Schlegel, August Wilhelm von; Schlegel, Friedrich von (Hrsg.): Athenaeum. Bd. 2. Berlin, 1799.Merkwürdiger Scheintod.
Bekanntermaßen war die Berlinische Monatsschrift nach einer langwierigen Zehrung und Austrocknung aller Säfte, welche sich selbst auf das Gehirn erstreckte, fast unmerklich entschlummert. Alles war schon zur Beerdigung veranstaltet, die Leidtragenden, als die Herren Biester, Gedicke, Nicolai, hatten sich versammelt und waren eben beschäftigt, Berlinische Blätter auf den Sarg ihrer zärtlich geliebten Freundin zu streuen, als sie ganz unverhoffter Weise Zeichen des Lebens gab, sich aufrichtete und ihre väterlichen Verpfleger wieder erkannte. Was noch mehr Verwunderung erregte, war, daß sie sogleich in denselben Gesprächen fortfuhr, unter denen sie verschieden war. Wie sie immer die Aufklärung darein gesetzt hatte, keine Gespenster zu glauben, beschäftigte sie sich vor allen Dingen mit Untersuchung einer vorgefallnen Spukgeschichte, lies Winke über den Kryptokatholizismus fallen, und äußerte viel Berlinischen Patriotismus, der sich immer auf Zahlen, Mortalitäts-Listen und dergl., bezog. Franklins moralischen Küchenzettel, nach welchem er wöchentlich Eine Tugend zur Hauptschüssel machte, die übrigen aber nur in Assietten servirte, erklärte sie für den Gipfel menschlicher Weisheit. Kurz sie lebte nicht nur, sondern es war auch völlig die alte wieder. Dieses merkwürdige Beyspiel wird zur Warnung vor allzu schleuniger Beerdigung bey ähnlichen Todesfällen, die etwa bald bevorstehen möchten, bekannt gemacht. Zwar behaupten einige junge Aerzte, die vermuthlich dem Brownschen System anhängen und sich durch Paradoxien auszeichnen wollen, seltsamer Weise: es sey hier gar nicht von einem Scheintode, sondern vielmehr von einer Scheinbelebung die Rede. Berichtigung.
Durch einen Druckfehler steht auf dem Titel eines der neuesten Werke von Jean Paul: Palingenesien. Es soll Palillogien heißen. Merkwuͤrdiger Scheintod.
Bekanntermaßen war die Berlinische Monatsschrift nach einer langwierigen Zehrung und Austrocknung aller Saͤfte, welche sich selbst auf das Gehirn erstreckte, fast unmerklich entschlummert. Alles war schon zur Beerdigung veranstaltet, die Leidtragenden, als die Herren Biester, Gedicke, Nicolai, hatten sich versammelt und waren eben beschaͤftigt, Berlinische Blaͤtter auf den Sarg ihrer zaͤrtlich geliebten Freundin zu streuen, als sie ganz unverhoffter Weise Zeichen des Lebens gab, sich aufrichtete und ihre vaͤterlichen Verpfleger wieder erkannte. Was noch mehr Verwunderung erregte, war, daß sie sogleich in denselben Gespraͤchen fortfuhr, unter denen sie verschieden war. Wie sie immer die Aufklaͤrung darein gesetzt hatte, keine Gespenster zu glauben, beschaͤftigte sie sich vor allen Dingen mit Untersuchung einer vorgefallnen Spukgeschichte, lies Winke uͤber den Kryptokatholizismus fallen, und aͤußerte viel Berlinischen Patriotismus, der sich immer auf Zahlen, Mortalitaͤts-Listen und dergl., bezog. Franklins moralischen Kuͤchenzettel, nach welchem er woͤchentlich Eine Tugend zur Hauptschuͤssel machte, die uͤbrigen aber nur in Assietten servirte, erklaͤrte sie fuͤr den Gipfel menschlicher Weisheit. Kurz sie lebte nicht nur, sondern es war auch voͤllig die alte wieder. Dieses merkwuͤrdige Beyspiel wird zur Warnung vor allzu schleuniger Beerdigung bey aͤhnlichen Todesfaͤllen, die etwa bald bevorstehen moͤchten, bekannt gemacht. Zwar behaupten einige junge Aerzte, die vermuthlich dem Brownschen System anhaͤngen und sich durch Paradoxien auszeichnen wollen, seltsamer Weise: es sey hier gar nicht von einem Scheintode, sondern vielmehr von einer Scheinbelebung die Rede. Berichtigung.
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Berichtigung. Durch einen Druckfehler steht auf dem Titel eines der neuesten Werke von Jean Paul: Palingenesien. Es soll Palillogien heißen.
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