Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.Fünftes Buch. mayor; sie wurde ihre Gefangenwärterin und zugleich Kupplerinfür den Gemahl. Dieser Unhold übte einen solchen Druck auf ihre Bewegungen und selbst Worte, dass sie ein Gegenstand allgemeinen Mitleids wurde. Sie war unfreier als die geringste ihrer Dienerinnen. Ihre Gefühle als Französin wurden in roher Weise verletzt 1). Und doch nahm sie am Schicksal des Landes den wärmsten Antheil, der nur verbittert wurde durch die Ge- wissheit den Monarchen besser berathen zu können als sein Minister. So hatte sie lange Jahre mit viel Geduld und Selbstbeherr- 1) Una Reina, puesta en suma estrecheza y con ninguna libertad, y que
apenas le pueda hablar un religioso. Novoa in Docum. ined. 69, 113. -- Ihr Beichtvater, ein Dominikaner, tröstete sie einmal nach einer Hiobspost mit den Worten, "che non sene pigliasse fastidio, perche non ostante tutti questi successi, il Re di Spagna non stimava quel di Francia con tutti i Francesi quanto un paio di scarpe vecchie". Die Königin schwieg; der Pfaffe wandte sich an eine ihrer Damen: Che le pare, non ho io detto bene? -- "Padre mio, no, perche S. M. della Regina e sorella del Re di Francia". -- Oh, e vero, et certo che io non me n'ero ricordato. Bacio a V. S. le mani, e le prego dal Signor ogni contento! Fünftes Buch. mayor; sie wurde ihre Gefangenwärterin und zugleich Kupplerinfür den Gemahl. Dieser Unhold übte einen solchen Druck auf ihre Bewegungen und selbst Worte, dass sie ein Gegenstand allgemeinen Mitleids wurde. Sie war unfreier als die geringste ihrer Dienerinnen. Ihre Gefühle als Französin wurden in roher Weise verletzt 1). Und doch nahm sie am Schicksal des Landes den wärmsten Antheil, der nur verbittert wurde durch die Ge- wissheit den Monarchen besser berathen zu können als sein Minister. So hatte sie lange Jahre mit viel Geduld und Selbstbeherr- 1) Una Reina, puesta en suma estrecheza y con ninguna libertad, y que
apenas le pueda hablar un religioso. Novoa in Docum. inéd. 69, 113. — Ihr Beichtvater, ein Dominikaner, tröstete sie einmal nach einer Hiobspost mit den Worten, „che non sene pigliasse fastidio, perchè non ostante tutti questi successi, il Rè di Spagna non stimava quel di Francia con tutti i Francesi quanto un paio di scarpe vecchie“. Die Königin schwieg; der Pfaffe wandte sich an eine ihrer Damen: Che le pare, non ho io detto bene? — „Padre mio, no, perchè S. M. della Regina è sorella del Re di Francia“. — Oh, è vero, et certo che io non me n’ero ricordato. Bacio á V. S. le mani, e le prego dal Signor ogni contento! <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0054" n="34"/><fw place="top" type="header">Fünftes Buch.</fw><lb/> mayor; sie wurde ihre Gefangenwärterin und zugleich Kupplerin<lb/> für den Gemahl. Dieser Unhold übte einen solchen Druck auf<lb/> ihre Bewegungen und selbst Worte, dass sie ein Gegenstand<lb/> allgemeinen Mitleids wurde. Sie war unfreier als die geringste<lb/> ihrer Dienerinnen. Ihre Gefühle als Französin wurden in roher<lb/> Weise verletzt <note place="foot" n="1)">Una Reina, puesta en suma estrecheza y con ninguna libertad, y que<lb/> apenas le pueda hablar un religioso. Novoa in Docum. inéd. 69, 113. — Ihr<lb/> Beichtvater, ein Dominikaner, tröstete sie einmal nach einer Hiobspost mit den Worten,<lb/> „che non sene pigliasse fastidio, perchè non ostante tutti questi successi, il Rè di<lb/> Spagna non stimava quel di Francia con tutti i Francesi quanto un paio di scarpe<lb/> vecchie“. Die Königin schwieg; der Pfaffe wandte sich an eine ihrer Damen: Che<lb/> le pare, non ho io detto bene? — „Padre mio, no, perchè S. M. della Regina è<lb/> sorella del Re di Francia“. — Oh, è vero, et certo che io non me n’ero ricordato.<lb/> Bacio á V. S. le mani, e le prego dal Signor ogni contento!</note>. Und doch nahm sie am Schicksal des Landes<lb/> den wärmsten Antheil, der nur verbittert wurde durch die Ge-<lb/> wissheit den Monarchen besser berathen zu können als sein<lb/> Minister.