fahren angeben etc., Erfordernisse, welche bei dem Arzte eine zum Wenigstens encyclopädische Kenntniss des Irreseins ganz nothwendig voraussetzen. Soll nun der Kranke in die Anstalt gebracht werden, so werde diess ihm selbst mitgetheilt; vielfache Beobachtung hat gezeigt, dass es unendlich viel vortheilhafter ist, ihn, wenn er sich hartnäckig sträuben sollte, mit äusserem Zwang in die Anstalt zu bringen, als ihn durch List (unter dem Vorwande einer Vergnügungsreise etc.) derselben zuzuführen. Ein solcher Betrug erbittert die Kranken mei- stens ungemein, und hindert auf lange Zeit das so nothwendige Ver- trauen zu der Anstalt.
Die Aufnahme der einzelnen Kranken in die Staatsanstalten be- darf meistens, dringende Fälle ausgenommen, einer vorausgehenden Genehmigung der vorgesetzten Staatsbehörde, welche sich auf einen Bericht des Directors über die Zulässigkeit dieser Aufnahme stützt; es ist im Interesse der möglichst häufigen Aufnahme frischer Fälle nothwendig, dass die Formen dieser Geschäfte die einfachsten und expeditesten seien. -- Die Entlassungen aus den Anstalten geschehen meist allein auf Verfügung des Directors; sie sollten immer zunächst ver- suchsweise, provisorische sein, damit der Kranke beim ersten Zeichen eines Rückfalls ohne das mindeste Zögern wieder der Anstalt über- geben weden kann. Während dieser Zeit provisorischer Entlassung kann dann von seinem Hausarzte hie und da über den Genesenen an die Anstalt berichtet werden. Zeigt die Genesung entschiedene Dauer und Bestand, wozu eine ungetrübte geistige Gesundheit von wenigstens 1--2 Jahren gehört, so wird der frühere Pflegling erst definitiv aus dem Verbande mit der Anstalt entlassen. Freie Vereine zur Unterstützung bedürftiger Genesenen bestehen an manchen Orten mit gesegnetem Erfolge.
§. 194.
Ausser den öffentlichen Irrenhäusern möge noch der Privat- anstalten gedacht werden, welche für Länder, in denen das öffent- liche Irrenwesen noch nicht geordnet ist, wo die Staatsanstalten der Irrenzahl nicht genügen, oder wo für einen Kranken Ansprüche des Luxus und der Eleganz erhoben werden, wie sie in den Staatsanstal- ten nicht zu befriedigen sind, dem Bedürfnisse abhelfen. Der Staat sollte übrigens solche Anstalten nur wissenschaftlichen Aerzten, nie- mals Laien, Chirurgen u. dgl. concessioniren, und von dem Vorsteher vollständige Garantieen seiner Befähigung zur Irrentherapie, nament- lich eine practische Ausbildung für diese Specialität fordern und eine
Aufnahmen und Entlassungen.
fahren angeben etc., Erfordernisse, welche bei dem Arzte eine zum Wenigstens encyclopädische Kenntniss des Irreseins ganz nothwendig voraussetzen. Soll nun der Kranke in die Anstalt gebracht werden, so werde diess ihm selbst mitgetheilt; vielfache Beobachtung hat gezeigt, dass es unendlich viel vortheilhafter ist, ihn, wenn er sich hartnäckig sträuben sollte, mit äusserem Zwang in die Anstalt zu bringen, als ihn durch List (unter dem Vorwande einer Vergnügungsreise etc.) derselben zuzuführen. Ein solcher Betrug erbittert die Kranken mei- stens ungemein, und hindert auf lange Zeit das so nothwendige Ver- trauen zu der Anstalt.
