Nikolaus dieſe Abſicht feierlich an und fügte hinzu, daß er
ihn, den dritten Bruder, als den kräftigſten Mann des Hauſes über die
Schultern des unfähigen Conſtantin hinweg auf den Thron zu erheben
denke. So radikale Entſchlüſſe vermochte Alexanders weiche Natur freilich
nicht feſtzuhalten. Er blieb am Ruder und auch den holden Traum der
chriſtlich-liberalen Weltherrſchaft gab er nicht gänzlich auf; noch oft genug
hatte der Wiener Hof über bedenkliche Rückfälle Rußlands zu klagen.
Aber das Schreckensbild des drohenden revolutionären Weltbrandes, das
in allen Briefen Metternichs an Neſſelrode beharrlich wiederkehrte, erſchien
dem Selbſtherrſcher jetzt nicht mehr als ein Phantom; er lächelte nicht
mehr, wenn der öſterreichiſche Miniſter verſicherte, Frankreich bleibe zwar
der Heerd der Revolution, doch die unruhige Bewegung auf den deutſchen
Univerſitäten ſei im Grunde noch bedenklicher, weil die Deutſchen Alles,
auch das politiſche Verbrechen mit Ausdauer und Ehrlichkeit betrieben.
Er begann die Wiener Staatsmänner, die er bisher ſo tief verachtet
hatte, allmählich mit anderen Augen anzuſehen und hielt ſich überzeugt,
daß nur die rückhaltloſe Eintracht der Oſtmächte die Ruhe der Welt zu
ſichern vermöge.
Als er im September nach Deutſchland kam, erſchien er ſeinem preu-
ßiſchen Reiſebegleiter General Borſtell wunderbar verändert. Keine Rede
mehr von den liberalen Inſtitutionen, von der Verſöhnung zwiſchen Frei-
heit und Ordnung; jetzt gelte es, das monarchiſche Syſtem und den
Weltfrieden im Sinne der heiligen Allianz gegen die Mächte der Revo-
lution zu vertheidigen; deshalb allein, betheuerte der Czar, halte ich eine
Million Soldaten auf den Beinen um Jeden zu zermalmen, der mein
Syſtem zu ſtören wagt. Das gewohnte Prahlen mit imaginären Zahlen
konnte er alſo auch jetzt noch nicht laſſen; indeß bemühte er ſich eifrig,
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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 2: Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. Leipzig, 1882, S. 451. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte02_1882/465>, abgerufen am 22.11.2024.
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