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Die Grenzboten. Jg. 75, 1916, Viertes Vierteljahr.

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Die allgemeine Dienstpflicht

Gesetz mußten daher die weiteren Maßnahmen zur Befriedigung der An¬
forderungen vorgesehen werden. Dem Aufruf an die Allgemeinheit oder
einzelne Berufsklassen folgt die Aufforderung an die einzelnen Personen.
Hierbei wird der Arbeitsfreiheit weitester Spielraum gewährt. Die Arbeits¬
pflicht wird den betreffenden Individuen zwar auferlegt, sie haben aber freie
Wahl in der Art ihrer Betätigung, wenn sie nur einem Betriebe des vater¬
ländischen Hilfsdienstes sich widmen. Das ist unseres Erachtens ein äußerst
glücklicher Gedanke, denn er verbindet die größtmögliche Rücksichtnahme auf
persönliche Neigungen mit einer wesentlichen Vereinfachung der Obliegenheiten
an den leitenden Stellen. Letztere sind dadurch der ungeheuren Belastung
enthoben, vielen Hunderttausenden den Posten nachzuweisen, der ihren Kennt¬
nissen und Wünschen am ehesten entspricht. Sehe jeder, wo er nutzbringend
sich einordnen kann, nachdem an ihn das Aufgebot zur Pflichtleistung ergangen.
Das Kriegsamt aber dürfte in seinem eigenen Interesse die Vorsicht üben, nur
solche Berufstätige anzufordern, deren Verwendung zu der gegebenen Zeit
zweckmäßig erscheint. Andernfalls könnten die anrückenden buntgemischten
Scharen von arbeitswilligen, für die besonderen Aufgaben aber ungeeigneten
Personen dem Kriegsamt arge Verlegenheiten bereiten.

Der Rahmen des Hilfsdienstwerkes ist übrigens so weit gespannt, daß, wie
anzunehmen, den "Einberufenen" reichlich Gelegenheit sich bieten wird, ihre
Kraft in den Dienst der vaterländischen Sache zu stellen. Denn als tätig für
diese gelten alle Personen, die bei Behörden, in der Kriegsindustrie, in der
Land- und Forstwirtschaft, Krankenpflege, in kriegswirtschaftlichen Organisationen
jeder Art oder in sonstigen Berufen oder Betrieben, die für Zwecke der Krieg¬
führung oder der Volksversorgung unmittelbar oder mittelbar Bedeutung haben,
beschäftigt sind, soweit die Zahl dieser Personen das Bedürfnis nicht über¬
steigt. -- Mit dem im Nachsatz angefügten Vorbehalt soll ein Riegel den
Drückebergern vorgeschoben werden, die, vielleicht gar gegen Entgelt, ihre Auf¬
nahme in irgendwelche befreiende Arbeiterlisten bewirken, vielleicht ohne an den
betreffenden Arbeitsstätten auch nur einen Finger zu rühren, vielmehr einzig
zu dem Zweck, ihrer zwangsweisen Einfügung in die Arbeiterkolonnen durch
Vorweis einer Freistellungs-Bescheinigung vorzubeugen. Die amtlichen Organe
sollen daher zur Verhütung solcher Täuschungsversuche prüfen, ob nicht die
Zahl der als beschäftigt angemeldeten Personen das tatsächliche Bedürfnis
übersteigt. Die Dienstpflicht darf eben nicht als eine Theaterspielerei, der man
nach Belieben sich entziehen kann, aufgefaßt werden.,

Erst wenn die Aufforderung zu selbständigem Eintritt in die Reihen der
Heimarmee innerhalb vierzehn Tagen keinen Erfolg gehabt hat, soll der Arbeits¬
zwang platzgreifen, also die Überweisung zu einer Beschäftigung seitens des
beim Kriegsamt errichteten Allsschusses, der in der Regel für jeden Bezirk
einer Ersatzkommisston gebildet wird und aus einem Offizier als Vorsitzenden,
einem höheren Beamten und je zwei Vertretern der Arbeitgeber und Arbeit-


