Lage, Schwere u. s. w., ist nicht etwas Körperliches, sondern etwas vom Körper Unabhängiges, rein intelligibel. Auch der gestaltlose Stoff, welcher nur für die Vernunft denkbar ist, ist unkörperlich; körperlich ist allein der gestaltete Stoff, welcher durch das Zusammentreten der Accidentien sinnlich warnehmbar wird.
Auch der Raum (Ort, locus) ist eine rein geistige (intelli- gible) Begriffsbestimmung und keineswegs Körper. Er ist nur der Umfang, worin jedes in seinen bestimmten Grenzen ein- geschlossen wird.1 Ebensowenig sind die Körper, oder diese sichtbare Welt und ihre allgemeinen und einzelnen Teile Räume. Körper und Räume gehören ganz verschiedenen Gattungen an. Die Körper fallen nicht unter die Kategorie des Raumes, son- dern unter die der Größe. Quantität aber ist nichts andres als eine bestimmte Abmessung der Teile, welche entweder durch bloße Vernunft oder durch natürliche Unterscheidung bestimmt werden, wodurch das auf natürliche Weise nach Länge, Breite und Höhe Ausgedehnte in bestimmten Grenzen erscheint. Raum dagegen ist das Begrenzende, die Um- schließung der durch eine bestimmte Grenze bestimmten Dinge. Körper und Welt sind demnach nicht Raum, sondern sie werden im Raum als in einem bestimmten Umfang ihrer Begrenzung befaßt. So sind auch die vier Elemente nicht Räume, sondern im Raume umschrieben als die Hauptteile, von welchen die Gesamtheit der sinnlichen Welt erfüllt wird.2 Die Luft ist ein Körper, nicht aber der Raum.
Ihrer Ausdehnung nach gehören also die Körper unter die Kategorie der Größe, nicht des Raumes; aber auch ihre Ober- fläche (Figur) gehört nicht unter die Kategorie des Raumes (Ortes), ebensowenig unter die der Größe, sondern unter die- jenige der Qualität.3 Dem Inhalte nach gehören natürliche wie geometrische Körper zur Quantität, der Oberfläche nach aber zur Qualität, je nachdem sie eben, dreieckig, viereckig, vieleckig, rund oder fest sind. Die Grenzen der Körper sind offenbar nicht körperlich, sondern allein dem Denken erfaßbar, rein begrifflich. Die Oberfläche ist der Anfang des festen Kör- pers, aber auch die Festigkeit ist unkörperlich. Was beim Punkt, bei der Linie, der Oberfläche, dem Festen sinnlich
1 I, 29. p. 18.
2 I. 35. p. 20.
3 I, 28. p. 17.
Erigena: Raum. Quantität. Oberfläche.
Lage, Schwere u. s. w., ist nicht etwas Körperliches, sondern etwas vom Körper Unabhängiges, rein intelligibel. Auch der gestaltlose Stoff, welcher nur für die Vernunft denkbar ist, ist unkörperlich; körperlich ist allein der gestaltete Stoff, welcher durch das Zusammentreten der Accidentien sinnlich warnehmbar wird.
Auch der Raum (Ort, locus) ist eine rein geistige (intelli- gible) Begriffsbestimmung und keineswegs Körper. Er ist nur der Umfang, worin jedes in seinen bestimmten Grenzen ein- geschlossen wird.1 Ebensowenig sind die Körper, oder diese sichtbare Welt und ihre allgemeinen und einzelnen Teile Räume. Körper und Räume gehören ganz verschiedenen Gattungen an. Die Körper fallen nicht unter die Kategorie des Raumes, son- dern unter die der Größe. Quantität aber ist nichts andres als eine bestimmte Abmessung der Teile, welche entweder durch bloße Vernunft oder durch natürliche Unterscheidung bestimmt werden, wodurch das auf natürliche Weise nach Länge, Breite und Höhe Ausgedehnte in bestimmten Grenzen erscheint. Raum dagegen ist das Begrenzende, die Um- schließung der durch eine bestimmte Grenze bestimmten Dinge. Körper und Welt sind demnach nicht Raum, sondern sie werden im Raum als in einem bestimmten Umfang ihrer Begrenzung befaßt. So sind auch die vier Elemente nicht Räume, sondern im Raume umschrieben als die Hauptteile, von welchen die Gesamtheit der sinnlichen Welt erfüllt wird.2 Die Luft ist ein Körper, nicht aber der Raum.
