@type | jReadersLetters |
@facs | 0051 |
@xml:id | #ar011b_001 |
@type | jArticle |
@facs | 0051 |
Aus Ostfriesland, 3. Juni 1848.
Die ostfriesischen Landstände haben in ihrer Ansprache an die deutsche
Reichsversammlung zu Frankfurt a. M. vom 18. Mai d. J., sich einstimmig für
das Princip der Volkssouveränität und der Oberherrlichkeit des deutscheu
Parlaments über alle Einzelregierungen und Stände in Deutschland, so wie
sonst auch durch überwiegende Majorität für das Einkammersystem
ausgesprochen und eine Commission zur Revision der ostfriesischen
Verfassungsurkunde und Ausarbeitung einer neuen Verfassungsurkunde auf Grund
des Ein-Curiensystems statt des bisherigen Drei-Curiensystems niedergesetzt.
Desto mehr Sensation mußte es in Ostfriesland erregen, als von Ministern und
Ständen in Hannover das Princip der Volkssouveränität und der
Oberherrlichkeit des deutschen Parlaments zu Frankfurt bestritten und das
den Ostfriesen so verhaßte Zwei-Kammersystem durchgeführt wurde. Deshalb
wurde auf den 23. Mai d. J. eine allgemeine ostfriesische Volksversammlung
nach Eschen bei Aurich ausgeschrieben, worin Volksmänner aus allen Theilen
Ostfrieslands zahlreich erschienen und sich fast einstimmig über folgende
Punkte vereinigte:
1) Daß man das in Hannover angegriffene Princip der Volkssouveränität und die
Obergewalt der deutschen Reichsversammlung in Frankfurt a. M. über alle
Regierungen und Stände einzelner Staaten in Deutschland, der hannoverschen
Regierung gegenüber, unumwunden aussprechen und Ministerium und Stände in
Hannover wegen ihrer anscheinend sonderbündlerischen Bestrebungen vor ganz
Deutschland verantwortlich machen, auch ihnen offen zu erkennen geben wolle,
daß man kein Vertrauen mehr zu ihnen habe;
2) daß man den jetzigen hannoverschen Ständen die Befugniß gänzlich bestreite
eine neue Verfassung für das Königreich zu machen oder auch die alte
rechtsungültige von 1840 auszuflicken, wie sie es jetzt, trotz aller
Protestationen des Landes und der Abmahnung des Fünfziger-Ausschusses
dennoch zu thun gewagt hätten; daß man vielmehr auf sofortige Auflösung der
jetzigen Stände und Zusammenberufung einer constituirenden Versammlung für
das Königreich, die jedoch erst nach Feststellung der deutschen
Reichs-Verfassung zusammen treten dürfe, bestehen müsse;
3) daß man bei der künftigen Landes-Verfassung für Hannover eine wahre
Volksvertretung, mithin ein Einkammersystem verlange;
4) daß man über den ersten Punkt in einer an das Gesammtministerium und die
Stände-Versammlung zu Hannover zu richtenden energischen Eingabe sich
erklären und von dieser Eingabe der deutschen Reichsversammlung zu Frankfurt
a. M. Kenntniß geben, über den zweiten und dritten Punkt aber eine
Beschwerde an die Reichsversammlung zu Frankfurt a. M richten und dadurch
einen Befehl an die hannoversche Regierung zum Abstand von aller
Verfassungsgebung und Abänderung mit den jetzigen dazu incompetenten Ständen
erwirken wolle.
In diesem Sinne sind darauf die betreffenden Eingaben entworfen und dieselben
werden mit zahlreichen Unterschriften von Einwohnern aus allen Theilen
Ostfrieslands bedeckt, ehestens an ihre Bestimmung abgeben.
[(W. Z.)]
@xml:id | #ar011b_002 |
@type | jArticle |
@facs | 0051 |
Frankfurt, 7. Juni. (13. Sitzung der constituirenden Nationalversammlung.)
