Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871].Paul hatte einen alten französischen Schmöker aufgetrieben: Qui bibit ex negas - (wer die Neigen austrinkt) und wagte dies auch an des Grosvaters Tische vorzubringen. Aber damit kam er nicht durch. "Sein Sie still, junger Freund!" herrschte ihn der Grosvater an, "ich habe in der Schule negis gelernt, und damit Basta. Ihr gelehrten Lateiner bildet euch ein, den <Orbis pictus> zu verbessern; ja wohl, per Johann Ballhorn!" In einer Abendgesellschaft bei uns sagte mir einst der Vetter Franz Eichmann, ich möchte am nächsten Sonntage den Grosvater fragen, ob er den Vers kenne Westfalus est sine pi- sine pu- sine con- sine veri- Das that ich denn auch ganz unbefangen, aber da erhob sich bei dem Grosvater, der mit Recht auf sein Vaterland stolz war, ein gewaltiges Unwetter. "Dummer Junge, wer hat dir denn so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt? Gewiß einer von den naseweisen Burschen in Secunda! Bekümmre dich lieber um deine lateinischen Exercitia und Extemporalia", u. s. w. Ich saß sehr betroffen da, und wagte kaum, die Augen verstohlen zum Vetter Franz aufzuschlagen; es kam mir aber nicht entfernt in den Sinn, ihn zu verrathen, denn "petzen" galt von jeher bei allen Schülern für ein entehrendes Verbrechen. Wir lachten nachher zusammen über den patriotischen Zorn des Grosvaters, aber ich wollte nun auch den Sinn des verhängnisvollen Verses erfahren, der einen solchen Lärm herbeigeführt, und Vetter Franz gab mir folgende Auflösung: Paul hatte einen alten französischen Schmöker aufgetrieben: ‹Amusements philologiques›; darin fand er für den Trinkvers folgende Variante, die ihm richtiger schien: Qui bibit ex negas – (wer die Neigen austrinkt) und wagte dies auch an des Grosvaters Tische vorzubringen. Aber damit kam er nicht durch. „Sein Sie still, junger Freund!“ herrschte ihn der Grosvater an, „ich habe in der Schule negis gelernt, und damit Basta. Ihr gelehrten Lateiner bildet euch ein, den ‹Orbis pictus› zu verbessern; ja wohl, per Johann Ballhorn!“ In einer Abendgesellschaft bei uns sagte mir einst der Vetter Franz Eichmann, ich möchte am nächsten Sonntage den Grosvater fragen, ob er den Vers kenne Westfalus est sine pi- sine pu- sine con- sine veri- Das that ich denn auch ganz unbefangen, aber da erhob sich bei dem Grosvater, der mit Recht auf sein Vaterland stolz war, ein gewaltiges Unwetter. „Dummer Junge, wer hat dir denn so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt? Gewiß einer von den naseweisen Burschen in Secunda! Bekümmre dich lieber um deine lateinischen Exercitia und Extemporalia“, u. s. w. Ich saß sehr betroffen da, und wagte kaum, die Augen verstohlen zum Vetter Franz aufzuschlagen; es kam mir aber nicht entfernt in den Sinn, ihn zu verrathen, denn „petzen“ galt von jeher bei allen Schülern für ein entehrendes Verbrechen. Wir lachten nachher zusammen über den patriotischen Zorn des Grosvaters, aber ich wollte nun auch den Sinn des verhängnisvollen Verses erfahren, der einen solchen Lärm herbeigeführt, und Vetter Franz gab mir folgende Auflösung: <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div> <p> <pb facs="#f0243" n="231"/> </p><lb/> <p>Paul hatte einen alten französischen Schmöker aufgetrieben: ‹Amusements philologiques›; darin fand er für den Trinkvers folgende Variante, die ihm richtiger schien: </p><lb/> <p>Qui bibit ex <hi rendition="#u">negas</hi> – (wer die Neigen austrinkt) </p><lb/> <p>und wagte dies auch an des Grosvaters Tische vorzubringen. Aber damit kam er nicht durch. „Sein Sie still, junger Freund!“ herrschte ihn der Grosvater an, „ich habe in der Schule <hi rendition="#u">negis</hi> gelernt, und damit Basta. Ihr gelehrten Lateiner bildet euch ein, den ‹<hi rendition="#b">Orbis pictus›</hi> zu verbessern; ja wohl, per Johann Ballhorn!“ </p><lb/> <p>In einer Abendgesellschaft bei uns sagte mir einst der Vetter Franz Eichmann, ich möchte am nächsten Sonntage den Grosvater fragen, ob er den Vers kenne </p><lb/> <p>Westfalus est sine pi- sine pu- sine con- sine veri- </p><lb/> <p>Das that ich denn auch ganz unbefangen, aber da erhob sich bei dem Grosvater, der mit Recht auf sein Vaterland stolz war, ein gewaltiges Unwetter. „Dummer Junge, wer hat dir denn so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt? Gewiß einer von den naseweisen Burschen in Secunda! Bekümmre dich lieber um deine lateinischen Exercitia und Extemporalia“, u. s. w. Ich saß sehr betroffen da, und wagte kaum, die Augen verstohlen zum Vetter Franz aufzuschlagen; es kam mir aber nicht entfernt in den Sinn, ihn zu verrathen, denn „petzen“ galt von jeher bei allen Schülern für ein entehrendes Verbrechen. </p><lb/> <p>Wir lachten nachher zusammen über den patriotischen Zorn des Grosvaters, aber ich wollte nun auch den Sinn des verhängnisvollen Verses erfahren, der einen solchen Lärm herbeigeführt, und Vetter Franz gab mir folgende Auflösung: </p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [231/0243]
Paul hatte einen alten französischen Schmöker aufgetrieben: ‹Amusements philologiques›; darin fand er für den Trinkvers folgende Variante, die ihm richtiger schien:
Qui bibit ex negas – (wer die Neigen austrinkt)
und wagte dies auch an des Grosvaters Tische vorzubringen. Aber damit kam er nicht durch. „Sein Sie still, junger Freund!“ herrschte ihn der Grosvater an, „ich habe in der Schule negis gelernt, und damit Basta. Ihr gelehrten Lateiner bildet euch ein, den ‹Orbis pictus› zu verbessern; ja wohl, per Johann Ballhorn!“
In einer Abendgesellschaft bei uns sagte mir einst der Vetter Franz Eichmann, ich möchte am nächsten Sonntage den Grosvater fragen, ob er den Vers kenne
Westfalus est sine pi- sine pu- sine con- sine veri-
Das that ich denn auch ganz unbefangen, aber da erhob sich bei dem Grosvater, der mit Recht auf sein Vaterland stolz war, ein gewaltiges Unwetter. „Dummer Junge, wer hat dir denn so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt? Gewiß einer von den naseweisen Burschen in Secunda! Bekümmre dich lieber um deine lateinischen Exercitia und Extemporalia“, u. s. w. Ich saß sehr betroffen da, und wagte kaum, die Augen verstohlen zum Vetter Franz aufzuschlagen; es kam mir aber nicht entfernt in den Sinn, ihn zu verrathen, denn „petzen“ galt von jeher bei allen Schülern für ein entehrendes Verbrechen.
Wir lachten nachher zusammen über den patriotischen Zorn des Grosvaters, aber ich wollte nun auch den Sinn des verhängnisvollen Verses erfahren, der einen solchen Lärm herbeigeführt, und Vetter Franz gab mir folgende Auflösung:
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Zitationshilfe: | Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 1. Berlin, [1871], S. 231. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/parthey_jugenderinnerungen01_1871/243>, abgerufen am 28.02.2025. |