und er kann es auch allenfalls beim Schneidemüller erfragen. "Die standen auf echtem Fichtenboden und das in gutem Schluß," sagt er sich, "denn die Jahre sind von der richtigen Breite, eine Linie breit, etwas drüber oder drunter, und einer wie der andere, das Mark im Mittel- punkte wie das Schwarze in der Scheibe." Da fällt ihm ein, daß vor sechs Jahren ein harter Spätfrost, noch später als Pancratius und Ser- vatius, alle Maitriebe der Fichten weit und breit umher vernichtete, so daß die rostrothen Triebe den Beständen einen rothen Schein gaben. Er zählt an den Stämmen 6 Jahresringe rückwärts und richtig findet er wenigstens bei der großen Mehrzahl den entsprechenden Jahresring viel schmaler als die übrigen benachbarten.
So wird für denjenigen, der wenigstens die Bedeutung der Jahres- ringe kennen gelernt hat, diese so höchst einfache Seite der Stammbildung eine Quelle zu einer Unterhaltung, die wenigstens ein anregender Zeitvertreib genannt werden darf, für den sinnigen Freund des Waldes aber jeden- falls mehr ist.
Es liegt uns jetzt die Frage nahe, ob trotz der großen Verschieden- heit, welche die Jahresringe in ihrer Breite selbst an einem und demselben Stamme oder Aste, ja selbst die ein Jahresring an verschiedenen Stellen seines Umfanges zeigt -- ob nicht dennoch bei den verschiedenen Baum- arten wenigstens einigermaßen eine Regel in der durchschnittlichen Breite herrsche. Mit Vorbehalt ist darauf ja zu antworten. Die Lärche hat z. B. durchschnittlich breitere Jahresringe als die Eiche, diese breitere als die auf rauher Alpenzinne wachsende Arve und die Krummholzkiefer. Schwierig bleibt es aber immer, hier eine Eintheilung festzustellen, weil die Gunst oder Ungunst des Standortes einen so sehr großen Einfluß auf die Breite der Jahresringe ausübt.
Wer sich hierüber von unseren deutschen Bäumen und Sträuchern eine bequeme Uebersicht verschaffen will, der kaufe sich die Miniatur- Holzsammlung von Nördlinger*), die an Sorgfalt der Auswahl und unübertrefflicher Eleganz der Exemplare Vorzügliches leistet.
*) Professor Dr.Nördlinger, fünfzig Querschnitte der in Deutschland wachsenden hauptsächlichsten Bau-, Werk- und Brennhölzer; für Forstleute, Techniker und Holzarbeiter. Stuttgart und Augsburg. J. G. Cotta'scher Verlag. 2 Thlr. 15 Ngr. -- Es sind dies außer- ordentlich dünne, etwa 2 Quadratzoll große Holzblättchen, so dünn und so rein im Schnitt,
und er kann es auch allenfalls beim Schneidemüller erfragen. „Die ſtanden auf echtem Fichtenboden und das in gutem Schluß,“ ſagt er ſich, „denn die Jahre ſind von der richtigen Breite, eine Linie breit, etwas drüber oder drunter, und einer wie der andere, das Mark im Mittel- punkte wie das Schwarze in der Scheibe.“ Da fällt ihm ein, daß vor ſechs Jahren ein harter Spätfroſt, noch ſpäter als Pancratius und Ser- vatius, alle Maitriebe der Fichten weit und breit umher vernichtete, ſo daß die roſtrothen Triebe den Beſtänden einen rothen Schein gaben. Er zählt an den Stämmen 6 Jahresringe rückwärts und richtig findet er wenigſtens bei der großen Mehrzahl den entſprechenden Jahresring viel ſchmaler als die übrigen benachbarten.
So wird für denjenigen, der wenigſtens die Bedeutung der Jahres- ringe kennen gelernt hat, dieſe ſo höchſt einfache Seite der Stammbildung eine Quelle zu einer Unterhaltung, die wenigſtens ein anregender Zeitvertreib genannt werden darf, für den ſinnigen Freund des Waldes aber jeden- falls mehr iſt.
Es liegt uns jetzt die Frage nahe, ob trotz der großen Verſchieden- heit, welche die Jahresringe in ihrer Breite ſelbſt an einem und demſelben Stamme oder Aſte, ja ſelbſt die ein Jahresring an verſchiedenen Stellen ſeines Umfanges zeigt — ob nicht dennoch bei den verſchiedenen Baum- arten wenigſtens einigermaßen eine Regel in der durchſchnittlichen Breite herrſche. Mit Vorbehalt iſt darauf ja zu antworten. Die Lärche hat z. B. durchſchnittlich breitere Jahresringe als die Eiche, dieſe breitere als die auf rauher Alpenzinne wachſende Arve und die Krummholzkiefer. Schwierig bleibt es aber immer, hier eine Eintheilung feſtzuſtellen, weil die Gunſt oder Ungunſt des Standortes einen ſo ſehr großen Einfluß auf die Breite der Jahresringe ausübt.