Nach Verlesung des Protokolls erbat Venedey das Wort,
um zu erklären, daß er in der vorigen Sitzung mit den Worten: es ist noch
nicht aller Tage Abend, keine Drohung, sondern bloß die geschichtliche Lehre
habe aussprechen wollen, daß eine Majorität auch einmal Minorität werden
könne und daher sich hüten solle, die Minorität zu unterdrücken. Der
Präsident erklärte, nach dieser Erläuterung nehme er gern denRuf zur Ordnung
zurück. Sodann zeigte der Präsident an, daß der Prioritätsausschuß bis jetzt
72 Anträge und 46 Petitionen an die bereits bestehenden Ausschüsse verwiesen
habe. Welcker wünscht Beschleunigung des Drucks der
Protokolle; es sey traurig, daß so viele unwahre Berichte über die
Verhandlungen verbreitet, und keine einzige ächte Quelle für letztere
verhanden sey. Wigard: die Schuld der bisherigen
Verzögerung liege bloß darin, daß die Verträge mit den Druckern noch nicht
abgeschlossen gewesen. Jeitteles dringt auf
möglichste Correctheit des Drucks. Jaup beantragt,
daß der internationale Ausschuß ermächtigt werde, über die in seine Arbeiten
einschlagenden Thatsachen und Verhältnisse, da, wo es geeignet erscheinen
mag, belehrende Auskunft sich zu verschaffen. (Diese Ermächtigung wurde im
Verlauf der Sitzung von der Versammlung einstimmig ertheilt.) Ziegert will einen Antrag auf Niedersetzung eines
Ausschusses von 30 Mitgliedern für ein deutsches bürgerliches und Strafrecht
als dringend sogleich begründen; derselbe wird jedoch vorerst an den
Prioritätsausschuß verwiesen. Da keine Ausschußanträge vorlagen, war die
Tagesordnung erschöpft. Freudentheil ergreift das
Wort, erwähnt des Umstandes, daß die Beamten und sonstigen angesehenen
Einwoh- von Hadersleben durch das Einrücken der Dänen zur Flucht genöthigt
worden seyen, und knüpft daran den Antrag: die Nationalversammlung wolle den
Bundestag auffordern, unvorzüglich die nöthigen Maßregeln zu ergreifen, um
während der Dauer des Kriegs und der Friedensunterhandlungen die Einwohner
von Schleswig gegen feindliche Einfälle zu schützen. Der Präsident bemerkt,
es seyen ihm auch viele Petitionen in gleichem Sinne zugekommen; da aber der
Bericht des Ausschusses über diesen Gegenstand morgen erstattet werden
solle, so dürfte die Berathung überhaupt bis dahin zu verschieden seyn. Freudenreich kündigt gleichzeitig Proteste einer
großen Anzahl Hannoveraner gegen jeden Partikularismus an, und erklärt, daß
sie Deutsche seyn und bleiben wollen (Beifall). Schüler aus Jena stellt im Namen von 23 Mitgliedern den Antrag:
Von der Bundesversammlung schleunige Vorlage der Acten und Verhandlungen
über den Krieg mit Dänemark, so wie über die Ursachen der letzten traurigen
Ereignisse und der rückgängigen Bewegung der deutschen Bundestruppen zu
verlangen, damit die Nationalversammlung die Sache prüfen und weitere
Maßregeln beschließen könne. Auch dieser Antrag wird zur morgenden Berathung
verwiesen. Eine Adresse Joachim Lelewel's an die
Nationalversammlung wird verlesen und der Druck derselben beschlossen. v. Auerswald verliest eine Erklärung des preußischen
Ministers v. Arnim in Betreff der von Rob. Blum in der Sitzung vom 27. v. M.
nach der Mittheilung eines Diplomaten angeführten Thatsache, daß die preuß.
