nisse aus dem innern Sinn vorbreiten; oder auch -- denn es kommen ohne Zweifel beide Ursachen zusam- men -- laß die Association sinnlicher körperlicher Em- pfindnisse mit den innern Empfindungen in der Einbil- dungskraft es anfangs seyn, was der jungen Seele die innern Geistesthätigkeiten angenehm oder unangenehm machet; wie der Kuchen ist, den der Lehrer dem Kinde giebt, um ihm an der Schule, der Fibel und dem Ler- nen ein Vergnügen finden zu lassen, so wird doch, so bald die Seelenvermögen zu innern Geistesbeschäftigungen mehr gestärket worden sind, diejenige Beziehung zwi- schen der Handlung und der Kraft entstehen, die jene selbst für sich zu einer Zufriedenheit und Vergnügen ge- währenden Unterhaltung machet. Die innern Empfind- nisse können also für sich ursprüngliche Empfindnisse, eigene Quellen von Lust und Unlust seyn und es wer- den, sobald die Empfindsamkeit nur in den Stand ge- setzt ist, aus ihnen schöpfen zu können.
Jch will das mindeste sagen. Es kann sich doch so verhalten, als es hier angegeben worden ist. Man vergleiche diese Hypothese über den Ursprung und über die Verbreitung der menschlichen Empfindnisse mit der ent- gegengesetzten, die alles Vergnügen des Menschen für ein sinnliches körperliches Vergnügen erkläret, das nur in dem Sinn ein geistiges und moralisches genennet werden kann, weil es sich in die höhern moralischen Ver- mögen und Thätigkeiten der Seele eingesogen, und an ihnen angeleget hat. Dann gehe man zu der anschauli- chen Betrachtung des Menschen, so wie dieser in seinen entwickelten Neigungen sich darstellet. Zum mindesten meine ich müsse der erstern Erklärungsart der Vorzug zu- gestanden werden, daß sie natürlicher sey, als die letz- tere. Die Lust der Menschen an ihren mannigfaltigen Beschäftigungen, an ihren eigenen Gedanken und Hand- lungsarten, eines Philosophen an seinen Betrachtungen,
des
II. Verſuch. Ueber das Gefuͤhl,
niſſe aus dem innern Sinn vorbreiten; oder auch — denn es kommen ohne Zweifel beide Urſachen zuſam- men — laß die Aſſociation ſinnlicher koͤrperlicher Em- pfindniſſe mit den innern Empfindungen in der Einbil- dungskraft es anfangs ſeyn, was der jungen Seele die innern Geiſtesthaͤtigkeiten angenehm oder unangenehm machet; wie der Kuchen iſt, den der Lehrer dem Kinde giebt, um ihm an der Schule, der Fibel und dem Ler- nen ein Vergnuͤgen finden zu laſſen, ſo wird doch, ſo bald die Seelenvermoͤgen zu innern Geiſtesbeſchaͤftigungen mehr geſtaͤrket worden ſind, diejenige Beziehung zwi- ſchen der Handlung und der Kraft entſtehen, die jene ſelbſt fuͤr ſich zu einer Zufriedenheit und Vergnuͤgen ge- waͤhrenden Unterhaltung machet. Die innern Empfind- niſſe koͤnnen alſo fuͤr ſich urſpruͤngliche Empfindniſſe, eigene Quellen von Luſt und Unluſt ſeyn und es wer- den, ſobald die Empfindſamkeit nur in den Stand ge- ſetzt iſt, aus ihnen ſchoͤpfen zu koͤnnen.
Jch will das mindeſte ſagen. Es kann ſich doch ſo verhalten, als es hier angegeben worden iſt. Man vergleiche dieſe Hypotheſe uͤber den Urſprung und uͤber die Verbreitung der menſchlichen Empfindniſſe mit der ent- gegengeſetzten, die alles Vergnuͤgen des Menſchen fuͤr ein ſinnliches koͤrperliches Vergnuͤgen erklaͤret, das nur in dem Sinn ein geiſtiges und moraliſches genennet werden kann, weil es ſich in die hoͤhern moraliſchen Ver- moͤgen und Thaͤtigkeiten der Seele eingeſogen, und an ihnen angeleget hat. Dann gehe man zu der anſchauli- chen Betrachtung des Menſchen, ſo wie dieſer in ſeinen entwickelten Neigungen ſich darſtellet. Zum mindeſten meine ich muͤſſe der erſtern Erklaͤrungsart der Vorzug zu- geſtanden werden, daß ſie natuͤrlicher ſey, als die letz- tere. Die Luſt der Menſchen an ihren mannigfaltigen Beſchaͤftigungen, an ihren eigenen Gedanken und Hand- lungsarten, eines Philoſophen an ſeinen Betrachtungen,
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II. Verſuch. Ueber das Gefuͤhl,
niſſe aus dem innern Sinn vorbreiten; oder auch —
denn es kommen ohne Zweifel beide Urſachen zuſam-
men — laß die Aſſociation ſinnlicher koͤrperlicher Em-
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dungskraft es anfangs ſeyn, was der jungen Seele die
innern Geiſtesthaͤtigkeiten angenehm oder unangenehm
machet; wie der Kuchen iſt, den der Lehrer dem Kinde
giebt, um ihm an der Schule, der Fibel und dem Ler-
nen ein Vergnuͤgen finden zu laſſen, ſo wird doch, ſo bald
die Seelenvermoͤgen zu innern Geiſtesbeſchaͤftigungen
mehr geſtaͤrket worden ſind, diejenige Beziehung zwi-
ſchen der Handlung und der Kraft entſtehen, die jene
ſelbſt fuͤr ſich zu einer Zufriedenheit und Vergnuͤgen ge-
waͤhrenden Unterhaltung machet. Die innern Empfind-
niſſe koͤnnen alſo fuͤr ſich urſpruͤngliche Empfindniſſe,
eigene Quellen von Luſt und Unluſt ſeyn und es wer-
den, ſobald die Empfindſamkeit nur in den Stand ge-
ſetzt iſt, aus ihnen ſchoͤpfen zu koͤnnen.
Jch will das mindeſte ſagen. Es kann ſich doch
ſo verhalten, als es hier angegeben worden iſt. Man
vergleiche dieſe Hypotheſe uͤber den Urſprung und uͤber die
Verbreitung der menſchlichen Empfindniſſe mit der ent-
gegengeſetzten, die alles Vergnuͤgen des Menſchen fuͤr
ein ſinnliches koͤrperliches Vergnuͤgen erklaͤret, das nur
in dem Sinn ein geiſtiges und moraliſches genennet
werden kann, weil es ſich in die hoͤhern moraliſchen Ver-
moͤgen und Thaͤtigkeiten der Seele eingeſogen, und an
ihnen angeleget hat. Dann gehe man zu der anſchauli-
chen Betrachtung des Menſchen, ſo wie dieſer in ſeinen
entwickelten Neigungen ſich darſtellet. Zum mindeſten
meine ich muͤſſe der erſtern Erklaͤrungsart der Vorzug zu-
geſtanden werden, daß ſie natuͤrlicher ſey, als die letz-
tere. Die Luſt der Menſchen an ihren mannigfaltigen
Beſchaͤftigungen, an ihren eigenen Gedanken und Hand-
lungsarten, eines Philoſophen an ſeinen Betrachtungen,
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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 1. Leipzig, 1777, S. 240. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche01_1777/300>, abgerufen am 22.11.2024.
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