Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871].Wegen der großen Eile kam bei der Prägung das Versehn vor, daß die Münzen mehr Silber enthielten, als sie werth waren. Kaum bemerkten dies die Hamburger Juden, als auch schon die neuen Stücke mit Blitzesschnelle aus dem Verkehr verschwanden. Pfeil hatte einige dieser äußerst seltenen überwichtigen Münzen erhalten, und schenkte sie mir für meine Münzsammlung. Obgleich ich diese nun immer wohl verschlossen hielt, so ging es mir damit wie mit dem Körnerschen Taschenmesser; nach nicht gar langer Zeit waren sie verschwunden. Ein volles Jahr lang, bis zum 31. Mai 1814 hielt Davoust, treu dem Befehle seines Kaisers, die Stadt; ihre Auslieferung gehörte mit zu den Bedingungen des Pariser Friedens. Als darauf der russische General Bennigsen einzog, ward er mit weit weniger Geräusch empfangen als Tettenborn. Pfeil schilderte den Zustand der Stadt als einen trostlosen, und ging so weit zu behaupten, daß Hamburg durch die französische Aussaugung völlig ruinirt sei, und nie wieder seine frühere Prosperität werde erreichen können. Dagegen erhob der Grosvater Eichmann den lebhaftesten Einspruch. Pfeil wollte sehr zuversichtlich mit einigen hohen Zahlen, die sich aber seinem Gedächtnisse nicht genau genug eingeprägt hatten, die enormen Verluste der Hamburger Kaufherren anführen, der Grosvater bewies ihm indessen noch zuversichtlicher und mit überlegener Sachkenntniß, daß diese Verluste sich schlimmer anließen als sie wirklich seien, weil der gröste Theil des Hamburger Handels auf der Spedition fremder Waaren beruhe, und weil der Spediteur niemals ganz allein das Risico für die ihm anvertrauten Sendungen übernehme. Er schloß mit der beruhigenden Versicherung: Verlassen Sie sich Wegen der großen Eile kam bei der Prägung das Versehn vor, daß die Münzen mehr Silber enthielten, als sie werth waren. Kaum bemerkten dies die Hamburger Juden, als auch schon die neuen Stücke mit Blitzesschnelle aus dem Verkehr verschwanden. Pfeil hatte einige dieser äußerst seltenen überwichtigen Münzen erhalten, und schenkte sie mir für meine Münzsammlung. Obgleich ich diese nun immer wohl verschlossen hielt, so ging es mir damit wie mit dem Körnerschen Taschenmesser; nach nicht gar langer Zeit waren sie verschwunden. Ein volles Jahr lang, bis zum 31. Mai 1814 hielt Davoust, treu dem Befehle seines Kaisers, die Stadt; ihre Auslieferung gehörte mit zu den Bedingungen des Pariser Friedens. Als darauf der russische General Bennigsen einzog, ward er mit weit weniger Geräusch empfangen als Tettenborn. Pfeil schilderte den Zustand der Stadt als einen trostlosen, und ging so weit zu behaupten, daß Hamburg durch die französische Aussaugung völlig ruinirt sei, und nie wieder seine frühere Prosperität werde erreichen können. Dagegen erhob der Grosvater Eichmann den lebhaftesten Einspruch. Pfeil wollte sehr zuversichtlich mit einigen hohen Zahlen, die sich aber seinem Gedächtnisse nicht genau genug eingeprägt hatten, die enormen Verluste der Hamburger Kaufherren anführen, der Grosvater bewies ihm indessen noch zuversichtlicher und mit überlegener Sachkenntniß, daß diese Verluste sich schlimmer anließen als sie wirklich seien, weil der gröste Theil des Hamburger Handels auf der Spedition fremder Waaren beruhe, und weil der Spediteur niemals ganz allein das Risico für die ihm anvertrauten Sendungen übernehme. Er schloß mit der beruhigenden Versicherung: Verlassen Sie sich <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div> <p><pb facs="#f0458" n="446"/> Wegen der großen Eile kam bei der Prägung das Versehn vor, daß die Münzen mehr Silber