geistigen Bewegungen, daß nur Lebendes auf Lebendes wirkt; jedenfalls traten die Fremden mit ganzen, mächtigen Entwicklungen auf, wo wir doch nur Ansätze oder einzelne einsame Größen hatten. Auch hatte die Erfolglitterntur der sechziger und siebziger Jahre -- und man kann sich denken, warum -- über jene Ansätze, jene großen Einsamen den dichtesten Schleier gebreitet, Hebbel und Ludwig waren fast vergessen, und als Emil Kuh 1876 seine Biographie Hebbels herausgab, konnte das damalige litterarische Deutschland fast ungestraft über den Dichter herfallen, um ihn nachträglich noch totzu¬ schlagen. Nun, es mißlang, aber die breitern Kreise und das junge Geschlecht, das man ganz andre Größen zu verehren gelehrt hatte, wußten doch von den einsamen Genies nichts, und als die Jugend nun die Hohlheit der Tages¬ größen erkannte, da verfiel sie eben auf die Fremden, die die Presse anfänglich zu Sensationszwecken gerufen hatte, und die man nun nicht wieder los wurde. Das war eine andre Litteratur als die heimische konventionelle oder decadeute Klassen- und Bilduugsdichtung, da sah man wirklich die ganze Gesellschaft, das ganze Volk gespiegelt mit unerbittlicher Wahrheit und rücksichtsloser Kühnheit, mit tief eindringender Schärfe und wunderbarer psychologischer Analyse. Mochten die Heuchler und Prüden immerhin Zola der Unsittlichkeit anklagen, die Jugend merkte doch, daß er das grandiose Bild des Verfalls des zweiten Kaiserreichs nicht zur Unterhaltung für müssige Stunden male oder gar um die verdorbne Phantasie aufzuregen, sie folgten ihm mit einem aus Lust und Grauen gemischten Gefühle in den "Bauch" von Paris und bewunderten seine brutale Größe. Bei Ibsen wieder zog sie die rücksichtslose Aufdeckung der konventionellen Lügen an, und bisweilen glaubte sie das Licht¬ bild einer großen, starken, freien Gesellschaft der Zukunft in der Ferne auf¬ steigen zu sehen. Und bei den Russen endlich war es namentlich der starke Erdgeruch, der ans allen russischen Werken emporsteigt, der Zauber einer anscheinend noch schlummernden Volkskraft, zu der seltsame mystische und Pathologische Erscheinungen in eigentümlichem Gegensatze stehen, was einen so unwiderstehlichen Reiz übte. Kunst in dem uns überlieferten Sinne fast nirgends, aber überall das reichste und wahrste Leben, die Natur selbst und das alte und ewig neue Evangelium von der Rückkehr zu ihr, selbst in Schmutz und Gemeinheit -- wie hätte das junge Geschlecht nicht gefangen werden sollen? Hier Ebers, Wolff, Paul Lindau und Blumenthal, dort Ibsen, Tolstoi, Dostojewsky, Zola -- die Wahl konnte nicht schwer sein. Ja hätte es heißen können: hier Goethe, Hebbel, Ludwig, Keller, dort die Norweger, Russen und Franzosen, wer weiß, wie die Entscheidung gefallen wäre. Aber den Vätern war Goethe ein Götze, und von Hebbel, Ludwig und selbst von Keller wußten sie nichts, was halfs da, daß sie ihre Söhne ausschalten? Im übrigen waren auch die politischen und sozialen Verhältnisse im deutschen Reiche zu Anfang der achtziger Jahre derart, daß so oder so ein Sturm und
Die Alten und die Jungen
geistigen Bewegungen, daß nur Lebendes auf Lebendes wirkt; jedenfalls traten die Fremden mit ganzen, mächtigen Entwicklungen auf, wo wir doch nur Ansätze oder einzelne einsame Größen hatten. Auch hatte die Erfolglitterntur der sechziger und siebziger Jahre — und man kann sich denken, warum — über jene Ansätze, jene großen Einsamen den dichtesten Schleier gebreitet, Hebbel und Ludwig waren fast vergessen, und als Emil Kuh 1876 seine Biographie Hebbels herausgab, konnte das damalige litterarische Deutschland fast ungestraft über den Dichter herfallen, um ihn nachträglich noch totzu¬ schlagen. Nun, es mißlang, aber die breitern Kreise und das junge Geschlecht, das man ganz andre Größen zu verehren gelehrt