wird Werkzeug der Mittheilung, und zwar zunächst eben so absichtslos, wie sie absichtslos entstanden ist.
Die Sprache ist an sich Darstellung der Anschauungen für den Sprechenden selbst. Der Mensch ist aber in Gesellschaft; eine lange Kindheit zwingt ihn dazu und macht ihm die Gesellschaft auch für spätere Zeit unentbehrlich. Er denkt also ursprünglich fast immer in Gesellschaft, und Denken ist für den Urmenschen Sprechen. Er spricht also mit dem Andern, weil er mit dem Andern ist, und weil menschliches Sein Denken, und das mensch- liche Denken ursprünglich Sprechen ist; folglich ist Zusammen- sein Unterredung. Esse oder vivere = cogitare, cogitare = lo- qui, folglich vivere = loqui, und convivium = colloquium. Her- bart denkt bloß an gemeinsames Arbeiten. Wäre es bloß dies, ich meine, der Mensch würde so wenig Sprache geschaffen ha- ben, wie die Bienen und Ameisen. Der Mensch aber ist kein arbeitendes Thier. Man aß und trank zusammen und ruhte zu- sammen, und freute sich zusammen an sich und an der Natur, man dachte zusammen und erzählte einander. Nicht die Arbeit, nicht Bedürfniß -- Freude und Schmerz, die schönen verschwi- sterten Götterfunken, entzünden die Sprache; das Herz springt, das Gefühl strebt nach Gestaltung und bestimmter Form; und so brach es in der Urzeit in bestimmten, articulirten Lauten aus, wie heute noch die Beethovensche Symphonie nach dem Worte greift.
Wie sollte das nicht verstanden werden, was in Gemein- schaft erzeugt ist? Das Verständniß war da vor der Mitthei- lung, und Mittheilung war Sein, Leben. Was der Eine dachte, dachte der Andere und sprach der Andere aus, wie der Erste: das war Sympathie. Im Krankenhause bekommt ein ganzer Saal voll Kranker die Krämpfe, welche sie zuerst an Einem se- hen. Der St. Veits-Tanz, die Tarantella, die Schwärmerei der Bacchanten, der Revolutionäre, der Blutdurst der Terroristen, der Muth der stürmenden Soldaten: alles dies und vieles andere beweist uns die Wirkung dieser Sympathie, durch welche der Mensch hingerissen wird, ohne Absicht, ja zuweilen gegen seine Absicht, das zu thun, was er thun sieht. Das aber heißt ver- stehen: reproduciren, nachmachen.
Wie wir bei lebhafter Freude es heute noch sehen, daß die Stimme jauchzt, das Auge leuchtet, der Fuß und der ganze Leib tanzt, Alles in elastischer Spannung ist und der ganze
wird Werkzeug der Mittheilung, und zwar zunächst eben so absichtslos, wie sie absichtslos entstanden ist.
Die Sprache ist an sich Darstellung der Anschauungen für den Sprechenden selbst. Der Mensch ist aber in Gesellschaft; eine lange Kindheit zwingt ihn dazu und macht ihm die Gesellschaft auch für spätere Zeit unentbehrlich. Er denkt also ursprünglich fast immer in Gesellschaft, und Denken ist für den Urmenschen Sprechen. Er spricht also mit dem Andern, weil er mit dem Andern ist, und weil menschliches Sein Denken, und das mensch- liche Denken ursprünglich Sprechen ist; folglich ist Zusammen- sein Unterredung. Esse oder vivere = cogitare, cogitare = lo- qui, folglich vivere = loqui, und convivium = colloquium. Her- bart denkt bloß an gemeinsames Arbeiten. Wäre es bloß dies, ich meine, der Mensch würde so wenig Sprache geschaffen ha- ben, wie die Bienen und Ameisen. Der Mensch aber ist kein arbeitendes Thier. Man aß und trank zusammen und ruhte zu- sammen, und freute sich zusammen an sich und an der Natur, man dachte zusammen und erzählte einander. Nicht die Arbeit, nicht Bedürfniß — Freude und Schmerz, die schönen verschwi- sterten Götterfunken, entzünden die Sprache; das Herz springt, das Gefühl strebt nach Gestaltung und bestimmter Form; und so brach es in der Urzeit in bestimmten, articulirten Lauten aus, wie heute noch die Beethovensche Symphonie nach dem Worte greift.
