Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842.meiner Schwester kam, sondern über die Entführung Felicia's untröstlich war und sich schon auf den Weg begeben hatte, sie einzuholen, Macready hatte Felicia entführen wollen. Meine Schwester und Cecilly vernahmen dieß mit einem eignen Gemisch von Freude, Neid und Aerger. Der Zufall hatte gewollt, daß beide Entführungen für einen und denselben Abend bestellt waren. Die Schwestern schliefen jede für sich und konnten somit gegeneinander unbemerkt sich leicht in der Nacht aus dem Hause entfernen. Ein Wagen sollte die Flüchtigen aufnehmen. Der Portier schlief und hatte sich nur darauf eingerichtet, das Haus von außen zu schützen. Von innen war es leicht entriegelt. Lettice erschrack, als sie es offen fand; sie hatte nicht gedacht, daß eine Viertelstunde vor ihr Felicia schon hinausgegangen war und von dem Manne, für den sie sich bestimmt hatte, für die rechte angesehen worden war. Jn der Dunkelheit umarmte sie Macready und fuhr mit ihr davon. Die Enttäuschung erfolgte erst nach einigen Stunden, da Macready zartfühlend genug war, das Stillschweigen seiner vermeintlichen Felicia zu ehren und sie nicht eher anzureden, bis er voraussetzen konnte, daß sie sich über den bedenklichen Schritt, den sie thaten, würde beruhigt haben. Man kann sich sein Erschrecken vorstellen, als er Lettice im Wagen bei sich entdeckte. Er hielt ganz in der Nähe Londons mit ihr an und versprach ihr, sie gegen Abend zu uns zurückzuführen. Lettice muß sich inzwischen der Sünden schämen, den Einflüsterungen eines so gemeinen Menschen wie jenes Mimoplasten gefolgt zu seyn. Jch hütete mich aber wohl, alle meine Vorwürfe nur an sie zu richten, sondern gab die meisten meiner Schwester anzuhören, die geglaubt hatte, durch eine Erziehung für das Abenteuerliche ihren Kindern den meisten Reiz zu geben. Jetzt hatte sie die Strafe, daß Felicia von einem Schauspieler, wer weiß in welche Gegenden und Schlupfwinkel meiner Schwester kam, sondern über die Entführung Felicia’s untröstlich war und sich schon auf den Weg begeben hatte, sie einzuholen, Macready hatte Felicia entführen wollen. Meine Schwester und Cecilly vernahmen dieß mit einem eignen Gemisch von Freude, Neid und Aerger. Der Zufall hatte gewollt, daß beide Entführungen für einen und denselben Abend bestellt waren. Die Schwestern schliefen jede für sich und konnten somit gegeneinander unbemerkt sich leicht in der Nacht aus dem Hause entfernen. Ein Wagen sollte die Flüchtigen aufnehmen. Der Portier schlief und hatte sich nur darauf eingerichtet, das Haus von außen zu schützen. Von innen war es leicht entriegelt. Lettice erschrack, als sie es offen fand; sie hatte nicht gedacht, daß eine Viertelstunde vor ihr Felicia schon hinausgegangen war und von dem Manne, für den sie sich bestimmt hatte, für die rechte angesehen worden war. Jn der Dunkelheit umarmte sie Macready und fuhr mit ihr davon. Die Enttäuschung erfolgte erst nach einigen Stunden, da Macready zartfühlend genug war, das Stillschweigen seiner vermeintlichen Felicia zu ehren und sie nicht eher anzureden, bis er voraussetzen konnte, daß sie sich über den bedenklichen Schritt, den sie thaten, würde beruhigt haben. Man kann sich sein Erschrecken vorstellen, als er Lettice im Wagen bei sich entdeckte. Er hielt ganz in der Nähe Londons mit ihr an und versprach ihr, sie gegen Abend zu uns zurückzuführen. Lettice muß sich inzwischen der Sünden schämen, den Einflüsterungen eines so gemeinen Menschen wie jenes Mimoplasten gefolgt zu seyn. Jch hütete mich aber wohl, alle meine Vorwürfe nur an sie zu richten, sondern gab die meisten meiner Schwester anzuhören, die geglaubt hatte, durch eine Erziehung für das Abenteuerliche ihren Kindern den meisten Reiz zu geben. Jetzt hatte sie die Strafe, daß Felicia von einem Schauspieler, wer weiß in welche Gegenden und Schlupfwinkel <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0498" n="470"/> meiner Schwester kam, sondern über die Entführung Felicia’s untröstlich war und sich schon