gar nicht bewußt geworden war, daß die so oft gedankenlos gesehenen Bäume die Verschiedenheit in ihrem allgemeinen Charakter haben. Es ist und bleibt eine der merkwürdigsten Erscheinungen unseres geistigen Lebens, daß unser Auge auch ohne unser Geheiß und Wissen aus dem fortwäh- renden Verkehr mit der Außenwelt eine Menge Eindrücke aufnimmt und in unserem Gehirn gewissermaaßen niederlegt, wo sie als ein ungekannter Besitz ruhen, bis sie durch eine äußere Veranlassung wachgerufen werden. Wenn Letzteres geschieht, so merken wir erst mit einem Aufwachen aus der Unbewußtheit und mit einem "ach ja!", daß wir das schon gewußt haben.
Diese Seite des menschlichen Geistes verursacht es, daß auch der der Baumwelt Unkundige durch charaktervolle Baumbilder mehr angesprochen wird, als durch Baumschlagmalerei.
Man verstehe mich jetzt nicht falsch. Ich meine nicht die botanischen Kennzeichen der Bäume, die sich in den Blättern, Blüthen und Früchten ausdrücken. Diese gehören nicht zu dem landschaftlichen Baumcharakter, abgesehen davon, daß sie schon des beschränkten Raumes wegen in den Landschaften gar nicht zur Darstellung kommen können. Die Form des Blattes ist nur insoforn dabei von Einfluß, als durch sie der Charakter der Belaubung bedingt ist. Das breite, zackige und lappige Blatt des Ahorn bildet eine ganz andere Belaubung als das eiförmige der Buche.
Die "Naturstudien" unserer jungen Ruisdaels beschränken sich sehr oft nur auf abenteuerliche Stammsonderlinge und imposante Baumriesen, und ihr Stift erlahmt, wenn er über die Astgliederung hinaus an die feine Verzweigung kommt, wo nachher das Universalmittel des "Baumschlags" beginnt. Der Baumkundige kann bei den meisten Landschaften nicht um- hin, nur in Umkehrung des Oben und Unten, an das Horazische mulier formosa superne desinit in piscem turpiter atrum*) zu denken.
Besucht man Gemäldeausstellungen, so findet man immer die Land- schaft am stärksten vertreten und dennoch -- auf den Malerschulen für eine gediegene Ausbildung des Landschafters fast nichts gethan.
Die bedauerliche Nichtbeachtung der charakteristischen Merkmale in den Umrissen der Bäume, wodurch sich in einem gemischten Laubholzbestande,
*) Oben ein schönes Weib, häßlich endend in einen schwarzen Fisch.
gar nicht bewußt geworden war, daß die ſo oft gedankenlos geſehenen Bäume die Verſchiedenheit in ihrem allgemeinen Charakter haben. Es iſt und bleibt eine der merkwürdigſten Erſcheinungen unſeres geiſtigen Lebens, daß unſer Auge auch ohne unſer Geheiß und Wiſſen aus dem fortwäh- renden Verkehr mit der Außenwelt eine Menge Eindrücke aufnimmt und in unſerem Gehirn gewiſſermaaßen niederlegt, wo ſie als ein ungekannter Beſitz ruhen, bis ſie durch eine äußere Veranlaſſung wachgerufen werden. Wenn Letzteres geſchieht, ſo merken wir erſt mit einem Aufwachen aus der Unbewußtheit und mit einem „ach ja!“, daß wir das ſchon gewußt haben.
Dieſe Seite des menſchlichen Geiſtes verurſacht es, daß auch der der Baumwelt Unkundige durch charaktervolle Baumbilder mehr angeſprochen wird, als durch Baumſchlagmalerei.
Man verſtehe mich jetzt nicht falſch. Ich meine nicht die botaniſchen Kennzeichen der Bäume, die ſich in den Blättern, Blüthen und Früchten ausdrücken. Dieſe gehören nicht zu dem landſchaftlichen Baumcharakter, abgeſehen davon, daß ſie ſchon des beſchränkten Raumes wegen in den Landſchaften gar nicht zur Darſtellung kommen können. Die Form des Blattes iſt nur inſoforn dabei von Einfluß, als durch ſie der Charakter der Belaubung bedingt iſt. Das breite, zackige und lappige Blatt des Ahorn bildet eine ganz andere Belaubung als das eiförmige der Buche.
