zu Hause aus Spangenbergs Postille. In dem Gebirge war man damit noch nicht zufrieden. In der Rauris und der Gastein, in St. Veit, Tamsweg, Radstadt forderten die Landleute laut den Kelch im Abendmahl: da er nicht gewährt wurde, so vermieden sie die Sacramente ganz: sie schickten ihre Kinder nicht mehr zur Schule: in der Kirche geschah es wohl, daß ein Bauer sich erhob und dem Pre- diger zurief: "du lügst": -- die Bauern predigten selbst unter einander 1). Man darf sich nicht verwundern, wenn bei der Versagung alles Gottesdienstes, welcher der neuge- gründeten Ueberzeugung entsprochen hätte, sich in der Ein- samkeit der Alpen Meinungen von phantastischer und aben- teuerlicher Natur ausbildeten.
Wie sehr erscheint es, hiemit verglichen, als ein Vor- theil, daß in den Gebieten der geistlichen Churfürsten am Rhein der Adel Selbständigkeit genug besaß, um seinen Hintersassen eine Freiheit zu verschaffen, die der geistliche Herr nicht wohl gewähren konnte. Der rheinische Adel hatte den Protestantismus früh angenommen; in seinen Herrschaften gestattete er dem Fürsten keinerlei Eingriffe, selbst nicht von religiöser Art. Schon gab es auch in den Städten allenthalben eine protestantische Partei. Häufig, in wiederholten Petitionen, regte sie sich in Cöln: in Trier war sie bereits so mächtig, daß sie sich einen Prediger aus Genf kommen ließ, und ihn dem Churfürsten zum Trotz behauptete: in Aachen strebte sie geradezu nach der Ober-
1) Auszug aus einem Bericht des Domherrn Wilh. v. Traut- mannsdorf vom Jahre 1555 in Zauners Chronik von Salzburg VI, 327.
Buch V. Gegenreformationen.
zu Hauſe aus Spangenbergs Poſtille. In dem Gebirge war man damit noch nicht zufrieden. In der Rauris und der Gaſtein, in St. Veit, Tamsweg, Radſtadt forderten die Landleute laut den Kelch im Abendmahl: da er nicht gewaͤhrt wurde, ſo vermieden ſie die Sacramente ganz: ſie ſchickten ihre Kinder nicht mehr zur Schule: in der Kirche geſchah es wohl, daß ein Bauer ſich erhob und dem Pre- diger zurief: „du luͤgſt“: — die Bauern predigten ſelbſt unter einander 1). Man darf ſich nicht verwundern, wenn bei der Verſagung alles Gottesdienſtes, welcher der neuge- gruͤndeten Ueberzeugung entſprochen haͤtte, ſich in der Ein- ſamkeit der Alpen Meinungen von phantaſtiſcher und aben- teuerlicher Natur ausbildeten.
Wie ſehr erſcheint es, hiemit verglichen, als ein Vor- theil, daß in den Gebieten der geiſtlichen Churfuͤrſten am Rhein der Adel Selbſtaͤndigkeit genug beſaß, um ſeinen Hinterſaſſen eine Freiheit zu verſchaffen, die der geiſtliche Herr nicht wohl gewaͤhren konnte. Der rheiniſche Adel hatte den Proteſtantismus fruͤh angenommen; in ſeinen Herrſchaften geſtattete er dem Fuͤrſten keinerlei Eingriffe, ſelbſt nicht von religioͤſer Art. Schon gab es auch in den Staͤdten allenthalben eine proteſtantiſche Partei. Haͤufig, in wiederholten Petitionen, regte ſie ſich in Coͤln: in Trier war ſie bereits ſo maͤchtig, daß ſie ſich einen Prediger aus Genf kommen ließ, und ihn dem Churfuͤrſten zum Trotz behauptete: in Aachen ſtrebte ſie geradezu nach der Ober-
1) Auszug aus einem Bericht des Domherrn Wilh. v. Traut- mannsdorf vom Jahre 1555 in Zauners Chronik von Salzburg VI, 327.
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Buch V. Gegenreformationen.
zu Hauſe aus Spangenbergs Poſtille. In dem Gebirge
war man damit noch nicht zufrieden. In der Rauris und
der Gaſtein, in St. Veit, Tamsweg, Radſtadt forderten
die Landleute laut den Kelch im Abendmahl: da er nicht
gewaͤhrt wurde, ſo vermieden ſie die Sacramente ganz: ſie
ſchickten ihre Kinder nicht mehr zur Schule: in der Kirche
geſchah es wohl, daß ein Bauer ſich erhob und dem Pre-
diger zurief: „du luͤgſt“: — die Bauern predigten ſelbſt
unter einander 1). Man darf ſich nicht verwundern, wenn
bei der Verſagung alles Gottesdienſtes, welcher der neuge-
gruͤndeten Ueberzeugung entſprochen haͤtte, ſich in der Ein-
ſamkeit der Alpen Meinungen von phantaſtiſcher und aben-
teuerlicher Natur ausbildeten.
Wie ſehr erſcheint es, hiemit verglichen, als ein Vor-
theil, daß in den Gebieten der geiſtlichen Churfuͤrſten am
Rhein der Adel Selbſtaͤndigkeit genug beſaß, um ſeinen
Hinterſaſſen eine Freiheit zu verſchaffen, die der geiſtliche
Herr nicht wohl gewaͤhren konnte. Der rheiniſche Adel
hatte den Proteſtantismus fruͤh angenommen; in ſeinen
Herrſchaften geſtattete er dem Fuͤrſten keinerlei Eingriffe,
ſelbſt nicht von religioͤſer Art. Schon gab es auch in den
Staͤdten allenthalben eine proteſtantiſche Partei. Haͤufig,
in wiederholten Petitionen, regte ſie ſich in Coͤln: in Trier
war ſie bereits ſo maͤchtig, daß ſie ſich einen Prediger aus
Genf kommen ließ, und ihn dem Churfuͤrſten zum Trotz
behauptete: in Aachen ſtrebte ſie geradezu nach der Ober-
1) Auszug aus einem Bericht des Domherrn Wilh. v. Traut-
mannsdorf vom Jahre 1555 in Zauners Chronik von Salzburg
VI, 327.
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Ranke, Leopold von: Die römischen Päpste. Bd. 2. Berlin, 1836, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_paepste02_1836/22>, abgerufen am 16.02.2025.
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