[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satyrischer Schriften. Bd. 3. Leipzig, 1752.Satyrische Briefe. "Pflichten einer Christinn zu erfüllen; ihre Liebe"gegen den armen und nothleidenden Nächsten, "diese und noch unzählich andre Tugenden, ma- "chen sie unsterblich, wenn auch das Jrdische von "ihr längst verwest ist. Ew. Hochedelgeb. verzei- "hen, daß ich diese schmerzhafte Wunde wieder "aufreisse, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht "völlig zuheilen können. Meine Thränen sollen "den Schmerz lindern, Thränen der Dankbarkeit "und Freundschaft, redliche Thränen. Sie sind "Zeugen der Hochachtung. Wie glücklich sind "Sie noch, Hochzuehrender Herr Commiss ion- "rath, da Sie der mütterlichen Sorgfalt dieser "rechtschaffnen Frau die Erziehung einer tugend- "haften Tochter zu danken haben, die Jhnen "durch die Aehnlichkeit ihrer Gesichtszüge zwar "beständig das Andenken ihres Verlusts verneu- "ern muß; deren gottesfürchtiger und frommer "Wandel aber, nebst andern löblichen Eigenschaf- "ten, Jhnen auf der andern Seite diesen Verlust "wieder zum größten Theile ersetzt. Erinnern "Sie Sich, Hochedelgebohrner Herr, wie ver- "gnügt Sie bey dem glücklichen Besitze Jhrer se- "ligen Frau Eheliebste waren, und stellen Sie "Sich dabey einmal vor, wie glücklich Sie denjeni- "gen machen, welchen Sie würdigen, mit einer "so liebenswürdigen Tochter zu vereinigen. Ein "Glück, auf welches niemand Anspruch machen "darf, als der es zu schätzen weiß, und den die "Begierde, dessen würdig zu werden, mit der größ- ten
Satyriſche Briefe. „Pflichten einer Chriſtinn zu erfuͤllen; ihre Liebe„gegen den armen und nothleidenden Naͤchſten, „dieſe und noch unzaͤhlich andre Tugenden, ma- „chen ſie unſterblich, wenn auch das Jrdiſche von „ihr laͤngſt verweſt iſt. Ew. Hochedelgeb. verzei- „hen, daß ich dieſe ſchmerzhafte Wunde wieder „aufreiſſe, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht „voͤllig zuheilen koͤnnen. Meine Thraͤnen ſollen „den Schmerz lindern, Thraͤnen der Dankbarkeit „und Freundſchaft, redliche Thraͤnen. Sie ſind „Zeugen der Hochachtung. Wie gluͤcklich ſind „Sie noch, Hochzuehrender Herr Commiſſ ion- „rath, da Sie der muͤtterlichen Sorgfalt dieſer „rechtſchaffnen Frau die Erziehung einer tugend- „haften Tochter zu danken haben, die Jhnen „durch die Aehnlichkeit ihrer Geſichtszuͤge zwar „beſtaͤndig das Andenken ihres Verluſts verneu- „ern muß; deren gottesfuͤrchtiger und frommer „Wandel aber, nebſt andern loͤblichen Eigenſchaf- „ten, Jhnen auf der andern Seite dieſen Verluſt „wieder zum groͤßten Theile erſetzt. Erinnern „Sie Sich, Hochedelgebohrner Herr, wie ver- „gnuͤgt Sie bey dem gluͤcklichen Beſitze Jhrer ſe- „ligen Frau Eheliebſte waren, und ſtellen Sie „Sich dabey einmal vor, wie gluͤcklich Sie denjeni- „gen machen, welchen Sie wuͤrdigen, mit einer „ſo liebenswuͤrdigen Tochter zu vereinigen. Ein „Gluͤck, auf welches niemand Anſpruch machen „darf, als der es zu ſchaͤtzen weiß, und den die „Begierde, deſſen wuͤrdig zu werden, mit der groͤß- ten