</p><lb/> <p>So hatte sie lange Jahre mit viel Geduld und Selbstbeherr-<lb/> schung die Rücksichtslosigkeit (<hi rendition="#i">indiscretezza</hi>) der Gräfin ertragen,<lb/> als die Reise des Königs nach dem Kriegsschauplatz (1642) auf<lb/> einmal ihre Berufung zur Leitung der Regierung (<hi rendition="#i">gobernadora</hi>)<lb/> veranlasste. Ihr Auftreten in dieser schweren Zeit machte sie<lb/> bald zum Abgott aller Stände. Als man ein „Regiment der Prin-<lb/> zen“ in Madrid formte, besuchte sie selbst die Hauptwache;<lb/> sie theilte den lässigen Hauptleuten etwas mit von ihrem Feuer-<lb/> eifer, sie hielt Ansprachen an die Soldaten. Als einmal ein Kauf-<lb/> mann, der 10000 Dukaten Kriegsunterstützung erlegen sollte,<lb/> hingerissen von ihrer Gegenwart, 50000 zeichnete, und sie ihm<lb/> bewegt gedankt, gab ihr die Gräfin einen lauten Verweis, „so<lb/> gütiger Worte dürfe sie sich nicht gegen einen Vasallen bedie-<lb/> nen!“ Isabella antwortete: „Die Könige und Königinnen, meine<lb/> Vorfahren, haben diese Monarchie durch Courtoisie gegründet,<lb/> durch die Unhöflichkeiten, deren Ihr und Euer Gemahl sich be-<lb/> dienen, geht sie ihrem Verderben entgegen“. Männliche Begriffe<lb/> zeigte sie von fürstlichen Pflichten, als sie ihrem Sohne die Be-<lb/> gnadigung eines Mörders abschlug, der in dessen Dienst als<lb/> Kutscher stand. „Sohn, sagte sie, in allen Stücken wünsche ich<lb/> Euch zu Gefallen zu sein, aber in keinem Stück kann ich es mehr,<lb/> als indem ich sorge, dass Gerechtigkeit geübt wird. Und wenn<lb/> Ihr König sein werdet, darf Euch nichts höher stehen als Ge-<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [34/0054]
Fünftes Buch.
mayor; sie wurde ihre Gefangenwärterin und zugleich Kupplerin
für den Gemahl. Dieser Unhold übte einen solchen Druck auf
ihre Bewegungen und selbst Worte, dass sie ein Gegenstand
allgemeinen Mitleids wurde. Sie war unfreier als die geringste
ihrer Dienerinnen. Ihre Gefühle als Französin wurden in roher
Weise verletzt 1). Und doch nahm sie am Schicksal des Landes
den wärmsten Antheil, der nur verbittert wurde durch die Ge-
wissheit den Monarchen besser berathen zu können als sein
Minister.
So hatte sie lange Jahre mit viel Geduld und Selbstbeherr-
schung die Rücksichtslosigkeit (indiscretezza) der Gräfin ertragen,
als die Reise des Königs nach dem Kriegsschauplatz (1642) auf
einmal ihre Berufung zur Leitung der Regierung (gobernadora)
veranlasste. Ihr Auftreten in dieser schweren Zeit machte sie
bald zum Abgott aller Stände. Als man ein „Regiment der Prin-
zen“ in Madrid formte, besuchte sie selbst die Hauptwache;
sie theilte den lässigen Hauptleuten etwas mit von ihrem Feuer-
eifer, sie hielt Ansprachen an die Soldaten. Als einmal ein Kauf-
mann, der 10000 Dukaten Kriegsunterstützung erlegen sollte,
hingerissen von ihrer Gegenwart, 50000 zeichnete, und sie ihm
bewegt gedankt, gab ihr die Gräfin einen lauten Verweis, „so
gütiger Worte dürfe sie sich nicht gegen einen Vasallen bedie-
nen!“ Isabella antwortete: „Die Könige und Königinnen, meine
Vorfahren, haben diese Monarchie durch Courtoisie gegründet,
durch die Unhöflichkeiten, deren Ihr und Euer Gemahl sich be-
dienen, geht sie ihrem Verderben entgegen“. Männliche Begriffe
zeigte sie von fürstlichen Pflichten, als sie ihrem Sohne die Be-
gnadigung eines Mörders abschlug, der in dessen Dienst als
Kutscher stand. „Sohn, sagte sie, in allen Stücken wünsche ich
Euch zu Gefallen zu sein, aber in keinem Stück kann ich es mehr,
als indem ich sorge, dass Gerechtigkeit geübt wird. Und wenn
Ihr König sein werdet, darf Euch nichts höher stehen als Ge-
1) Una Reina, puesta en suma estrecheza y con ninguna libertad, y que
apenas le pueda hablar un religioso. Novoa in Docum. inéd. 69, 113. — Ihr
Beichtvater, ein Dominikaner, tröstete sie einmal nach einer Hiobspost mit den Worten,
„che non sene pigliasse fastidio, perchè non ostante tutti questi successi, il Rè di
Spagna non stimava quel di Francia con tutti i Francesi quanto un paio di scarpe
vecchie“. Die Königin schwieg; der Pfaffe wandte sich an eine ihrer Damen: Che
le pare, non ho io detto bene? — „Padre mio, no, perchè S. M. della Regina è
sorella del Re di Francia“. — Oh, è vero, et certo che io non me n’ero ricordato.
Bacio á V. S. le mani, e le prego dal Signor ogni contento!
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