Steub, Ludwig: Drei Sommer in Tirol. München, 1846.Bach der Wilden. Diese Urbewohner hielten sich laut der Ueberlieferung in Wäldern und Felsenklüften auf dem Kreuzkofel zusammen, ohne Gesittung und fast ohne Sprache. Wildpret, Kräuter und Wurzeln und was sie etwa von den christlichen Nachbarn empfingen, war ihre Nahrung. Nur bei der grimmigsten Kälte, oder wenn Hungersnoth unter ihnen eingerissen war, kamen sie zu den höchst gelegenen Häusern herab, wärmten sich am Feuer, nahmen die Gaben, um die sie nie baten, und entfernten sich eilfertig wieder, ohne je eine Nacht unter Dach zu bleiben. Sie beleidigten Niemand, rächten sich aber grausam, wenn sie beleidiget wurden. Wie sie sich verloren, weiß die Sage nicht anzugeben. Es ist interessant, sagt Dr. Staffler, daß derlei Erzählungen von wilden Menschen sich auch in andern Gegenden Tirols wiederholen. Man würde nicht übel thun, sie zu sammeln; mir ist sonst nur noch die Sage von jenen Riesen bekannt, welche auf Schloß Tirol gehaust. Da wir einmal an unheimlichen Dingen sind, so kann auch erwähnt werden, daß sich in Enneberg und zumeist in der Gemeinde Wengen ein Berggeist findet, welcher Orco genannt und nicht unbillig mit Rübezahl im Riesengebirge verglichen wird. Er ist bösartig und gefürchtet. Verschiedene Mähren von ihm sind bei Staffler nachzulesen. Ueberhaupt scheint das Sagenwesen hier noch in blühendem Zustand zu seyn. Also von St. Cassian weiter schreitend, der Alpe Valparola zu, bewundern wir zuerst noch die schönen, gemauerten, zweistöckigen Höfe, die hier herum auf den Bergwiesen zerstreut stehen, und vertiefen uns dann immer mehr in die Alpengegend, die sich gegen den Fuß des Joches hinzieht. In einer Stunde sind wir bei den Trümmern der alten Hochöfen, die ehemals hier betrieben, aber schon vor langer Zeit aufgegeben worden sind, da man es für vortheilhafter denn die Männer heißen Salvang. Der Name ganna selbst scheint in altdeutsche Mythologie hinein zu spielen. (S. deutsche Mythologie von Jacob Grimm S. 375 und 279 und 413 in den Noten.)
Bach der Wilden. Diese Urbewohner hielten sich laut der Ueberlieferung in Wäldern und Felsenklüften auf dem Kreuzkofel zusammen, ohne Gesittung und fast ohne Sprache. Wildpret, Kräuter und Wurzeln und was sie etwa von den christlichen Nachbarn empfingen, war ihre Nahrung. Nur bei der grimmigsten Kälte, oder wenn Hungersnoth unter ihnen eingerissen war, kamen sie zu den höchst gelegenen Häusern herab, wärmten sich am Feuer, nahmen die Gaben, um die sie nie baten, und entfernten sich eilfertig wieder, ohne je eine Nacht unter Dach zu bleiben. Sie beleidigten Niemand, rächten sich aber grausam, wenn sie beleidiget wurden. Wie sie sich verloren, weiß die Sage nicht anzugeben. Es ist interessant, sagt Dr. Staffler, daß derlei Erzählungen von wilden Menschen sich auch in andern Gegenden Tirols wiederholen. Man würde nicht übel thun, sie zu sammeln; mir ist sonst nur noch die Sage von jenen Riesen bekannt, welche auf Schloß Tirol gehaust. Da wir einmal an unheimlichen Dingen sind, so kann auch erwähnt werden, daß sich in Enneberg und zumeist in der Gemeinde Wengen ein Berggeist findet, welcher Orco genannt und nicht unbillig mit Rübezahl im Riesengebirge verglichen wird. Er ist bösartig und gefürchtet. Verschiedene Mähren von ihm sind bei Staffler nachzulesen. Ueberhaupt scheint das Sagenwesen hier noch in blühendem Zustand zu seyn. Also von St. Cassian weiter schreitend, der Alpe Valparola zu, bewundern wir zuerst noch die schönen, gemauerten, zweistöckigen Höfe, die hier herum auf den Bergwiesen zerstreut stehen, und vertiefen uns dann immer mehr in die Alpengegend, die sich gegen den Fuß des Joches hinzieht. In einer Stunde sind wir bei den Trümmern der alten Hochöfen, die ehemals hier betrieben, aber schon vor langer Zeit aufgegeben worden sind, da man es für vortheilhafter denn die Männer heißen Salvang. Der Name ganna selbst scheint in altdeutsche Mythologie hinein zu spielen. (S. deutsche Mythologie von Jacob Grimm S. 375 und 279 und 413 in den Noten.)
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Bach der Wilden. Diese Urbewohner hielten sich laut der Ueberlieferung in Wäldern und Felsenklüften auf dem Kreuzkofel zusammen, ohne Gesittung und fast ohne Sprache. Wildpret, Kräuter und Wurzeln und was sie etwa von den christlichen Nachbarn empfingen, war ihre Nahrung. Nur bei der grimmigsten Kälte, oder wenn Hungersnoth unter ihnen eingerissen war, kamen sie zu den höchst gelegenen Häusern herab, wärmten sich am Feuer, nahmen die Gaben, um die sie nie baten, und entfernten sich eilfertig wieder, ohne je eine Nacht unter Dach zu bleiben. Sie beleidigten Niemand, rächten sich aber grausam, wenn sie beleidiget wurden. Wie sie sich verloren, weiß die Sage nicht anzugeben. Es ist interessant, sagt Dr. Staffler, daß derlei Erzählungen von wilden Menschen sich auch in andern Gegenden Tirols wiederholen. Man würde nicht übel thun, sie zu sammeln; mir ist sonst nur noch die Sage von jenen Riesen bekannt, welche auf Schloß Tirol gehaust. Da wir einmal an unheimlichen Dingen sind, so kann auch erwähnt werden, daß sich in Enneberg und zumeist in der Gemeinde Wengen ein Berggeist findet, welcher Orco genannt und nicht unbillig mit Rübezahl im Riesengebirge verglichen wird. Er ist bösartig und gefürchtet. Verschiedene Mähren von ihm sind bei Staffler nachzulesen. Ueberhaupt scheint das Sagenwesen hier noch in blühendem Zustand zu seyn.
Also von St. Cassian weiter schreitend, der Alpe Valparola zu, bewundern wir zuerst noch die schönen, gemauerten, zweistöckigen Höfe, die hier herum auf den Bergwiesen zerstreut stehen, und vertiefen uns dann immer mehr in die Alpengegend, die sich gegen den Fuß des Joches hinzieht. In einer Stunde sind wir bei den Trümmern der alten Hochöfen, die ehemals hier betrieben, aber schon vor langer Zeit aufgegeben worden sind, da man es für vortheilhafter *)
*) denn die Männer heißen Salvang. Der Name ganna selbst scheint in altdeutsche Mythologie hinein zu spielen. (S. deutsche Mythologie von Jacob Grimm S. 375 und 279 und 413 in den Noten.)
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