Regierung den übrigen deutschen Regierungen den Rath gegeben, möglichst
viele Landtage als Gegengewicht der const. Versammlung einzuberufen. Der
Minister erklärt, die preuß. Regierung habe niemals irgend einer Regierung
einen Rath gegeben, der dahin zielen könnte, die Nationalversammlung in
Frankfurt zu paralysiren oder zu schwächen. Sie weise die Beschuldigung
eines Verraths an der deutschen Sache als verläumderisch zurück und fordere
zum Beweis der Thatsache auf. Blum erwidert: er habe
die angegebenen Ausdrücke nicht gebraucht. Durch die eben vernommene
Erklärung sey übrigens die Sache um keinen Schritt weiter geführt, vielmehr
nur die Privatmittheilung eines Ministers der Privatmittheilung eines andern
Ministers entgegengestellt. Er schlägt der Versammlung vor, sie möge von den
betreffenden beiden Ministerien die Akten einfordern. Abg. v. Vinke: wenn man einen preuß. Minister verdächtige,
so sollte auch der Name des anderen Ministers, von dem die Angabe herrühre,
genannt werden. Es liege hier keine Privatmittheilung, sondern die
offizielle Erklärung eines verantwortlichen konstitutionellen Ministers der
Krone Preußen vor; Blum's Sache sey es, die Aktenstücke vorzubringen. Blum: Was von einem Minister einem einzelnen
Mitgliede dieser Versammlung mitgetheilt werde, sey Privatmittheilung; die
Nationalversammlung verhandle durch ihren Präsidenten, nicht durch einzelne
Mitglieder. Uebrigens möge seine (Blum's) damalige Aeußerung hier nochmals
verlesen werden. Die weitere Verhandlung dieser Sache wurde auf morgen
vertagt. Glaß stellt, unter Hinweisung auf das heute
vertheilte Programm zu dem Sclavenkongresse in Prag den Antrag: den Ausschuß
für die provis. Centralgewalt zu schleuniger Berichterstattung aufzufordern.
Durch jenes Programm sey der Einheit Deutschlands und den Beschlüssen dieser
Versammlung der Fehdehandschuh hingeworfen worden. Es könne nöthig werden,
einen Theil der an der Westgränze aufgestellten Streikräfte gegen Böhmen hin
aufzustellen, um unseren Beschlüssen Kraft zu geben und den separatistischen
Bestrebungen mit dem Schwert entgegenzutreten. v.
Lindenau bemerkt, die Kommission sei bereits seit drei Tagen mit
ihrer Aufgabe beschäftigt, sie werde heute Abend ihre letzte Sitzung halten
und dann sofort Bericht erstatten. Ostendorf führt
an: bereits solle auf dem Slavenkongreß beschlossen worden sein, zwei
Deputirte nach Paris zu senden, um von der dortigen Nationalversammlung die
böhmische Nationalität garantiren zu lassen. Er erneuert seinen Antrag auf
Niedersetzung einer besondern Kommission zur Prüfung der Verhältnisse in den
slavisch-deutschen Ländern. Der Präsident: dieser
Antrag sei gestern bereits verworfen worden; übrigens habe der Wahlausschuß
in dieser Beziehung eine allgemeine Vollmacht erhalten. Schilling und Wießner machen geltend, daß
seit gestern die Sache eine andere Gestalt gewonnen habe. „Gestern, sagt
Wießner, wußten wir noch nicht, daß die Integrität Deutschlands gefährdet
sey, daß man ein seit Jahrhunderten deutsches Land von Deutschland loßreißen
wolle. Man hat von der Majestät dieser Versammlung gesprochen; wohlan,
zeigen wir uns majestätisch; sprechen wir es aus, daß kein Fuß breit
deutscher Erde verloren gehen darf. Unterstützen Sie die österreichische
Regierung in ihrer bedrängten Lage. Die Polen in Posen bereiten eine neue
Schilderhebung; wenn wir auf der einen Seite keine Kraft zeigen, werden wir
auf der andern Seite unsre Feinde ermuthigen. Reiter
aus Prag kommt auf seinen frühern Antrag zurück, das deutsche Bundesgebiet
für unverletzlich und jeden Angriff auf dasselbe für Landesverrdth zu
erklären. Venedey ist gegen eine solche Erklärung,
weil die Unverletzlichkeit des Bundesgebiets nicht einmal in Frage gestellt
werden dürfe. Graf Wartensleben glaubt nicht an eine
Einigung der Slaven. Nauwerk: Man solle die
österreichische Regierung unterstützen, aber auch gegen ihre auswärtigen
Thorheiten protestiren. (Ruf zur Ordnung!). Präsident ermahnt, beleidigende Ausdrücke zu vermeiden (!). Nauwerk: Der Ausdruck Thorheit sei nicht
beleidigend; wäre er es, so würde er ihn zurücknehmen. Es sey eine
Ungerechtigkeit, wenn Oesterreich Italien bekriege. Die italienische Nation
habe ein Recht, frei zu sein. Ruge: die Territorial-
und Nationalitätsfrage gehöre der despotischen Zeit an; alle Völker müßten
sich möglichst frei konstituiren und unter sich verbrüdern dürfen. Er stimmt
für einen Ausschuß, aber um die Verbrüderung mit den Slaven einzuleiten.