Wer ſich hierüber von unſeren deutſchen Bäumen und Sträuchern eine bequeme Ueberſicht verſchaffen will, der kaufe ſich die Miniatur- Holzſammlung von Nördlinger*), die an Sorgfalt der Auswahl und unübertrefflicher Eleganz der Exemplare Vorzügliches leiſtet.
*) Profeſſor Dr.Nördlinger, fünfzig Querſchnitte der in Deutſchland wachſenden hauptſächlichſten Bau-, Werk- und Brennhölzer; für Forſtleute, Techniker und Holzarbeiter. Stuttgart und Augsburg. J. G. Cotta’ſcher Verlag. 2 Thlr. 15 Ngr. — Es ſind dies außer- ordentlich dünne, etwa 2 Quadratzoll große Holzblättchen, ſo dünn und ſo rein im Schnitt,
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und er kann es auch allenfalls beim Schneidemüller erfragen. „Die
ſtanden auf echtem Fichtenboden und das in gutem Schluß,“ ſagt er ſich,
„denn die Jahre ſind von der richtigen Breite, eine Linie breit, etwas
drüber oder drunter, und einer wie der andere, das Mark im Mittel-
punkte wie das Schwarze in der Scheibe.“ Da fällt ihm ein, daß vor
ſechs Jahren ein harter Spätfroſt, noch ſpäter als Pancratius und Ser-
vatius, alle Maitriebe der Fichten weit und breit umher vernichtete, ſo
daß die roſtrothen Triebe den Beſtänden einen rothen Schein gaben.
Er zählt an den Stämmen 6 Jahresringe rückwärts und richtig findet
er wenigſtens bei der großen Mehrzahl den entſprechenden Jahresring
viel ſchmaler als die übrigen benachbarten.
So wird für denjenigen, der wenigſtens die Bedeutung der Jahres-
ringe kennen gelernt hat, dieſe ſo höchſt einfache Seite der Stammbildung
eine Quelle zu einer Unterhaltung, die wenigſtens ein anregender Zeitvertreib
genannt werden darf, für den ſinnigen Freund des Waldes aber jeden-
falls mehr iſt.
Es liegt uns jetzt die Frage nahe, ob trotz der großen Verſchieden-
heit, welche die Jahresringe in ihrer Breite ſelbſt an einem und demſelben
Stamme oder Aſte, ja ſelbſt die ein Jahresring an verſchiedenen Stellen
ſeines Umfanges zeigt — ob nicht dennoch bei den verſchiedenen Baum-
arten wenigſtens einigermaßen eine Regel in der durchſchnittlichen Breite
herrſche. Mit Vorbehalt iſt darauf ja zu antworten. Die Lärche hat
z. B. durchſchnittlich breitere Jahresringe als die Eiche, dieſe breitere als
die auf rauher Alpenzinne wachſende Arve und die Krummholzkiefer.
Schwierig bleibt es aber immer, hier eine Eintheilung feſtzuſtellen, weil
die Gunſt oder Ungunſt des Standortes einen ſo ſehr großen Einfluß auf
die Breite der Jahresringe ausübt.
Wer ſich hierüber von unſeren deutſchen Bäumen und Sträuchern
eine bequeme Ueberſicht verſchaffen will, der kaufe ſich die Miniatur-
Holzſammlung von Nördlinger *), die an Sorgfalt der Auswahl und
unübertrefflicher Eleganz der Exemplare Vorzügliches leiſtet.
*) Profeſſor Dr. Nördlinger, fünfzig Querſchnitte der in Deutſchland wachſenden
hauptſächlichſten Bau-, Werk- und Brennhölzer; für Forſtleute, Techniker und Holzarbeiter.
Stuttgart und Augsburg. J. G. Cotta’ſcher Verlag. 2 Thlr. 15 Ngr. — Es ſind dies außer-
ordentlich dünne, etwa 2 Quadratzoll große Holzblättchen, ſo dünn und ſo rein im Schnitt,
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Roßmäßler, Emil Adolf: Der Wald. Leipzig u. a., 1863, S. 95. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rossmaessler_wald_1863/119>, abgerufen am 22.12.2024.
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