Die allgemeine Dienstpflicht

Gesetz mußten daher die weiteren Maßnahmen zur Befriedigung der An¬
forderungen vorgesehen werden. Dem Aufruf an die Allgemeinheit oder
einzelne Berufsklassen folgt die Aufforderung an die einzelnen Personen.
Hierbei wird der Arbeitsfreiheit weitester Spielraum gewährt. Die Arbeits¬
pflicht wird den betreffenden Individuen zwar auferlegt, sie haben aber freie
Wahl in der Art ihrer Betätigung, wenn sie nur einem Betriebe des vater¬
ländischen Hilfsdienstes sich widmen. Das ist unseres Erachtens ein äußerst
glücklicher Gedanke, denn er verbindet die größtmögliche Rücksichtnahme auf
persönliche Neigungen mit einer wesentlichen Vereinfachung der Obliegenheiten
an den leitenden Stellen. Letztere sind dadurch der ungeheuren Belastung
enthoben, vielen Hunderttausenden den Posten nachzuweisen, der ihren Kennt¬
nissen und Wünschen am ehesten entspricht. Sehe jeder, wo er nutzbringend
sich einordnen kann, nachdem an ihn das Aufgebot zur Pflichtleistung ergangen.
Das Kriegsamt aber dürfte in seinem eigenen Interesse die Vorsicht üben, nur
solche Berufstätige anzufordern, deren Verwendung zu der gegebenen Zeit
zweckmäßig erscheint. Andernfalls könnten die anrückenden buntgemischten
Scharen von arbeitswilligen, für die besonderen Aufgaben aber ungeeigneten
Personen dem Kriegsamt arge Verlegenheiten bereiten.

Der Rahmen des Hilfsdienstwerkes ist übrigens so weit gespannt, daß, wie
anzunehmen, den „Einberufenen" reichlich Gelegenheit sich bieten wird, ihre
Kraft in den Dienst der vaterländischen Sache zu stellen. Denn als tätig für
diese gelten alle Personen, die bei Behörden, in der Kriegsindustrie, in der
Land- und Forstwirtschaft, Krankenpflege, in kriegswirtschaftlichen Organisationen
jeder Art oder in sonstigen Berufen oder Betrieben, die für Zwecke der Krieg¬
führung oder der Volksversorgung unmittelbar oder mittelbar Bedeutung haben,
beschäftigt sind, soweit die Zahl dieser Personen das Bedürfnis nicht über¬
steigt. — Mit dem im Nachsatz angefügten Vorbehalt soll ein Riegel den
Drückebergern vorgeschoben werden, die, vielleicht gar gegen Entgelt, ihre Auf¬
nahme in irgendwelche befreiende Arbeiterlisten bewirken, vielleicht ohne an den
betreffenden Arbeitsstätten auch nur einen Finger zu rühren, vielmehr einzig
zu dem Zweck, ihrer zwangsweisen Einfügung in die Arbeiterkolonnen durch
Vorweis einer Freistellungs-Bescheinigung vorzubeugen. Die amtlichen Organe
sollen daher zur Verhütung solcher Täuschungsversuche prüfen, ob nicht die
Zahl der als beschäftigt angemeldeten Personen das tatsächliche Bedürfnis
übersteigt. Die Dienstpflicht darf eben nicht als eine Theaterspielerei, der man
nach Belieben sich entziehen kann, aufgefaßt werden.,

Erst wenn die Aufforderung zu selbständigem Eintritt in die Reihen der
Heimarmee innerhalb vierzehn Tagen keinen Erfolg gehabt hat, soll der Arbeits¬
zwang platzgreifen, also die Überweisung zu einer Beschäftigung seitens des
beim Kriegsamt errichteten Allsschusses, der in der Regel für jeden Bezirk
einer Ersatzkommisston gebildet wird und aus einem Offizier als Vorsitzenden,
einem höheren Beamten und je zwei Vertretern der Arbeitgeber und Arbeit-