hatte, wußten doch von den einsamen Genies nichts, und als die Jugend nun die Hohlheit der Tages¬ größen erkannte, da verfiel sie eben auf die Fremden, die die Presse anfänglich zu Sensationszwecken gerufen hatte, und die man nun nicht wieder los wurde. Das war eine andre Litteratur als die heimische konventionelle oder decadeute Klassen- und Bilduugsdichtung, da sah man wirklich die ganze Gesellschaft, das ganze Volk gespiegelt mit unerbittlicher Wahrheit und rücksichtsloser Kühnheit, mit tief eindringender Schärfe und wunderbarer psychologischer Analyse. Mochten die Heuchler und Prüden immerhin Zola der Unsittlichkeit anklagen, die Jugend merkte doch, daß er das grandiose Bild des Verfalls des zweiten Kaiserreichs nicht zur Unterhaltung für müssige Stunden male oder gar um die verdorbne Phantasie aufzuregen, sie folgten ihm mit einem aus Lust und Grauen gemischten Gefühle in den „Bauch" von Paris und bewunderten seine brutale Größe. Bei Ibsen wieder zog sie die rücksichtslose Aufdeckung der konventionellen Lügen an, und bisweilen glaubte sie das Licht¬ bild einer großen, starken, freien Gesellschaft der Zukunft in der Ferne auf¬ steigen zu sehen. Und bei den Russen endlich war es namentlich der starke Erdgeruch, der ans allen russischen Werken emporsteigt, der Zauber einer anscheinend noch schlummernden Volkskraft, zu der seltsame mystische und Pathologische Erscheinungen in eigentümlichem Gegensatze stehen, was einen so unwiderstehlichen Reiz übte. Kunst in dem uns überlieferten Sinne fast nirgends, aber überall das reichste und wahrste Leben, die Natur selbst und das alte und ewig neue Evangelium von der Rückkehr zu ihr, selbst in Schmutz und Gemeinheit — wie hätte das junge Geschlecht nicht gefangen werden sollen? Hier Ebers, Wolff, Paul Lindau und Blumenthal, dort Ibsen, Tolstoi, Dostojewsky, Zola — die Wahl konnte nicht schwer sein. Ja hätte es heißen können: hier Goethe, Hebbel, Ludwig, Keller, dort die Norweger, Russen und Franzosen, wer weiß, wie die Entscheidung gefallen wäre. Aber den Vätern war Goethe ein Götze, und von Hebbel, Ludwig und selbst von Keller wußten sie nichts, was halfs da, daß sie ihre Söhne ausschalten? Im übrigen waren auch die politischen und sozialen Verhältnisse im deutschen Reiche zu Anfang der achtziger Jahre derart, daß so oder so ein Sturm und
<TEI><text><body><div><divn="1"><divn="2"><pbfacs="#f0421"corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/223363"/><fwtype="header"place="top"> Die Alten und die Jungen</fw><lb/><pxml:id="ID_1194"prev="#ID_1193"next="#ID_1195"> geistigen Bewegungen, daß nur Lebendes auf Lebendes wirkt; jedenfalls traten<lb/>
die Fremden mit ganzen, mächtigen Entwicklungen auf, wo wir doch nur<lb/>
Ansätze oder einzelne einsame Größen hatten. Auch hatte die Erfolglitterntur<lb/>
der sechziger und siebziger Jahre — und man kann sich denken, warum —<lb/>
über jene Ansätze, jene großen Einsamen den dichtesten Schleier gebreitet,<lb/>
Hebbel und Ludwig waren fast vergessen, und als Emil Kuh 1876 seine<lb/>
Biographie Hebbels herausgab, konnte das damalige litterarische Deutschland<lb/>
fast ungestraft über den Dichter herfallen, um ihn nachträglich noch totzu¬<lb/>
schlagen. Nun, es mißlang, aber die breitern Kreise und das junge Geschlecht,<lb/>
das man ganz andre Größen zu verehren gelehrt hatte, wußten doch von den<lb/>
einsamen Genies nichts, und als die Jugend nun die Hohlheit der Tages¬<lb/>
größen erkannte, da verfiel sie eben auf die Fremden, die die Presse anfänglich<lb/>
zu Sensationszwecken gerufen hatte, und die man nun nicht wieder los wurde.<lb/>
Das war eine andre Litteratur als die heimische konventionelle oder decadeute<lb/>
Klassen- und Bilduugsdichtung, da sah man wirklich die ganze Gesellschaft,<lb/>
