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Die Grenzboten. Jg. 76, 1917, Zweites Vierteljahr.

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Die baltische Frage und die russische Revolution

nichts an. Nur insofern wir über den Friedensschluß hinaus irgendwelche
feste Pläne über unsere Beziehungen zum russischen Reich verfolgen, muß dieser
rein russische Gesichtspunkt ebenfalls in Erwägung gezogen werden.

Die Erörterung der baltischen Frage erfuhr bislang dadurch eine besondere
Verwicklung, daß die Möglichkeit oder gar Nötigung uns vor Augen stand,
durch Entgegenkommen gegenüber einem noch immer kräftigen russischen Reich
zu einem Sonderfrieden mit ihm zu kommen, um so mit gesammelten Kräften
unserem hartnäckigsten Feinde. England, entgegentreten zu können. Einem
Rußland, wie es uns noch vor wenigen Wochen gegenüberstand, konnte -- so
schien es -- das baltische Land nur mit der Kraft des Schwertes entrissen
werden. Und so wurde die Erwägung, ob und wie weit über das bereits
besetzte baltische Gebiet hinaus an einen Erwerb gedacht werden könnte, durch
die Ungewißheit gedämpft und niedergeschlagen, ob militärisch die Möglichkeit
zu weitreichenden Eroberungen noch geboten sei. Auch im Kriege lehrt die
Lebensklugheit, aus der Not eine Tugend zu machen. Daß unsere Eroberung
an der Dura Halt machen müsse, schien militärisches kalt accompli, und schon
begann die politische Überlegung sich mit dieser Tatsache abzufinden und sich
in ihr, so gut es eben gehen wollte, in ihren Grenzen häuslich einzurichten.
Daß durch anßermilitärische Ereignisse diese scheinbar rein militärische An¬
gelegenheit plötzlich ein neues Geficht gewinnen könnte, das wagte man kaum
mehr zu hoffen, da die lang ersehnte russische Revolution in immer weitere
Ferne abrückte. Nun sich über Nacht alles geändert hat, droht umgekehrt die
mühsam errungene Tugend der Selbstbeschränkung zur Not auszuschlagen.
Große und auf Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte hinaus entscheidungsschwere
Zeiten, wie wir sie heute durchleben, erfordern ein hohes Maß politischer
Elastizität, die sich den Möglichkeiten der Stunde blitzschnell anpaßt. So haben
wir uns heute zu fragen, welche Möglichkeiten die Ereignisse im Zarenreiche
für die Lösung der baltischen Frage aufschließen. Und es ist eine Gefahr, die
wir erkennen müssen, um ihr zu wehren, daß wir uns setzt in unseren Ent¬
schlüssen durch die Resignation lähmen ließen, die der Dauerkrieg uns allen
auferlegt hatte.

Ein Verzicht auf Gebietserweiterung im Osten ist heute nicht mehr möglich.
Dem stehen nicht nur die eindeutigen Worte des Kanzlers entgegen. Die
Gründung eines an Mitteleuropa angelehnten Polens macht ein Vorschieben
der Reichsgrenze nach Osten zur unbedingten Notwendigkeit. Jener erste Schritt
verlangt mit unerbittlicher politischer Logik diesen zweiten. Und so lassen denn
auch mannigfache Verwaltungsmaßnahmen in Kurland und Litauen den festen
Willen unserer Regierung erkennen, das eroberte Gebiet in irgendwelcher Form
dem Reiche wieder anzugliedern. Daß aber nun strategisch, Sosen überhaupt
an einen Erwerb baltischen Landes gedacht wird, die Dünagrenze höchst unzu¬
länglich, die alte Reichsgrenze der Narowa, des Peipussees und der an¬
schließenden Sümpfe auch heute noch allein befriedigen kann, ist durch das


Die baltische Frage und die russische Revolution

nichts an. Nur insofern wir über den Friedensschluß hinaus irgendwelche
feste Pläne über unsere Beziehungen zum russischen Reich verfolgen, muß dieser
rein russische Gesichtspunkt ebenfalls in Erwägung gezogen werden.

Die Erörterung der baltischen Frage erfuhr bislang dadurch eine besondere
Verwicklung, daß die Möglichkeit oder gar Nötigung uns vor Augen stand,
durch Entgegenkommen gegenüber einem noch immer kräftigen russischen Reich
zu einem Sonderfrieden mit ihm zu kommen, um so mit gesammelten Kräften
unserem hartnäckigsten Feinde. England, entgegentreten zu können. Einem
Rußland, wie es uns noch vor wenigen Wochen gegenüberstand, konnte — so
schien es — das baltische Land nur mit der Kraft des Schwertes entrissen
werden. Und so wurde die Erwägung, ob und wie weit über das bereits
besetzte baltische Gebiet hinaus an einen Erwerb gedacht werden könnte, durch
die Ungewißheit gedämpft und niedergeschlagen, ob militärisch die Möglichkeit
zu weitreichenden Eroberungen noch geboten sei. Auch im Kriege lehrt die
Lebensklugheit, aus der Not eine Tugend zu machen. Daß unsere Eroberung
an der Dura Halt machen müsse, schien militärisches kalt accompli, und schon
begann die politische Überlegung sich mit dieser Tatsache abzufinden und sich
in ihr, so gut es eben gehen wollte, in ihren Grenzen häuslich einzurichten.
Daß durch anßermilitärische Ereignisse diese scheinbar rein militärische An¬
gelegenheit plötzlich ein neues Geficht gewinnen könnte, das wagte man kaum
mehr zu hoffen, da die lang ersehnte russische Revolution in immer weitere
Ferne abrückte. Nun sich über Nacht alles geändert hat, droht umgekehrt die
mühsam errungene Tugend der Selbstbeschränkung zur Not auszuschlagen.
Große und auf Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte hinaus entscheidungsschwere
Zeiten, wie wir sie heute durchleben, erfordern ein hohes Maß politischer
Elastizität, die sich den Möglichkeiten der Stunde blitzschnell anpaßt. So haben
wir uns heute zu fragen, welche Möglichkeiten die Ereignisse im Zarenreiche
für die Lösung der baltischen Frage aufschließen. Und es ist eine Gefahr, die
wir erkennen müssen, um ihr zu wehren, daß wir uns setzt in unseren Ent¬
schlüssen durch die Resignation lähmen ließen, die der Dauerkrieg uns allen
auferlegt hatte.

Ein Verzicht auf Gebietserweiterung im Osten ist heute nicht mehr möglich.
Dem stehen nicht nur die eindeutigen Worte des Kanzlers entgegen. Die
Gründung eines an Mitteleuropa angelehnten Polens macht ein Vorschieben
der Reichsgrenze nach Osten zur unbedingten Notwendigkeit. Jener erste Schritt
verlangt mit unerbittlicher politischer Logik diesen zweiten. Und so lassen denn
auch mannigfache Verwaltungsmaßnahmen in Kurland und Litauen den festen
Willen unserer Regierung erkennen, das eroberte Gebiet in irgendwelcher Form
dem Reiche wieder anzugliedern. Daß aber nun strategisch, Sosen überhaupt
an einen Erwerb baltischen Landes gedacht wird, die Dünagrenze höchst unzu¬
länglich, die alte Reichsgrenze der Narowa, des Peipussees und der an¬
schließenden Sümpfe auch heute noch allein befriedigen kann, ist durch das


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 76, 1917, Zweites Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341905_331841/143>, abgerufen am 12.01.2025.