enthielten, als sie werth waren. Kaum bemerkten dies die Hamburger Juden, als auch schon die neuen Stücke mit Blitzesschnelle aus dem Verkehr verschwanden. Pfeil hatte einige dieser äußerst seltenen überwichtigen Münzen erhalten, und schenkte sie mir für meine Münzsammlung. Obgleich ich diese nun immer wohl verschlossen hielt, so ging es mir damit wie mit dem Körnerschen Taschenmesser; nach nicht gar langer Zeit waren sie verschwunden. </p><lb/> <p>Ein volles Jahr lang, bis zum 31. Mai 1814 hielt Davoust, treu dem Befehle seines Kaisers, die Stadt; ihre Auslieferung gehörte mit zu den Bedingungen des Pariser Friedens. Als darauf der russische General Bennigsen einzog, ward er mit weit weniger Geräusch empfangen als Tettenborn. Pfeil schilderte den Zustand der Stadt als einen trostlosen, und ging so weit zu behaupten, daß Hamburg durch die französische Aussaugung völlig ruinirt sei, und nie wieder seine frühere Prosperität werde erreichen können. Dagegen erhob der Grosvater Eichmann den lebhaftesten Einspruch. Pfeil wollte sehr zuversichtlich mit einigen hohen Zahlen, die sich aber seinem Gedächtnisse nicht genau genug eingeprägt hatten, die enormen Verluste der Hamburger Kaufherren anführen, der Grosvater bewies ihm indessen noch zuversichtlicher und mit überlegener Sachkenntniß, daß diese Verluste sich schlimmer anließen als sie wirklich seien, weil der gröste Theil des Hamburger Handels auf der Spedition fremder Waaren beruhe, und weil der Spediteur niemals ganz allein das Risico für die ihm anvertrauten Sendungen übernehme. Er schloß mit der beruhigenden Versicherung: Verlassen Sie sich </p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [446/0458]
Wegen der großen Eile kam bei der Prägung das Versehn vor, daß die Münzen mehr Silber enthielten, als sie werth waren. Kaum bemerkten dies die Hamburger Juden, als auch schon die neuen Stücke mit Blitzesschnelle aus dem Verkehr verschwanden. Pfeil hatte einige dieser äußerst seltenen überwichtigen Münzen erhalten, und schenkte sie mir für meine Münzsammlung. Obgleich ich diese nun immer wohl verschlossen hielt, so ging es mir damit wie mit dem Körnerschen Taschenmesser; nach nicht gar langer Zeit waren sie verschwunden.
Ein volles Jahr lang, bis zum 31. Mai 1814 hielt Davoust, treu dem Befehle seines Kaisers, die Stadt; ihre Auslieferung gehörte mit zu den Bedingungen des Pariser Friedens. Als darauf der russische General Bennigsen einzog, ward er mit weit weniger Geräusch empfangen als Tettenborn. Pfeil schilderte den Zustand der Stadt als einen trostlosen, und ging so weit zu behaupten, daß Hamburg durch die französische Aussaugung völlig ruinirt sei, und nie wieder seine frühere Prosperität werde erreichen können. Dagegen erhob der Grosvater Eichmann den lebhaftesten Einspruch. Pfeil wollte sehr zuversichtlich mit einigen hohen Zahlen, die sich aber seinem Gedächtnisse nicht genau genug eingeprägt hatten, die enormen Verluste der Hamburger Kaufherren anführen, der Grosvater bewies ihm indessen noch zuversichtlicher und mit überlegener Sachkenntniß, daß diese Verluste sich schlimmer anließen als sie wirklich seien, weil der gröste Theil des Hamburger Handels auf der Spedition fremder Waaren beruhe, und weil der Spediteur niemals ganz allein das Risico für die ihm anvertrauten Sendungen übernehme. Er schloß mit der beruhigenden Versicherung: Verlassen Sie sich
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Zitationshilfe: | Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871], S. 446. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/parthey_jugenderinnerungen01_1871/458>, abgerufen am 16.02.2025. |