Richt, daß ich mir erlauben wollte, was sich Porta erlaubte, Menschen- und Thiergesichter neben einander zu setzen und zu vergleichen -- Nein; größtentheils sind diese Vergleichungen er- zwungen und das Werk einer überspannten Einbildungskraft. -- Ohne dem witzigen, scharfsin- nigen, und mehr als beydes gelehrten Vater so vieler Physiognomisten zu nahe zu treten -- kann man dennoch mit Grunde sagen, daß seine Einbildungskraft oft über den Kreis der Wahrheit hinaus fliegt. Wenigstens scheinen mir so manche seiner aufgestellten seyn sollenden Aehnlichkeiten äusserst gesucht und erdichtet -- z. E. die zwischen einer Nachteule und dem Kaiser Vitellius; zwischen Domitian und einem Fische, Tiberius und einer Jacobsmuschel, Plato und ei- nem Hundskopfe. --
Jn allen diesen Hundsköpfen find' ich nichts platonisches -- finde überall keine beson- dere Aehnlichkeit mit diesem oder jenem Menschen drinn, lege sie auch gar nicht in dieser Ab- sicht vor, sondern vielmehr, um auf die Unähnlichkeit der Thiere und Menschen, und wie schon gesagt, die Allgemeinheit der Physiognomik aufmerksam zu machen. Der Hund scheint noch am meisten Stirn, gewölbte Menschenstirn zu haben. Wenige Thiere haben so viel Stirn übern Augen, wie der Hund -- aber so viel er an der Stirne zu gewinnen scheint, so viel verliert er wieder durch die äusserst thierische Nase, die alle Physiognomie der Spürerey hat, -- (auch der spürende Mensch hebt seine Nasenlöcher in die Höhe,) -- verliert durch die Entfernung des Mauls von der Nase -- verliert durch die Niedrigkeit oder Nichtigkeit des Kinns. -- Ganz Physiognomie des Spürens ist der unterste; -- des horchenden, schauenden, sich zum Kampfe rüstenden der vorletzte; des behaglich ruhenden der vor ihm zur Rechten; -- der dritte -- weniger drohend, als der fünfte, und furchtbarer, als der vierte. Der zweyte und erste haben in der großen Entfernung des Mundes von der Nase am meisten Hundisches. Ob die nieder-
geschlagnen
XXVII. Fragment. Hunde.
Sieben und zwanzigſtes Fragment. Hunde.
Richt, daß ich mir erlauben wollte, was ſich Porta erlaubte, Menſchen- und Thiergeſichter neben einander zu ſetzen und zu vergleichen — Nein; groͤßtentheils ſind dieſe Vergleichungen er- zwungen und das Werk einer uͤberſpannten Einbildungskraft. — Ohne dem witzigen, ſcharfſin- nigen, und mehr als beydes gelehrten Vater ſo vieler Phyſiognomiſten zu nahe zu treten — kann man dennoch mit Grunde ſagen, daß ſeine Einbildungskraft oft uͤber den Kreis der Wahrheit hinaus fliegt. Wenigſtens ſcheinen mir ſo manche ſeiner aufgeſtellten ſeyn ſollenden Aehnlichkeiten aͤuſſerſt geſucht und erdichtet — z. E. die zwiſchen einer Nachteule und dem Kaiſer Vitellius; zwiſchen Domitian und einem Fiſche, Tiberius und einer Jacobsmuſchel, Plato und ei- nem Hundskopfe. —
Jn allen dieſen Hundskoͤpfen find’ ich nichts platoniſches — finde uͤberall keine beſon- dere Aehnlichkeit mit dieſem oder jenem Menſchen drinn, lege ſie auch gar nicht in dieſer Ab- ſicht vor, ſondern vielmehr, um auf die Unaͤhnlichkeit der Thiere und Menſchen, und wie ſchon geſagt, die Allgemeinheit der Phyſiognomik aufmerkſam zu machen. Der Hund ſcheint noch am meiſten Stirn, gewoͤlbte Menſchenſtirn zu haben. Wenige Thiere haben ſo viel Stirn uͤbern Augen, wie der Hund — aber ſo viel er an der Stirne zu gewinnen ſcheint, ſo viel verliert er wieder durch die aͤuſſerſt thieriſche Naſe, die alle Phyſiognomie der Spuͤrerey hat, — (auch der ſpuͤrende Menſch hebt ſeine Naſenloͤcher in die Hoͤhe,) — verliert durch die Entfernung des Mauls von der Naſe — verliert durch die Niedrigkeit oder Nichtigkeit des Kinns. — Ganz Phyſiognomie des Spuͤrens iſt der unterſte; — des horchenden, ſchauenden, ſich zum Kampfe ruͤſtenden der vorletzte; des behaglich ruhenden der vor ihm zur Rechten; — der dritte — weniger drohend, als der fuͤnfte, und furchtbarer, als der vierte. Der zweyte und erſte haben in der großen Entfernung des Mundes von der Naſe am meiſten Hundiſches. Ob die nieder-
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XXVII. Fragment. Hunde.
Sieben und zwanzigſtes Fragment.
Hunde.
Richt, daß ich mir erlauben wollte, was ſich Porta erlaubte, Menſchen- und Thiergeſichter
neben einander zu ſetzen und zu vergleichen — Nein; groͤßtentheils ſind dieſe Vergleichungen er-
zwungen und das Werk einer uͤberſpannten Einbildungskraft. — Ohne dem witzigen, ſcharfſin-
nigen, und mehr als beydes gelehrten Vater ſo vieler Phyſiognomiſten zu nahe zu treten — kann
man dennoch mit Grunde ſagen, daß ſeine Einbildungskraft oft uͤber den Kreis der Wahrheit
hinaus fliegt. Wenigſtens ſcheinen mir ſo manche ſeiner aufgeſtellten ſeyn ſollenden Aehnlichkeiten
aͤuſſerſt geſucht und erdichtet — z. E. die zwiſchen einer Nachteule und dem Kaiſer Vitellius;
zwiſchen Domitian und einem Fiſche, Tiberius und einer Jacobsmuſchel, Plato und ei-
nem Hundskopfe. —
Jn allen dieſen Hundskoͤpfen find’ ich nichts platoniſches — finde uͤberall keine beſon-
dere Aehnlichkeit mit dieſem oder jenem Menſchen drinn, lege ſie auch gar nicht in dieſer Ab-
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geſagt, die Allgemeinheit der Phyſiognomik aufmerkſam zu machen. Der Hund ſcheint noch
am meiſten Stirn, gewoͤlbte Menſchenſtirn zu haben. Wenige Thiere haben ſo viel Stirn
uͤbern Augen, wie der Hund — aber ſo viel er an der Stirne zu gewinnen ſcheint, ſo viel
verliert er wieder durch die aͤuſſerſt thieriſche Naſe, die alle Phyſiognomie der Spuͤrerey hat, —
(auch der ſpuͤrende Menſch hebt ſeine Naſenloͤcher in die Hoͤhe,) — verliert durch die Entfernung
des Mauls von der Naſe — verliert durch die Niedrigkeit oder Nichtigkeit des Kinns. — Ganz
Phyſiognomie des Spuͤrens iſt der unterſte; — des horchenden, ſchauenden, ſich zum Kampfe
ruͤſtenden der vorletzte; des behaglich ruhenden der vor ihm zur Rechten; — der dritte —
weniger drohend, als der fuͤnfte, und furchtbarer, als der vierte. Der zweyte und erſte haben
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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 218. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/356>, abgerufen am 23.02.2025.
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