Wie sollte das nicht verstanden werden, was in Gemein- schaft erzeugt ist? Das Verständniß war da vor der Mitthei- lung, und Mittheilung war Sein, Leben. Was der Eine dachte, dachte der Andere und sprach der Andere aus, wie der Erste: das war Sympathie. Im Krankenhause bekommt ein ganzer Saal voll Kranker die Krämpfe, welche sie zuerst an Einem se- hen. Der St. Veits-Tanz, die Tarantella, die Schwärmerei der Bacchanten, der Revolutionäre, der Blutdurst der Terroristen, der Muth der stürmenden Soldaten: alles dies und vieles andere beweist uns die Wirkung dieser Sympathie, durch welche der Mensch hingerissen wird, ohne Absicht, ja zuweilen gegen seine Absicht, das zu thun, was er thun sieht. Das aber heißt ver- stehen: reproduciren, nachmachen.
Wie wir bei lebhafter Freude es heute noch sehen, daß die Stimme jauchzt, das Auge leuchtet, der Fuß und der ganze Leib tanzt, Alles in elastischer Spannung ist und der ganze
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wird Werkzeug der Mittheilung, und zwar zunächst eben so
absichtslos, wie sie absichtslos entstanden ist.
Die Sprache ist an sich Darstellung der Anschauungen für
den Sprechenden selbst. Der Mensch ist aber in Gesellschaft;
eine lange Kindheit zwingt ihn dazu und macht ihm die Gesellschaft
auch für spätere Zeit unentbehrlich. Er denkt also ursprünglich
fast immer in Gesellschaft, und Denken ist für den Urmenschen
Sprechen. Er spricht also mit dem Andern, weil er mit dem
Andern ist, und weil menschliches Sein Denken, und das mensch-
liche Denken ursprünglich Sprechen ist; folglich ist Zusammen-
sein Unterredung. Esse oder vivere = cogitare, cogitare = lo-
qui, folglich vivere = loqui, und convivium = colloquium. Her-
bart denkt bloß an gemeinsames Arbeiten. Wäre es bloß dies,
ich meine, der Mensch würde so wenig Sprache geschaffen ha-
ben, wie die Bienen und Ameisen. Der Mensch aber ist kein
arbeitendes Thier. Man aß und trank zusammen und ruhte zu-
sammen, und freute sich zusammen an sich und an der Natur,
man dachte zusammen und erzählte einander. Nicht die Arbeit,
nicht Bedürfniß — Freude und Schmerz, die schönen verschwi-
sterten Götterfunken, entzünden die Sprache; das Herz springt,
das Gefühl strebt nach Gestaltung und bestimmter Form; und
so brach es in der Urzeit in bestimmten, articulirten Lauten aus,
wie heute noch die Beethovensche Symphonie nach dem Worte
greift.
Wie sollte das nicht verstanden werden, was in Gemein-
schaft erzeugt ist? Das Verständniß war da vor der Mitthei-
lung, und Mittheilung war Sein, Leben. Was der Eine dachte,
dachte der Andere und sprach der Andere aus, wie der Erste:
das war Sympathie. Im Krankenhause bekommt ein ganzer
Saal voll Kranker die Krämpfe, welche sie zuerst an Einem se-
hen. Der St. Veits-Tanz, die Tarantella, die Schwärmerei der
Bacchanten, der Revolutionäre, der Blutdurst der Terroristen,
der Muth der stürmenden Soldaten: alles dies und vieles andere
beweist uns die Wirkung dieser Sympathie, durch welche der
Mensch hingerissen wird, ohne Absicht, ja zuweilen gegen seine
Absicht, das zu thun, was er thun sieht. Das aber heißt ver-
stehen: reproduciren, nachmachen.
Wie wir bei lebhafter Freude es heute noch sehen, daß die
Stimme jauchzt, das Auge leuchtet, der Fuß und der ganze
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Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 317. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/355>, abgerufen am 23.11.2024.
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