Mutter auf kommenden Dienstag dahin zu rei- sen; und ich möchte mich nur nicht dagegen setzen, sie wollte kein Geheimniß aus einer Sache machen, die doch so bald ausbrechen würde: auf den Mittewochen würde ich der Person, die sie insgesammt wünscheten, die Hand geben müssen.
Um den Trauschein sey schon geschrieben. Die Trauung sollte auf meiner Stube in Ge- genwart aller meiner Anverwanten vor sich ge- hen, meine Eltern ausgenommen: denn diese würden nicht zurückkommen, noch mich sprechen, bis alles vorüber wäre, und bis sie von meinem Betragen gute Nachricht hätten.
Sind das nicht eben dieselbigen Nachrichten, die mir Lovelace schon vor einigen Tagen ge- geben hat.
Jch blieb immer sprachlos, und seufzte nur, als sich mein Hertz nicht länger halten konnte.
Sie fuhr fort mich ihrer Meinung nach zu trösten. Sie sagte: ich sollte bedencken, was für eine edle Tugend der Gehorsam sey. Wenn ich verlangte, daß Frau Norton bey der Trau- ung gegenwärtig wäre, so sollte auch dieses ge- schehen. Das Vergnügen, mich mit allen den Meinigen wieder ausgesöhnt zu sehen, und von ihnen allen die Glückwünschungen anzunehmen, müßte bey mir nothwendig mehr gelten, als die Vorzüge, die der eine Mann vor dem an- dern in Absicht auf die Gestalt hätte. Die Liebe sey ein flüchtiges Ding, und fast nichts mehr, als der leere Schall eines Nahmens, wenn nicht
Tu-
Zweyter Theil. D d
der Clariſſa.
Mutter auf kommenden Dienſtag dahin zu rei- ſen; und ich moͤchte mich nur nicht dagegen ſetzen, ſie wollte kein Geheimniß aus einer Sache machen, die doch ſo bald ausbrechen wuͤrde: auf den Mittewochen wuͤrde ich der Perſon, die ſie insgeſammt wuͤnſcheten, die Hand geben muͤſſen.
Um den Trauſchein ſey ſchon geſchrieben. Die Trauung ſollte auf meiner Stube in Ge- genwart aller meiner Anverwanten vor ſich ge- hen, meine Eltern ausgenommen: denn dieſe wuͤrden nicht zuruͤckkommen, noch mich ſprechen, bis alles voruͤber waͤre, und bis ſie von meinem Betragen gute Nachricht haͤtten.
Sind das nicht eben dieſelbigen Nachrichten, die mir Lovelace ſchon vor einigen Tagen ge- geben hat.
Jch blieb immer ſprachlos, und ſeufzte nur, als ſich mein Hertz nicht laͤnger halten konnte.
Sie fuhr fort mich ihrer Meinung nach zu troͤſten. Sie ſagte: ich ſollte bedencken, was fuͤr eine edle Tugend der Gehorſam ſey. Wenn ich verlangte, daß Frau Norton bey der Trau- ung gegenwaͤrtig waͤre, ſo ſollte auch dieſes ge- ſchehen. Das Vergnuͤgen, mich mit allen den Meinigen wieder ausgeſoͤhnt zu ſehen, und von ihnen allen die Gluͤckwuͤnſchungen anzunehmen, muͤßte bey mir nothwendig mehr gelten, als die Vorzuͤge, die der eine Mann vor dem an- dern in Abſicht auf die Geſtalt haͤtte. Die Liebe ſey ein fluͤchtiges Ding, und faſt nichts mehr, als der leere Schall eines Nahmens, wenn nicht
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Zweyter Theil. D d
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der Clariſſa.
Mutter auf kommenden Dienſtag dahin zu rei-
ſen; und ich moͤchte mich nur nicht dagegen
ſetzen, ſie wollte kein Geheimniß aus einer Sache
machen, die doch ſo bald ausbrechen wuͤrde: auf
den Mittewochen wuͤrde ich der Perſon, die ſie
insgeſammt wuͤnſcheten, die Hand geben muͤſſen.
Um den Trauſchein ſey ſchon geſchrieben.
Die Trauung ſollte auf meiner Stube in Ge-
genwart aller meiner Anverwanten vor ſich ge-
hen, meine Eltern ausgenommen: denn dieſe
wuͤrden nicht zuruͤckkommen, noch mich ſprechen,
bis alles voruͤber waͤre, und bis ſie von meinem
Betragen gute Nachricht haͤtten.
Sind das nicht eben dieſelbigen Nachrichten,
die mir Lovelace ſchon vor einigen Tagen ge-
geben hat.
Jch blieb immer ſprachlos, und ſeufzte nur,
als ſich mein Hertz nicht laͤnger halten konnte.
Sie fuhr fort mich ihrer Meinung nach zu
troͤſten. Sie ſagte: ich ſollte bedencken, was
fuͤr eine edle Tugend der Gehorſam ſey. Wenn
ich verlangte, daß Frau Norton bey der Trau-
ung gegenwaͤrtig waͤre, ſo ſollte auch dieſes ge-
ſchehen. Das Vergnuͤgen, mich mit allen den
Meinigen wieder ausgeſoͤhnt zu ſehen, und von
ihnen allen die Gluͤckwuͤnſchungen anzunehmen,
muͤßte bey mir nothwendig mehr gelten, als
die Vorzuͤge, die der eine Mann vor dem an-
dern in Abſicht auf die Geſtalt haͤtte. Die Liebe
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 417. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/423>, abgerufen am 22.11.2024.
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