Deutschland könne sich nicht in Kriege stürzen, um andere Völker zu
unterjochen; die Versammlung in der Paulskirche sey gekommen, um Freiheit zu
gründen, nicht sie zu stürzen. Adg. v. Mühlfeld: Das
Programm des provisorischen Comite in Prag sey noch nicht vom Kongresse
angenommen. Hartmann: Deutschland habe die Pflicht,
die Slaven nicht in Böhmen festen Fuß fassen zu lassen, es sey also eine
Kriegs-, keine Nationalitätsfrage. Neuwald: Wenn
Oesterreich eine freie Verfassung habe, würden alle Provinzen sich ihm gerne
wieder anschließen; es werde auch mächtiger sein in seiner freien Gestalt.
Die österreichische Regierung meint es ehrlich; aber ein böser Dämon dränge
sich zwischen Regierung und Volk; er habe den Kaiser zur Entferung von Wien
verleitet und suche die Provinzen zu entzweien. Wien habe der Reaktion im
Lapidarstyl mit Pflastersteinen geantwortet. Das slavische Parlament sei
übrigens nicht gewählt, sondern einzelne Leute seien nach Gutdünken
hingegangen. Eine direkte Antwort hält der Redner deßhalb mit der Würde der
Nationalversammlung nicht verträglich; wohl aber möge der Ausschuß die
nöthigen Einleitungen treffen. Ghiskra: Das
Central-Komite sei der Ausfluß der Meinungen, die alle Slaven beseelten; die
Bewegung sei bereits im März vorbereitet gewesen, und durch die Beschlüsse
der deutschen Nationalversammlung zu Gunsten der Einheit Deutschlands nur
zur Reife gebracht worden. Der Kongreß werde Das beschließen, was das Komite
vorgeschlagen habe. Die österreichische Regierung verdiene Unterstützung,
weil sie die deutsche Bewegung endlich ergriffen habe. Das Ministerium habe
anfangs allerdings mit den Slaven geliebäugelt; jetzt aber erkenne es die
Zeit, und sehe ein, daß das deutsche Element in Oesterreich verloren wäre,
wenn das slavische Prinzip zur Herrschaft gelangte. Zeigen wir, (äußert der
Redner schließlich) dem deutschen wie dem slavischen Element, daß wir das
deutsche Element nicht verkümmern lassen, und die czechische Bewegung wird
vergehen. Zeigen wir gegenüber dem Protest der Slaven gegen die Wahlen zum
deutschen Parlament, daß wir solchen Protesten nicht bloß mit dem Wort,
sondern auch mit dem Schwert entgegenzutreten bereit sind. Würth von Wien wünscht, daß in den Ausschluß nur
Männer gewählt werden, die mit den Verhältnissen vertraut sind, und daß man
alles Provocirende gegen die Slaven vermeide. Reiter's Antrag in Betreff der
Unverletzlichkeit des Bundesgebiets (s. oben) wurde nicht zur Abstimmung
gebracht, dagegen die Niedersetzung eines Ausschusses „zur Begutachtung der österreichisch-slavischen Frage, soweit es
sich von deutschen Bundesländern handelt,“ beschlossen.
