pst_235.001 geworden sein. Doch da wir uns jetzt an die immer beirrende pst_235.002 temporale AusIegung wagen, ist keine Erläuterung pst_235.003 überflüssig.
pst_235.004
Der lyrische Dichter, so wurde gesagt (Seite 67), pst_235.005 kann Gegenwärtiges und Vergangenes, ja sogar Künftiges pst_235.006 erinnern. Dagegen kommt jetzt dem Erinnern offenbar pst_235.007 präteritale Bedeutung zu. Doch darin liegt kein pst_235.008 Widerspruch. Wenn wir sagen, der lyrische Dichter sei pst_235.009 befähigt, Gegenwärtiges, Vergangenes und Künftiges pst_235.010 zu erinnern, so nehmen wir die Dimensionen bereits pst_235.011 als vergegenwärtigte Zeit, wie sie uns auch auf dem pst_235.012 Zifferblatt und im Kalender auf noch abzureißenden pst_235.013 Blättern vor Augen steht. Das lyrische Erinnern jedoch pst_235.014 ist Rückkehr in den Mutterschoß in dem Sinn, daß ihm pst_235.015 alles wieder in jenem vergangenen Zustand erscheint, pst_235.016 aus dem wir aufgestanden sind. An sich ist im Erinnern pst_235.017 freilich überhaupt noch keine Zeit. Es geht im Momentanen pst_235.018 auf. Doch vom Standpunkt der Gegenwart aus pst_235.019 gesehen, ist Erinnerung das Vergangene schlechthin. pst_235.020 Daß nicht nur Theorie so spricht, bezeugt das Gefühl: pst_235.021 Ich sinke zurück! das den Erinnernden überkommt, pst_235.022 auch wenn er Künftiges erinnert, wie jener schmerzliche pst_235.023 Lyriker in der "Wiederholung" Kierkegaards1. pst_235.024 Er ist im Sein, das je schon war, bevor eine Gegenwart pst_235.025 aufging, und mit allem, was ihn erfüllt, begibt er pst_235.026 sich in dies frühere Sein zurück, so, daß es ihm nun pst_235.027 das nächste, ja ununterscheidbar eins ist mit ihm selbst, pst_235.028 der sich und jede zeitliche Orientierung darin verloren pst_235.029 hat.
1pst_235.030 Kierkegaard, Gesammelte Werke, Bd. III, 2. Aufl. Jena 1909, pst_235.031 S. 122 ff.
pst_235.001 geworden sein. Doch da wir uns jetzt an die immer beirrende pst_235.002 temporale AusIegung wagen, ist keine Erläuterung pst_235.003 überflüssig.
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Der lyrische Dichter, so wurde gesagt (Seite 67), pst_235.005 kann Gegenwärtiges und Vergangenes, ja sogar Künftiges pst_235.006 erinnern. Dagegen kommt jetzt dem Erinnern offenbar pst_235.007 präteritale Bedeutung zu. Doch darin liegt kein pst_235.008 Widerspruch. Wenn wir sagen, der lyrische Dichter sei pst_235.009 befähigt, Gegenwärtiges, Vergangenes und Künftiges pst_235.010 zu erinnern, so nehmen wir die Dimensionen bereits pst_235.011 als vergegenwärtigte Zeit, wie sie uns auch auf dem pst_235.012 Zifferblatt und im Kalender auf noch abzureißenden pst_235.013 Blättern vor Augen steht. Das lyrische Erinnern jedoch pst_235.014 ist Rückkehr in den Mutterschoß in dem Sinn, daß ihm pst_235.015 alles wieder in jenem vergangenen Zustand erscheint, pst_235.016 aus dem wir aufgestanden sind. An sich ist im Erinnern pst_235.017 freilich überhaupt noch keine Zeit. Es geht im Momentanen pst_235.018 auf. Doch vom Standpunkt der Gegenwart aus pst_235.019 gesehen, ist Erinnerung das Vergangene schlechthin. pst_235.020 Daß nicht nur Theorie so spricht, bezeugt das Gefühl: pst_235.021 Ich sinke zurück! das den Erinnernden überkommt, pst_235.022 auch wenn er Künftiges erinnert, wie jener schmerzliche pst_235.023 Lyriker in der «Wiederholung» Kierkegaards1. pst_235.024 Er ist im Sein, das je schon war, bevor eine Gegenwart pst_235.025 aufging, und mit allem, was ihn erfüllt, begibt er pst_235.026 sich in dies frühere Sein zurück, so, daß es ihm nun pst_235.027 das nächste, ja ununterscheidbar eins ist mit ihm selbst, pst_235.028 der sich und jede zeitliche Orientierung darin verloren pst_235.029 hat.
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Staiger, Emil: Grundbegriffe der Poetik. Zürich, 1946, S. 235. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/staiger_poetik_1946/239>, abgerufen am 16.02.2025.
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