Die „Naturſtudien“ unſerer jungen Ruisdaels beſchränken ſich ſehr oft nur auf abenteuerliche Stammſonderlinge und impoſante Baumrieſen, und ihr Stift erlahmt, wenn er über die Aſtgliederung hinaus an die feine Verzweigung kommt, wo nachher das Univerſalmittel des „Baumſchlags“ beginnt. Der Baumkundige kann bei den meiſten Landſchaften nicht um- hin, nur in Umkehrung des Oben und Unten, an das Horaziſche mulier formosa superne desinit in piscem turpiter atrum*) zu denken.
Beſucht man Gemäldeausſtellungen, ſo findet man immer die Land- ſchaft am ſtärkſten vertreten und dennoch — auf den Malerſchulen für eine gediegene Ausbildung des Landſchafters faſt nichts gethan.
Die bedauerliche Nichtbeachtung der charakteriſtiſchen Merkmale in den Umriſſen der Bäume, wodurch ſich in einem gemiſchten Laubholzbeſtande,
*) Oben ein ſchönes Weib, häßlich endend in einen ſchwarzen Fiſch.
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gar nicht bewußt geworden war, daß die ſo oft gedankenlos geſehenen
Bäume die Verſchiedenheit in ihrem allgemeinen Charakter haben. Es iſt
und bleibt eine der merkwürdigſten Erſcheinungen unſeres geiſtigen Lebens,
daß unſer Auge auch ohne unſer Geheiß und Wiſſen aus dem fortwäh-
renden Verkehr mit der Außenwelt eine Menge Eindrücke aufnimmt und
in unſerem Gehirn gewiſſermaaßen niederlegt, wo ſie als ein ungekannter
Beſitz ruhen, bis ſie durch eine äußere Veranlaſſung wachgerufen werden.
Wenn Letzteres geſchieht, ſo merken wir erſt mit einem Aufwachen aus
der Unbewußtheit und mit einem „ach ja!“, daß wir das ſchon gewußt
haben.
Dieſe Seite des menſchlichen Geiſtes verurſacht es, daß auch der
der Baumwelt Unkundige durch charaktervolle Baumbilder mehr angeſprochen
wird, als durch Baumſchlagmalerei.
Man verſtehe mich jetzt nicht falſch. Ich meine nicht die botaniſchen
Kennzeichen der Bäume, die ſich in den Blättern, Blüthen und Früchten
ausdrücken. Dieſe gehören nicht zu dem landſchaftlichen Baumcharakter,
abgeſehen davon, daß ſie ſchon des beſchränkten Raumes wegen in den
Landſchaften gar nicht zur Darſtellung kommen können. Die Form des
Blattes iſt nur inſoforn dabei von Einfluß, als durch ſie der Charakter
der Belaubung bedingt iſt. Das breite, zackige und lappige Blatt des
Ahorn bildet eine ganz andere Belaubung als das eiförmige der Buche.
Die „Naturſtudien“ unſerer jungen Ruisdaels beſchränken ſich ſehr
oft nur auf abenteuerliche Stammſonderlinge und impoſante Baumrieſen, und
ihr Stift erlahmt, wenn er über die Aſtgliederung hinaus an die feine
Verzweigung kommt, wo nachher das Univerſalmittel des „Baumſchlags“
beginnt. Der Baumkundige kann bei den meiſten Landſchaften nicht um-
hin, nur in Umkehrung des Oben und Unten, an das Horaziſche mulier
formosa superne desinit in piscem turpiter atrum *) zu denken.
Beſucht man Gemäldeausſtellungen, ſo findet man immer die Land-
ſchaft am ſtärkſten vertreten und dennoch — auf den Malerſchulen für
eine gediegene Ausbildung des Landſchafters faſt nichts gethan.
Die bedauerliche Nichtbeachtung der charakteriſtiſchen Merkmale in
den Umriſſen der Bäume, wodurch ſich in einem gemiſchten Laubholzbeſtande,
*) Oben ein ſchönes Weib, häßlich endend in einen ſchwarzen Fiſch.
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Roßmäßler, Emil Adolf: Der Wald. Leipzig u. a., 1863, S. 55. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rossmaessler_wald_1863/79>, abgerufen am 22.12.2024.
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