Die Aufnahme der einzelnen Kranken in die Staatsanstalten be- darf meistens, dringende Fälle ausgenommen, einer vorausgehenden Genehmigung der vorgesetzten Staatsbehörde, welche sich auf einen Bericht des Directors über die Zulässigkeit dieser Aufnahme stützt; es ist im Interesse der möglichst häufigen Aufnahme frischer Fälle nothwendig, dass die Formen dieser Geschäfte die einfachsten und expeditesten seien. — Die Entlassungen aus den Anstalten geschehen meist allein auf Verfügung des Directors; sie sollten immer zunächst ver- suchsweise, provisorische sein, damit der Kranke beim ersten Zeichen eines Rückfalls ohne das mindeste Zögern wieder der Anstalt über- geben weden kann. Während dieser Zeit provisorischer Entlassung kann dann von seinem Hausarzte hie und da über den Genesenen an die Anstalt berichtet werden. Zeigt die Genesung entschiedene Dauer und Bestand, wozu eine ungetrübte geistige Gesundheit von wenigstens 1—2 Jahren gehört, so wird der frühere Pflegling erst definitiv aus dem Verbande mit der Anstalt entlassen. Freie Vereine zur Unterstützung bedürftiger Genesenen bestehen an manchen Orten mit gesegnetem Erfolge.
§. 194.
Ausser den öffentlichen Irrenhäusern möge noch der Privat- anstalten gedacht werden, welche für Länder, in denen das öffent- liche Irrenwesen noch nicht geordnet ist, wo die Staatsanstalten der Irrenzahl nicht genügen, oder wo für einen Kranken Ansprüche des Luxus und der Eleganz erhoben werden, wie sie in den Staatsanstal- ten nicht zu befriedigen sind, dem Bedürfnisse abhelfen. Der Staat sollte übrigens solche Anstalten nur wissenschaftlichen Aerzten, nie- mals Laien, Chirurgen u. dgl. concessioniren, und von dem Vorsteher vollständige Garantieen seiner Befähigung zur Irrentherapie, nament- lich eine practische Ausbildung für diese Specialität fordern und eine
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><divn="3"><divn="4"><p><pbn="395"facs="#f0409"/><fwtype="header"place="top">Aufnahmen und Entlassungen.</fw><lb/>
fahren angeben etc., Erfordernisse, welche bei dem Arzte eine zum<lb/>
Wenigstens encyclopädische Kenntniss des Irreseins ganz nothwendig<lb/>
voraussetzen. Soll nun der Kranke in die Anstalt gebracht werden, so<lb/>
werde diess ihm selbst mitgetheilt; vielfache Beobachtung hat gezeigt,<lb/>
dass es unendlich viel vortheilhafter ist, ihn, wenn er sich hartnäckig<lb/>
sträuben sollte, mit äusserem Zwang in die Anstalt zu bringen, als<lb/>
ihn durch List (unter dem Vorwande einer Vergnügungsreise etc.)<lb/>
derselben zuzuführen. Ein solcher Betrug erbittert die Kranken mei-<lb/>
stens ungemein, und hindert auf lange Zeit das so nothwendige Ver-<lb/>
trauen zu der Anstalt.</p><lb/><p>Die Aufnahme der einzelnen Kranken in die Staatsanstalten be-<lb/>
darf meistens, dringende Fälle ausgenommen, einer vorausgehenden<lb/>
Genehmigung der vorgesetzten Staatsbehörde, welche sich auf einen<lb/>
Bericht des Directors über die Zulässigkeit dieser Aufnahme stützt;<lb/>
es ist im Interesse der möglichst häufigen Aufnahme frischer Fälle<lb/>
nothwendig, dass die Formen dieser Geschäfte die einfachsten und<lb/>
expeditesten seien. — Die <hirendition="#g">Entlassungen</hi> aus den Anstalten geschehen<lb/>
meist allein auf Verfügung des Directors; sie sollten immer zunächst ver-<lb/>
suchsweise, provisorische sein, damit der Kranke beim ersten Zeichen<lb/>
eines Rückfalls ohne das mindeste Zögern wieder der Anstalt über-<lb/>
geben weden kann. Während dieser Zeit provisorischer Entlassung<lb/>
kann dann von seinem Hausarzte hie und da über den Genesenen<lb/>
an die Anstalt berichtet werden. Zeigt die Genesung entschiedene<lb/>
Dauer und Bestand, wozu eine ungetrübte geistige Gesundheit von<lb/>
wenigstens 1—2 Jahren gehört, so wird der frühere Pflegling erst<lb/>
definitiv aus dem Verbande mit der Anstalt entlassen. Freie Vereine<lb/>
zur Unterstützung bedürftiger Genesenen bestehen an manchen Orten<lb/>
mit gesegnetem Erfolge.</p></div><lb/><divn="4"><head>§. 194.</head><lb/><p>Ausser den öffentlichen Irrenhäusern möge noch der <hirendition="#g">Privat-<lb/>
anstalten</hi> gedacht werden, welche für Länder, in denen das öffent-<lb/>
liche Irrenwesen noch nicht geordnet ist, wo die Staatsanstalten der<lb/>
Irrenzahl nicht genügen, oder wo für einen Kranken Ansprüche des<lb/>
Luxus und der Eleganz erhoben werden, wie sie in den Staatsanstal-<lb/>
ten nicht zu befriedigen sind, dem Bedürfnisse abhelfen. Der Staat<lb/>
sollte übrigens solche Anstalten nur wissenschaftlichen Aerzten, nie-<lb/>
mals Laien, Chirurgen u. dgl. concessioniren, und von dem Vorsteher<lb/>
vollständige Garantieen seiner Befähigung zur Irrentherapie, nament-<lb/>
lich eine practische Ausbildung für diese Specialität fordern und eine<lb/></p></div></div></div></div></body></text></TEI>
[395/0409]
Aufnahmen und Entlassungen.