@xml:id | #ar011b_003 |
@type | jArticle |
@facs | 0051 |
Von Viersen ist nachstehende Adesse an die
Nationalversammlung in Berlin abgegangen:
Hohe Versammlung!
Wir hatten eine hohe Achtung vor unserm Staatsministerium. Diese Achtung
gebot uns Stillschweigen, obgleich wir mehrere Schritte dieses Ministeriums
nicht billigen konnten; wir glaubten Schweigen beobachten zu dürfen, weil
wir diese Schritte, das Bedürfniß der baldigen Abänderung in sich tragend,
als nur vorübergehend ansahen.
Jetzt aber hat der Entwurf zu einer preußischen Verfassung, unsern Vertretern
in Berlin vorgelegt, uns mit Verwunderung und tiefem Schmerz erfüllt, mit
Verwunderung, weil wir an dem Ministerium Camphausen durch diesen Entwurf,
sowohl in Bezug auf dessen Fähigkeit als auf dessen guten Willen, irre
wurden; mit Schmerz, weil der Entwurf den gerechten Erwartungen des Volks
nicht entspricht, und weil er, zur Geltung gebracht, in seinen Folgen für
Preußens Volk verderbenbringend sein würde.
Aus Vorgesagtem, wie auch daraus, daß uns ein einiges, mächtiges, freies
Deutschland über Alles geht, daß wir in diesem einigen Deutschland ein
glückliches, in seinen Rechtsverhältnissen unerschütterliches Preußen
wollen, werden nachstehende Anträge gerechtfertigt erscheinen:
1) An der Spitze der preußischen Verfassung sei es klar und deutlich
ausgedrückt, daß alle aus der jetzigen Berathung sich ergebenden
Verfassungsgesetze nur in sofern Geltung behalten, als sie mit den
Beschlüssen der deutschen Nationalversammlung zusammen fallen, und daß alle
Abweichungen durch die nächste Landesvertretung mit jenen Frankfurter
Beschlüssen in Harmonie zu bringen sind.
2) Die Verfassung selbst bestimme, in welchen Fällen und unter welchen Formen
ein Staatsbürger verhaftet oder gewaltsam in eine Wohnung eingedrungen
werden kann.
3) Der Einfluß der Staatsgewalt bei Besetzung geistlicher Aemter, sowie die
Berufung an die weltliche Gewalt in geistlichen Sachen falle weg, die
landesherrlichen Patronate seien aufgehoben; der Verkehr der Geistlichen mit
ihren Ober-Untergebenen sei von aller Beschränkung frei; die verschiedenen
Kirchen werden als selbstständige Rechtssubjekte anerkannt, mit der
Befugniß, Güter zu erwerben, zu verwalten und zu veräußern.
4) Der Unterricht sei frei, und nur der öffentliche Unterricht, welcher auf
Kosten des Staats zu ertheilen ist, durch besondere Gesetze geregelt.
5) Die Preßvergehen werden ausschließlich durch die Geschworenen
beurtheilt.
6) Alle im Verfassungsentwurfe, aufgestellten Beschränkungen des unbedingten
Petitions-Versammlungs- und Associationsrechtes fallen gänzlich weg.
7) Das Briefgeheimniß sei ohne Ausnahme unverletzlich.
8) Die gerichtliche Verfolgung der Beamten werde an keine Autorisation
gebunden, und die Beschlüsse der Verwaltungsbehörden haben nur in sofern
Geltung, als sie mit den Gesetzen übereinstimmen.
9) Wir verlangen Eine Kammer, ganz vom Volke gewählt, oder, wenn nicht anders
möglich, eine erste und eine zweite Klammer, beide vom Volke gewählt, mit
nur einem Unterschied in Betreff des Alters der Wählbarkeit, in der ersten
Kammer habe der Kronprinz Sitz mit zurückgelegtem 18. Lebensjahre, Stimme
nur mit dem vollendeten 25. Lebensjahre, der König habe nur ein suspensives
Veto auf ein oder zwei Jahre.