auf den Weg begeben hatte, sie einzuholen, Macready hatte Felicia entführen wollen. Meine Schwester und Cecilly vernahmen dieß mit einem eignen Gemisch von Freude, Neid und Aerger. Der Zufall hatte gewollt, daß beide Entführungen für einen und denselben Abend bestellt waren. Die Schwestern schliefen jede für sich und konnten somit gegeneinander unbemerkt sich leicht in der Nacht aus dem Hause entfernen. Ein Wagen sollte die Flüchtigen aufnehmen. Der Portier schlief und hatte sich nur darauf eingerichtet, das Haus von außen zu schützen. Von innen war es leicht entriegelt. Lettice erschrack, als sie es offen fand; sie hatte nicht gedacht, daß eine Viertelstunde vor ihr Felicia schon hinausgegangen war und von dem Manne, für den <hi rendition="#g">sie</hi> sich bestimmt hatte, für die rechte angesehen worden war. Jn der Dunkelheit umarmte sie Macready und fuhr mit ihr davon. Die Enttäuschung erfolgte erst nach einigen Stunden, da Macready zartfühlend genug war, das Stillschweigen seiner vermeintlichen Felicia zu ehren und sie nicht eher anzureden, bis er voraussetzen konnte, daß sie sich über den bedenklichen Schritt, den sie thaten, würde beruhigt haben. Man kann sich sein Erschrecken vorstellen, als er Lettice im Wagen bei sich entdeckte. Er hielt ganz in der Nähe Londons mit ihr an und versprach ihr, sie gegen Abend zu uns zurückzuführen. Lettice muß sich inzwischen der Sünden schämen, den Einflüsterungen eines so gemeinen Menschen wie jenes Mimoplasten gefolgt zu seyn. Jch hütete mich aber wohl, alle meine Vorwürfe nur an sie zu richten, sondern gab die meisten meiner Schwester anzuhören, die geglaubt hatte, durch eine Erziehung für das Abenteuerliche ihren Kindern den meisten Reiz zu geben. Jetzt hatte sie die Strafe, daß Felicia von einem Schauspieler, wer weiß in welche Gegenden und Schlupfwinkel </p> </div> </body> </text> </TEI> [470/0498]
meiner Schwester kam, sondern über die Entführung Felicia’s untröstlich war und sich schon auf den Weg begeben hatte, sie einzuholen, Macready hatte Felicia entführen wollen. Meine Schwester und Cecilly vernahmen dieß mit einem eignen Gemisch von Freude, Neid und Aerger. Der Zufall hatte gewollt, daß beide Entführungen für einen und denselben Abend bestellt waren. Die Schwestern schliefen jede für sich und konnten somit gegeneinander unbemerkt sich leicht in der Nacht aus dem Hause entfernen. Ein Wagen sollte die Flüchtigen aufnehmen. Der Portier schlief und hatte sich nur darauf eingerichtet, das Haus von außen zu schützen. Von innen war es leicht entriegelt. Lettice erschrack, als sie es offen fand; sie hatte nicht gedacht, daß eine Viertelstunde vor ihr Felicia schon hinausgegangen war und von dem Manne, für den sie sich bestimmt hatte, für die rechte angesehen worden war. Jn der Dunkelheit umarmte sie Macready und fuhr mit ihr davon. Die Enttäuschung erfolgte erst nach einigen Stunden, da Macready zartfühlend genug war, das Stillschweigen seiner vermeintlichen Felicia zu ehren und sie nicht eher anzureden, bis er voraussetzen konnte, daß sie sich über den bedenklichen Schritt, den sie thaten, würde beruhigt haben. Man kann sich sein Erschrecken vorstellen, als er Lettice im Wagen bei sich entdeckte. Er hielt ganz in der Nähe Londons mit ihr an und versprach ihr, sie gegen Abend zu uns zurückzuführen. Lettice muß sich inzwischen der Sünden schämen, den Einflüsterungen eines so gemeinen Menschen wie jenes Mimoplasten gefolgt zu seyn. Jch hütete mich aber wohl, alle meine Vorwürfe nur an sie zu richten, sondern gab die meisten meiner Schwester anzuhören, die geglaubt hatte, durch eine Erziehung für das Abenteuerliche ihren Kindern den meisten Reiz zu geben. Jetzt hatte sie die Strafe, daß Felicia von einem Schauspieler, wer weiß in welche Gegenden und Schlupfwinkel
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Zitationshilfe: | Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842, S. 470. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_zeitgenossen01_1842/498>, abgerufen am 16.02.2025. |