Ihrer Ausdehnung nach gehören also die Körper unter die Kategorie der Größe, nicht des Raumes; aber auch ihre Ober- fläche (Figur) gehört nicht unter die Kategorie des Raumes (Ortes), ebensowenig unter die der Größe, sondern unter die- jenige der Qualität.3 Dem Inhalte nach gehören natürliche wie geometrische Körper zur Quantität, der Oberfläche nach aber zur Qualität, je nachdem sie eben, dreieckig, viereckig, vieleckig, rund oder fest sind. Die Grenzen der Körper sind offenbar nicht körperlich, sondern allein dem Denken erfaßbar, rein begrifflich. Die Oberfläche ist der Anfang des festen Kör- pers, aber auch die Festigkeit ist unkörperlich. Was beim Punkt, bei der Linie, der Oberfläche, dem Festen sinnlich
1 I, 29. p. 18.
2 I. 35. p. 20.
3 I, 28. p. 17.
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[40/0058]
Erigena: Raum. Quantität. Oberfläche.
Lage, Schwere u. s. w., ist nicht etwas Körperliches, sondern etwas
vom Körper Unabhängiges, rein intelligibel. Auch der gestaltlose
Stoff, welcher nur für die Vernunft denkbar ist, ist unkörperlich;
körperlich ist allein der gestaltete Stoff, welcher durch das
Zusammentreten der Accidentien sinnlich warnehmbar wird.
Auch der Raum (Ort, locus) ist eine rein geistige (intelli-
gible) Begriffsbestimmung und keineswegs Körper. Er ist nur
der Umfang, worin jedes in seinen bestimmten Grenzen ein-
geschlossen wird. 1 Ebensowenig sind die Körper, oder diese
sichtbare Welt und ihre allgemeinen und einzelnen Teile Räume.
Körper und Räume gehören ganz verschiedenen Gattungen an.
Die Körper fallen nicht unter die Kategorie des Raumes, son-
dern unter die der Größe. Quantität aber ist nichts andres
als eine bestimmte Abmessung der Teile, welche entweder
durch bloße Vernunft oder durch natürliche Unterscheidung
bestimmt werden, wodurch das auf natürliche Weise nach
Länge, Breite und Höhe Ausgedehnte in bestimmten Grenzen
erscheint. Raum dagegen ist das Begrenzende, die Um-
schließung der durch eine bestimmte Grenze bestimmten Dinge.
Körper und Welt sind demnach nicht Raum, sondern sie werden
im Raum als in einem bestimmten Umfang ihrer Begrenzung
befaßt. So sind auch die vier Elemente nicht Räume, sondern
im Raume umschrieben als die Hauptteile, von welchen die
Gesamtheit der sinnlichen Welt erfüllt wird. 2 Die Luft ist ein
Körper, nicht aber der Raum.
Ihrer Ausdehnung nach gehören also die Körper unter die
Kategorie der Größe, nicht des Raumes; aber auch ihre Ober-
fläche (Figur) gehört nicht unter die Kategorie des Raumes
(Ortes), ebensowenig unter die der Größe, sondern unter die-
jenige der Qualität. 3 Dem Inhalte nach gehören natürliche
wie geometrische Körper zur Quantität, der Oberfläche nach
aber zur Qualität, je nachdem sie eben, dreieckig, viereckig,
vieleckig, rund oder fest sind. Die Grenzen der Körper sind
offenbar nicht körperlich, sondern allein dem Denken erfaßbar,
rein begrifflich. Die Oberfläche ist der Anfang des festen Kör-
pers, aber auch die Festigkeit ist unkörperlich. Was beim
Punkt, bei der Linie, der Oberfläche, dem Festen sinnlich
1 I, 29. p. 18.
2 I. 35. p. 20.
3 I, 28. p. 17.
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Laßwitz, Kurd: Geschichte der Atomistik. Bd. 1. Hamburg, 1890, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lasswitz_atom01_1890/58>, abgerufen am 23.11.2024.
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