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[0370] Die allgemeine Dienstpflicht Gesetz mußten daher die weiteren Maßnahmen zur Befriedigung der An¬ forderungen vorgesehen werden. Dem Aufruf an die Allgemeinheit oder einzelne Berufsklassen folgt die Aufforderung an die einzelnen Personen. Hierbei wird der Arbeitsfreiheit weitester Spielraum gewährt. Die Arbeits¬ pflicht wird den betreffenden Individuen zwar auferlegt, sie haben aber freie Wahl in der Art ihrer Betätigung, wenn sie nur einem Betriebe des vater¬ ländischen Hilfsdienstes sich widmen. Das ist unseres Erachtens ein äußerst glücklicher Gedanke, denn er verbindet die größtmögliche Rücksichtnahme auf persönliche Neigungen mit einer wesentlichen Vereinfachung der Obliegenheiten an den leitenden Stellen. Letztere sind dadurch der ungeheuren Belastung enthoben, vielen Hunderttausenden den Posten nachzuweisen, der ihren Kennt¬ nissen und Wünschen am ehesten entspricht. Sehe jeder, wo er nutzbringend sich einordnen kann, nachdem an ihn das Aufgebot zur Pflichtleistung ergangen. Das Kriegsamt aber dürfte in seinem eigenen Interesse die Vorsicht üben, nur solche Berufstätige anzufordern, deren Verwendung zu der gegebenen Zeit zweckmäßig erscheint. Andernfalls könnten die anrückenden buntgemischten Scharen von arbeitswilligen, für die besonderen Aufgaben aber ungeeigneten Personen dem Kriegsamt arge Verlegenheiten bereiten. Der Rahmen des Hilfsdienstwerkes ist übrigens so weit gespannt, daß, wie anzunehmen, den „Einberufenen" reichlich Gelegenheit sich bieten wird, ihre Kraft in den Dienst der vaterländischen Sache zu stellen. Denn als tätig für diese gelten alle Personen, die bei Behörden, in der Kriegsindustrie, in der Land- und Forstwirtschaft, Krankenpflege, in kriegswirtschaftlichen Organisationen jeder Art oder in sonstigen Berufen oder Betrieben, die für Zwecke der Krieg¬ führung oder der Volksversorgung unmittelbar oder mittelbar Bedeutung haben, beschäftigt sind, soweit die Zahl dieser Personen das Bedürfnis nicht über¬ steigt. — Mit dem im Nachsatz angefügten Vorbehalt soll ein Riegel den Drückebergern vorgeschoben werden, die, vielleicht gar gegen Entgelt, ihre Auf¬ nahme in irgendwelche befreiende Arbeiterlisten bewirken, vielleicht ohne an den betreffenden Arbeitsstätten auch nur einen Finger zu rühren, vielmehr einzig zu dem Zweck, ihrer zwangsweisen Einfügung in die Arbeiterkolonnen durch Vorweis einer Freistellungs-Bescheinigung vorzubeugen. Die amtlichen Organe sollen daher zur Verhütung solcher Täuschungsversuche prüfen, ob nicht die Zahl der als beschäftigt angemeldeten Personen das tatsächliche Bedürfnis übersteigt. Die Dienstpflicht darf eben nicht als eine Theaterspielerei, der man nach Belieben sich entziehen kann, aufgefaßt werden., Erst wenn die Aufforderung zu selbständigem Eintritt in die Reihen der Heimarmee innerhalb vierzehn Tagen keinen Erfolg gehabt hat, soll der Arbeits¬ zwang platzgreifen, also die Überweisung zu einer Beschäftigung seitens des beim Kriegsamt errichteten Allsschusses, der in der Regel für jeden Bezirk einer Ersatzkommisston gebildet wird und aus einem Offizier als Vorsitzenden, einem höheren Beamten und je zwei Vertretern der Arbeitgeber und Arbeit-

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 75, 1916, Viertes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341903_330971/370>, abgerufen am 23.07.2024.