<TEI> <text> <body> <div n="1"> <floatingText> <body> <div type="letter"> <p><pb facs="#f0228" n="200"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Satyriſche Briefe.</hi></fw><lb/> „Pflichten einer Chriſtinn zu erfuͤllen; ihre Liebe<lb/> „gegen den armen und nothleidenden Naͤchſten,<lb/> „dieſe und noch unzaͤhlich andre Tugenden, ma-<lb/> „chen ſie unſterblich, wenn auch das Jrdiſche von<lb/> „ihr laͤngſt verweſt iſt. Ew. Hochedelgeb. verzei-<lb/> „hen, daß ich dieſe ſchmerzhafte Wunde wieder<lb/> „aufreiſſe, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht<lb/> „voͤllig zuheilen koͤnnen. Meine Thraͤnen ſollen<lb/> „den Schmerz lindern, Thraͤnen der Dankbarkeit<lb/> „und Freundſchaft, redliche Thraͤnen. Sie ſind<lb/> „Zeugen der Hochachtung. Wie gluͤcklich ſind<lb/> „Sie noch, Hochzuehrender Herr Commiſſ ion-<lb/> „rath, da Sie der muͤtterlichen Sorgfalt dieſer<lb/> „rechtſchaffnen Frau die Erziehung einer tugend-<lb/> „haften Tochter zu danken haben, die Jhnen<lb/> „durch die Aehnlichkeit ihrer Geſichtszuͤge zwar<lb/> „beſtaͤndig das Andenken ihres Verluſts verneu-<lb/> „ern muß; deren gottesfuͤrchtiger und frommer<lb/> „Wandel aber, nebſt andern loͤblichen Eigenſchaf-<lb/> „ten, Jhnen auf der andern Seite dieſen Verluſt<lb/> „wieder zum groͤßten Theile erſetzt. Erinnern<lb/> „Sie Sich, Hochedelgebohrner Herr, wie ver-<lb/> „gnuͤgt Sie bey dem gluͤcklichen Beſitze Jhrer ſe-<lb/> „ligen Frau Eheliebſte waren, und ſtellen Sie<lb/> „Sich dabey einmal vor, wie gluͤcklich Sie denjeni-<lb/> „gen machen, welchen Sie wuͤrdigen, mit einer<lb/> „ſo liebenswuͤrdigen Tochter zu vereinigen. Ein<lb/> „Gluͤck, auf welches niemand Anſpruch machen<lb/> „darf, als der es zu ſchaͤtzen weiß, und den die<lb/> „Begierde, deſſen wuͤrdig zu werden, mit der groͤß-<lb/> <fw place="bottom" type="catch">ten</fw><lb/></p> </div> </body> </floatingText> </div> </body> </text> </TEI> [200/0228]
Satyriſche Briefe.
„Pflichten einer Chriſtinn zu erfuͤllen; ihre Liebe
„gegen den armen und nothleidenden Naͤchſten,
„dieſe und noch unzaͤhlich andre Tugenden, ma-
„chen ſie unſterblich, wenn auch das Jrdiſche von
„ihr laͤngſt verweſt iſt. Ew. Hochedelgeb. verzei-
„hen, daß ich dieſe ſchmerzhafte Wunde wieder
„aufreiſſe, welche eine Zeit von zehn Jahren nicht
„voͤllig zuheilen koͤnnen. Meine Thraͤnen ſollen
„den Schmerz lindern, Thraͤnen der Dankbarkeit
„und Freundſchaft, redliche Thraͤnen. Sie ſind
„Zeugen der Hochachtung. Wie gluͤcklich ſind
„Sie noch, Hochzuehrender Herr Commiſſ ion-
„rath, da Sie der muͤtterlichen Sorgfalt dieſer
„rechtſchaffnen Frau die Erziehung einer tugend-
„haften Tochter zu danken haben, die Jhnen
„durch die Aehnlichkeit ihrer Geſichtszuͤge zwar
„beſtaͤndig das Andenken ihres Verluſts verneu-
„ern muß; deren gottesfuͤrchtiger und frommer
„Wandel aber, nebſt andern loͤblichen Eigenſchaf-
„ten, Jhnen auf der andern Seite dieſen Verluſt
„wieder zum groͤßten Theile erſetzt. Erinnern
„Sie Sich, Hochedelgebohrner Herr, wie ver-
„gnuͤgt Sie bey dem gluͤcklichen Beſitze Jhrer ſe-
„ligen Frau Eheliebſte waren, und ſtellen Sie
„Sich dabey einmal vor, wie gluͤcklich Sie denjeni-
„gen machen, welchen Sie wuͤrdigen, mit einer
„ſo liebenswuͤrdigen Tochter zu vereinigen. Ein
„Gluͤck, auf welches niemand Anſpruch machen
„darf, als der es zu ſchaͤtzen weiß, und den die
„Begierde, deſſen wuͤrdig zu werden, mit der groͤß-
ten
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |