das bei den Sinesern und Japanern sehr häufig gebraucht wird.
Fremden die guten Wirkungen des Artemiasialischen Brenmittels vor, das doch an einem ganz andern als dem leidenden Ort angebracht ist. Und doch brent man mit wirklichem Erfolge in Magenbeschwerden und um Appetit zu erwecken die Schultern; die Gelenke des Rükgrades bei Seitenstichen, die Muskeln des Daumes bei Zahnschmerzen an eben der Seite, und solcher sonderbaren Beispiele giebt es mehr. Und wo ist nun irgend ein Ana- tomiker scharfsichtig genug, um hier die besondre Verbindung der Gefäße angeben zu können?
§. 7.
Die Regeln und Erfordernisse bei dem Brennen sind nun sehr verschieden, man mag nun entweder auf den Ort des Körpers, die Zeit, die Zahl der aufzusetzenden Kegel, die Lage des Körpers, die Diät des Patienten und viele andre Umstände mehr sehn. Alge- meine und Hauptvorschriften aber sind folgende:
Man muß bei dem Brennen vor allen Dingen Sehnen und Adern (arterias & venas) unverlezt lassen, die mehrerer Sicherheit wegen vom Brenner nicht blos durch das Gesicht, sondern das Gefühl genau erforscht werden müssen.
Der Patient muß bei der Operation selbst gerade in der Lage des Körpers bleiben, in der er sich befand, als der schickliche Ort zum Brennen angezeigt wurde, er mag nun vorher gesessen oder gestanden haben. Gewöhnlich aber muß derselbe sich auf die Erde se- tzen, die Beine kreuzweis über einander schlagen, und die flache Hände in die Seiten legen, denn in dieser Lage kommen die Muskeln des Körpers und die zwischen inne liegenden Theile am besten zum Vorschein, auch kömt sie der ursprünglichen Lage eines Embryo am nächsten. Wer aber an den Beinen gebrant werden sol, muß auf einem Stuhl sitzen, und die Füße herunter und in warm Wasser halten, weil es nöthig ist, an solchen Theilen des Körpers, die vom Herzen entfernt sind, die Ausdünstung durch künstliche Mittel zu befördern. Per- sonen von schwacher Constitution werden an einem Orte nur dreimal gebrant; die von stärk- rer aber wohl zehn, zwanzig und mehrmal, wie es das Uebel erfodert. Ob man an verschied- nen Stellen mehrere Kegel zu gleicher Zeit, oder sie allemal nur abwechselnd anzünden müsse? Dies bestimt keine Regel der Kunst, sondern blos die Fähigkeit des Kranken es zu leiden und die Zeit, die der Arzt auf diese Operation wenden kan. Den nächsten und die folgenden Tage nach derselben besieht der Arzt die Wunden; es ist ein böses Zeichen und Beweis einer schwachen Natur, wenn sie nicht geeitert haben, sondern ganz trocken sind. Man sucht alsdenn durch hineingelegte zerstoßene Zwiebeln die Eiterung zu befördern. Dies habe ich aus mündlichem Bericht der Feuer-Wundärzte erfahren.
Die
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das bei den Sineſern und Japanern ſehr haͤufig gebraucht wird.
Fremden die guten Wirkungen des Artemiaſialiſchen Brenmittels vor, das doch an einem ganz andern als dem leidenden Ort angebracht iſt. Und doch brent man mit wirklichem Erfolge in Magenbeſchwerden und um Appetit zu erwecken die Schultern; die Gelenke des Ruͤkgrades bei Seitenſtichen, die Muskeln des Daumes bei Zahnſchmerzen an eben der Seite, und ſolcher ſonderbaren Beiſpiele giebt es mehr. Und wo iſt nun irgend ein Ana- tomiker ſcharfſichtig genug, um hier die beſondre Verbindung der Gefaͤße angeben zu koͤnnen?
§. 7.
Die Regeln und Erforderniſſe bei dem Brennen ſind nun ſehr verſchieden, man mag nun entweder auf den Ort des Koͤrpers, die Zeit, die Zahl der aufzuſetzenden Kegel, die Lage des Koͤrpers, die Diaͤt des Patienten und viele andre Umſtaͤnde mehr ſehn. Alge- meine und Hauptvorſchriften aber ſind folgende:
Man muß bei dem Brennen vor allen Dingen Sehnen und Adern (arterias & venas) unverlezt laſſen, die mehrerer Sicherheit wegen vom Brenner nicht blos durch das Geſicht, ſondern das Gefuͤhl genau erforſcht werden muͤſſen.
Der Patient muß bei der Operation ſelbſt gerade in der Lage des Koͤrpers bleiben, in der er ſich befand, als der ſchickliche Ort zum Brennen angezeigt wurde, er mag nun vorher geſeſſen oder geſtanden haben. Gewoͤhnlich aber muß derſelbe ſich auf die Erde ſe- tzen, die Beine kreuzweis uͤber einander ſchlagen, und die flache Haͤnde in die Seiten legen, denn in dieſer Lage kommen die Muſkeln des Koͤrpers und die zwiſchen inne liegenden Theile am beſten zum Vorſchein, auch koͤmt ſie der urſpruͤnglichen Lage eines Embryo am naͤchſten. Wer aber an den Beinen gebrant werden ſol, muß auf einem Stuhl ſitzen, und die Fuͤße herunter und in warm Waſſer halten, weil es noͤthig iſt, an ſolchen Theilen des Koͤrpers, die vom Herzen entfernt ſind, die Ausduͤnſtung durch kuͤnſtliche Mittel zu befoͤrdern. Per- ſonen von ſchwacher Conſtitution werden an einem Orte nur dreimal gebrant; die von ſtaͤrk- rer aber wohl zehn, zwanzig und mehrmal, wie es das Uebel erfodert. Ob man an verſchied- nen Stellen mehrere Kegel zu gleicher Zeit, oder ſie allemal nur abwechſelnd anzuͤnden muͤſſe? Dies beſtimt keine Regel der Kunſt, ſondern blos die Faͤhigkeit des Kranken es zu leiden und die Zeit, die der Arzt auf dieſe Operation wenden kan. Den naͤchſten und die folgenden Tage nach derſelben beſieht der Arzt die Wunden; es iſt ein boͤſes Zeichen und Beweis einer ſchwachen Natur, wenn ſie nicht geeitert haben, ſondern ganz trocken ſind. Man ſucht alsdenn durch hineingelegte zerſtoßene Zwiebeln die Eiterung zu befoͤrdern. Dies habe ich aus muͤndlichem Bericht der Feuer-Wundaͤrzte erfahren.
Die
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das bei den Sineſern und Japanern ſehr haͤufig gebraucht wird.
Fremden die guten Wirkungen des Artemiaſialiſchen Brenmittels vor, das doch an einem
ganz andern als dem leidenden Ort angebracht iſt. Und doch brent man mit wirklichem
Erfolge in Magenbeſchwerden und um Appetit zu erwecken die Schultern; die Gelenke des
Ruͤkgrades bei Seitenſtichen, die Muskeln des Daumes bei Zahnſchmerzen an eben der
Seite, und ſolcher ſonderbaren Beiſpiele giebt es mehr. Und wo iſt nun irgend ein Ana-
tomiker ſcharfſichtig genug, um hier die beſondre Verbindung der Gefaͤße angeben zu
koͤnnen?
§. 7.
Die Regeln und Erforderniſſe bei dem Brennen ſind nun ſehr verſchieden, man
mag nun entweder auf den Ort des Koͤrpers, die Zeit, die Zahl der aufzuſetzenden Kegel,
die Lage des Koͤrpers, die Diaͤt des Patienten und viele andre Umſtaͤnde mehr ſehn. Alge-
meine und Hauptvorſchriften aber ſind folgende:
Man muß bei dem Brennen vor allen Dingen Sehnen und Adern (arterias &
venas) unverlezt laſſen, die mehrerer Sicherheit wegen vom Brenner nicht blos durch das
Geſicht, ſondern das Gefuͤhl genau erforſcht werden muͤſſen.
Der Patient muß bei der Operation ſelbſt gerade in der Lage des Koͤrpers bleiben,
in der er ſich befand, als der ſchickliche Ort zum Brennen angezeigt wurde, er mag nun
vorher geſeſſen oder geſtanden haben. Gewoͤhnlich aber muß derſelbe ſich auf die Erde ſe-
tzen, die Beine kreuzweis uͤber einander ſchlagen, und die flache Haͤnde in die Seiten legen,
denn in dieſer Lage kommen die Muſkeln des Koͤrpers und die zwiſchen inne liegenden Theile
am beſten zum Vorſchein, auch koͤmt ſie der urſpruͤnglichen Lage eines Embryo am naͤchſten.
Wer aber an den Beinen gebrant werden ſol, muß auf einem Stuhl ſitzen, und die Fuͤße
herunter und in warm Waſſer halten, weil es noͤthig iſt, an ſolchen Theilen des Koͤrpers,
die vom Herzen entfernt ſind, die Ausduͤnſtung durch kuͤnſtliche Mittel zu befoͤrdern. Per-
ſonen von ſchwacher Conſtitution werden an einem Orte nur dreimal gebrant; die von ſtaͤrk-
rer aber wohl zehn, zwanzig und mehrmal, wie es das Uebel erfodert. Ob man an verſchied-
nen Stellen mehrere Kegel zu gleicher Zeit, oder ſie allemal nur abwechſelnd anzuͤnden
muͤſſe? Dies beſtimt keine Regel der Kunſt, ſondern blos die Faͤhigkeit des Kranken es zu
leiden und die Zeit, die der Arzt auf dieſe Operation wenden kan. Den naͤchſten und die
folgenden Tage nach derſelben beſieht der Arzt die Wunden; es iſt ein boͤſes Zeichen und
Beweis einer ſchwachen Natur, wenn ſie nicht geeitert haben, ſondern ganz trocken ſind.
Man ſucht alsdenn durch hineingelegte zerſtoßene Zwiebeln die Eiterung zu befoͤrdern. Dies
habe ich aus muͤndlichem Bericht der Feuer-Wundaͤrzte erfahren.
Die
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Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 2. Lemgo, 1779, S. 437. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kaempfer_japan02_1779/495>, abgerufen am 22.02.2025.
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