10) Die Civilliste des Königs werde jedes Jahr von der Nationalversammlung
auf die Dauer eines Jahres festgestellt.
11) Es werde eine freie Gemeinde-Verfassung gegeben, worin namentlich die
Ernennung und Besoldung sämmtlicher Gemeinde-Beamten, ausschließlich der
Gemeinde gesichert sei.
12) Allgemeine Volksbewaffnung werde sofort ins Leben gerufen und durch ein
besonderes Gesetz organisirt.
13) Der Adel, so wie alle Auszeichnung der Bürger durch Titel und Orden höre
auf.
14) Das Zusammentreten der Nationalversammlung finde jedes Jahr an einem
bestimmten Tage Statt, selbst ohne vorherige Einberufung durch den
König.
15) Der Grundsatz der Volkssouveränität sei bei der ganzen Verfassung
maßgebend.
16) Die verschiedenen Gesetze, worauf die neue Verfassung Bezug nimmt, werden
sofort beschlossen und treten gleichzeitig mit dem Verfassungsgesetze in
Kraft.
Hohe Versammlung, sollen wir uns der freudigen Hoffnung hingeben dürfen, daß
ein gesicherter Rechtszustand Preußens Glück begründe, so muß den obigen
Anforderungen der Unterzeichneten vollständig entsprochen werden.
Vierssen, 6. Juni 1848.
Einer hohen Versammlung ergebene:
(folgen 559 Unterschriften).
@xml:id | #ar011b_004 |
@type | jArticle |
@facs | 0051 |
Von der Weser, 6. Juni.
Der Stock, um den sich die Schlange des Aesculaps windet, ist nach dem 18/19
März noch deutlicher ein Korporalstock geworden, als er bisher schon war;
denn der Generalstabsarzt der Armee hat den Ministerial-Erlaß vom 27. April
d. J., in Folge dessen Adressen und Petitionen von Offizieren und Gemeinen
nur auf den gesetzlich vorgeschriebenen Instanzenwege angebracht werden
sollen, durch ein Cirkular auch au die Militärärzte angewandt. Für die
Ursache dieser höchst auffallenden und eigen mächtigen Handlung, zu welcher
gar kein Recht vorliegt, hält man das Einreichen mehrer Petitionen von
Kompagnie-Chirurgen, die sich in ihrer großen Noth und weil bisher alle
Ersuche an ihren Chef und an das Kriegsministerium unberücksichtigt blieben,
jetzt dem Staatsministerium ihre höchst traurige und beklagenswerthen
Verhältnisse angezeigt und um endliche Berücksichtigung gebeten haben. Es
scheint jenem Verbot nur die Absicht zum Grunde zu liegen, daß die
jämmerlichen Verhältnisse eines höchst gedrückten Standes nicht laut werden
und zu Gunsten des Bestehens einer längst entbehrlichen Anstalt, d. h. des
medizinischen Friedrich-Wilhelms-Instituts bestehen bleiben sollen, wovon
Jeder den Grund errathen kann. Die Eigenmächtigkeit des Generalstaabs-Arztes
in Betreff jener Anwendung des bezeichneten Erlasses aus der provisorischen
Regierungszeit des Herrn von Reyher wird durch folgende Beweise erhärtet: 1.
Bezieht sich jener Erlaß nur auf Offiziere, Unteroffiziere und Gemeine; 2.
besteht keine Bestimmung, nach welcher dem Generalstabsarzte die Anwendung
eines solchen Erlasses auf die Militairärzte zusteht; 3. hat bisher keine
Anwendung desselben auf andere Militairbeamte Statt gefunden; 4. ist als
Grund von dem Herrn von Reyher angegeben, daß das Militair die exekutive
Gewalt darstelle. Hier läßt sich bemerken: a. der Militairarzt hat nichts zu
exekutiren und muß sich im Nothfalle hinter das Militair stecken, unter
dessen Despotie er noch seufzt; b. ist er nicht combattant; c. nicht auf die
Kriegsartikel vereidigt; d. gehört er nach der Klassifikation im
Strafgesetzbuch nicht unter die Personen des Soldatenstandes. 5. Es besteht
keine Bestimmung, auf welchem Instanzenwege die Militairärzte ihre Gesuche
anbringen sollen. 6. Hat man sich noch zur Zopfzeit direkt mit Gesuchen an
den Kriegsminister gewandt, ohne Rügen zu erhalten. 7. Kann die Disciplin
unter den Militairärzten auch ohne Anwendung des Korporalstockes aufrecht
erhalten werden. Es ist traurig zu sehen, daß Behörden nichts gelernt und
nichts vergessen haben und sich in die Neuzent noch nicht zu finden wissen.