fahren angeben etc., Erfordernisse, welche bei dem Arzte eine zum
Wenigstens encyclopädische Kenntniss des Irreseins ganz nothwendig
voraussetzen. Soll nun der Kranke in die Anstalt gebracht werden, so
werde diess ihm selbst mitgetheilt; vielfache Beobachtung hat gezeigt,
dass es unendlich viel vortheilhafter ist, ihn, wenn er sich hartnäckig
sträuben sollte, mit äusserem Zwang in die Anstalt zu bringen, als
ihn durch List (unter dem Vorwande einer Vergnügungsreise etc.)
derselben zuzuführen. Ein solcher Betrug erbittert die Kranken mei-
stens ungemein, und hindert auf lange Zeit das so nothwendige Ver-
trauen zu der Anstalt.
Die Aufnahme der einzelnen Kranken in die Staatsanstalten be-
darf meistens, dringende Fälle ausgenommen, einer vorausgehenden
Genehmigung der vorgesetzten Staatsbehörde, welche sich auf einen
Bericht des Directors über die Zulässigkeit dieser Aufnahme stützt;
es ist im Interesse der möglichst häufigen Aufnahme frischer Fälle
nothwendig, dass die Formen dieser Geschäfte die einfachsten und
expeditesten seien. — Die Entlassungen aus den Anstalten geschehen
meist allein auf Verfügung des Directors; sie sollten immer zunächst ver-
suchsweise, provisorische sein, damit der Kranke beim ersten Zeichen
eines Rückfalls ohne das mindeste Zögern wieder der Anstalt über-
geben weden kann. Während dieser Zeit provisorischer Entlassung
kann dann von seinem Hausarzte hie und da über den Genesenen
an die Anstalt berichtet werden. Zeigt die Genesung entschiedene
Dauer und Bestand, wozu eine ungetrübte geistige Gesundheit von
wenigstens 1—2 Jahren gehört, so wird der frühere Pflegling erst
definitiv aus dem Verbande mit der Anstalt entlassen. Freie Vereine
zur Unterstützung bedürftiger Genesenen bestehen an manchen Orten
mit gesegnetem Erfolge.
§. 194.
Ausser den öffentlichen Irrenhäusern möge noch der Privat-
anstalten gedacht werden, welche für Länder, in denen das öffent-
liche Irrenwesen noch nicht geordnet ist, wo die Staatsanstalten der
Irrenzahl nicht genügen, oder wo für einen Kranken Ansprüche des
Luxus und der Eleganz erhoben werden, wie sie in den Staatsanstal-
ten nicht zu befriedigen sind, dem Bedürfnisse abhelfen. Der Staat
sollte übrigens solche Anstalten nur wissenschaftlichen Aerzten, nie-
mals Laien, Chirurgen u. dgl. concessioniren, und von dem Vorsteher
vollständige Garantieen seiner Befähigung zur Irrentherapie, nament-
lich eine practische Ausbildung für diese Specialität fordern und eine
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845, S. 395. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845/409>, abgerufen am 03.03.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.