Wer diese Erklärung zu widerlegen vermag, thue es; das Zopfregiment darf
aber nicht mehr auftauchen, dafür haben wir die freie Presse.
Gatreide- und Oelhandel.
@xml:id | #ar011b_005 |
@type | jArticle |
@facs | 0051 |
Köln, 10. Juni 1848.
Seit unserer letzten Uebersicht sind fast keine Umsätze in dem Getraidehandel
auf unserem Platze vorgekommen und unsere Ansicht darüber ist bis jetzt
völlig gerechtfertigt; es ist wenig Leben darin.
Von Waizen blieben unsere ansehnlichen Vorräthe unvermindert und die
mittlerweile aufgeregte Luft zu Versendungen, legte sich wieder durch das
schnelle Fallen der Preise an den betreffenden Plätzen des Oberlandes. Der
Preis ist für gleich lieferbare Waare Thlr. 51/3, per Juli Thlr. 55/12.
Der Preis von Roggen ist unverändert auf Thlr. 4 geblieben. Auf künfgen
November hat sich für diese Getraide-Sorte inzwischen ein neuer Termin
eröffnet, wofür Thlr. 4 Verkäufer, zu 1/12 Thlr. weniger, Käufer zu finden
sind.
Gerste, hiesige Thlr. 3 und 25/6, oberländische Thlr. Thlr. 31/2 und 1/4,
ohne Handel.
Ebenso der Hafer, wovon der Preis unverändert. Der diese Woche überhäufig
gefallene Regen, rief einige Besorgnisse für die künftige Erndte hervor. Man
befürchtete daß der Roggen im Felde sich legen würde. Wenn indessen, wie es
bei dem bereits umgeschlagenen Winde den Anschein hat, sich wieder
trockneres Wetter einstellt, so dürfte jenes Ereigniß nur wohlthuend für das
Feld im allgemeinen gewirkt haben, besonders aber für die Rapspflanze und
für die neue Aussaat des Sommersaamens, daher der Preis hier von Rüböl
schwankend und einigermaßen unter dem Einfluß von Holland und Belgien, wo
sich ebenfalls die Preise nicht befestigen wollen, ist. Der Preis ist per
Comptant Thlr. 271/2 und per Oktober Thlr. 291/3 à 29.
In Bezug auf den Lieferungshandel in Getraide wird augenblicklich der Versuch
gemacht, die hiesigen Häuser zu der Vereinbarung zu bringen, daß künftig
nicht mehr ausschließlich „frei Ufer hier“ sondern „im Inlande“ verkauft
werde. Unter letzterem Ausdruck soll dem Verkäufer das Recht eingeräumt
sein: im Termine die Waare nach seiner Willkühr, entweder am Ufer, (sei es
in einem Schiffe oder auf dem Rheinwerfte) oder auf einem Speicher zur
Empfangnahme zu überweisen.
Es wäre zu wünschen, daß uns die nächste Zukunft durch weitere
Vereinbarungen, noch fernere sachgemäße Verbesserungen brächte. Dahin dürfte
besonders die Abstellung des Mißbrauches der Verschleppung der
Termin-Ablieferung in den folgenden Monat zu rechnen sein, und als ganz
richtig scheint uns daher der Grundsatz, welcher nunmehr auch definitiv vom
Handelsgericht adoptirt worden ist, daß dergleichen Lieferungsgeschäfte und
folgleich auch die Ablieferungen im Termine völlig beendigt sein sollen.