das ganze Volk gespiegelt mit unerbittlicher Wahrheit und rücksichtsloser<lb/>
Kühnheit, mit tief eindringender Schärfe und wunderbarer psychologischer<lb/>
Analyse. Mochten die Heuchler und Prüden immerhin Zola der Unsittlichkeit<lb/>
anklagen, die Jugend merkte doch, daß er das grandiose Bild des Verfalls<lb/>
des zweiten Kaiserreichs nicht zur Unterhaltung für müssige Stunden male<lb/>
oder gar um die verdorbne Phantasie aufzuregen, sie folgten ihm mit einem<lb/>
aus Lust und Grauen gemischten Gefühle in den „Bauch" von Paris und<lb/>
bewunderten seine brutale Größe. Bei Ibsen wieder zog sie die rücksichtslose<lb/>
Aufdeckung der konventionellen Lügen an, und bisweilen glaubte sie das Licht¬<lb/>
bild einer großen, starken, freien Gesellschaft der Zukunft in der Ferne auf¬<lb/>
steigen zu sehen. Und bei den Russen endlich war es namentlich der starke<lb/>
Erdgeruch, der ans allen russischen Werken emporsteigt, der Zauber einer<lb/>
anscheinend noch schlummernden Volkskraft, zu der seltsame mystische und<lb/>
Pathologische Erscheinungen in eigentümlichem Gegensatze stehen, was einen so<lb/>
unwiderstehlichen Reiz übte. Kunst in dem uns überlieferten Sinne fast<lb/>
nirgends, aber überall das reichste und wahrste Leben, die Natur selbst und<lb/>
das alte und ewig neue Evangelium von der Rückkehr zu ihr, selbst in Schmutz<lb/>
und Gemeinheit — wie hätte das junge Geschlecht nicht gefangen werden<lb/>
sollen? Hier Ebers, Wolff, Paul Lindau und Blumenthal, dort Ibsen,<lb/>
Tolstoi, Dostojewsky, Zola — die Wahl konnte nicht schwer sein. Ja hätte<lb/>
es heißen können: hier Goethe, Hebbel, Ludwig, Keller, dort die Norweger,<lb/>
Russen und Franzosen, wer weiß, wie die Entscheidung gefallen wäre. Aber<lb/>
den Vätern war Goethe ein Götze, und von Hebbel, Ludwig und selbst von<lb/>
Keller wußten sie nichts, was halfs da, daß sie ihre Söhne ausschalten?<lb/>
Im übrigen waren auch die politischen und sozialen Verhältnisse im deutschen<lb/>
Reiche zu Anfang der achtziger Jahre derart, daß so oder so ein Sturm und</p><lb/></div></div></div></body></text></TEI>
[0421]
Die Alten und die Jungen
geistigen Bewegungen, daß nur Lebendes auf Lebendes wirkt; jedenfalls traten
die Fremden mit ganzen, mächtigen Entwicklungen auf, wo wir doch nur
Ansätze oder einzelne einsame Größen hatten. Auch hatte die Erfolglitterntur
der sechziger und siebziger Jahre — und man kann sich denken, warum —
über jene Ansätze, jene großen Einsamen den dichtesten Schleier gebreitet,
Hebbel und Ludwig waren fast vergessen, und als Emil Kuh 1876 seine
Biographie Hebbels herausgab, konnte das damalige litterarische Deutschland
fast ungestraft über den Dichter herfallen, um ihn nachträglich noch totzu¬
schlagen. Nun, es mißlang, aber die breitern Kreise und das junge Geschlecht,
das man ganz andre Größen zu verehren gelehrt hatte, wußten doch von den
einsamen Genies nichts, und als die Jugend nun die Hohlheit der Tages¬
größen erkannte, da verfiel sie eben auf die Fremden, die die Presse anfänglich
zu Sensationszwecken gerufen hatte, und die man nun nicht wieder los wurde.
Das war eine andre Litteratur als die heimische konventionelle oder decadeute
Klassen- und Bilduugsdichtung, da sah man wirklich die ganze Gesellschaft,
das ganze Volk gespiegelt mit unerbittlicher Wahrheit und rücksichtsloser
Kühnheit, mit tief eindringender Schärfe und wunderbarer psychologischer
Analyse. Mochten die Heuchler und Prüden immerhin Zola der Unsittlichkeit
anklagen, die Jugend merkte doch, daß er das grandiose Bild des Verfalls
des zweiten Kaiserreichs nicht zur Unterhaltung für müssige Stunden male
oder gar um die verdorbne Phantasie aufzuregen, sie folgten ihm mit einem
aus Lust und Grauen gemischten Gefühle in den „Bauch" von Paris und
bewunderten seine brutale Größe. Bei Ibsen wieder zog sie die rücksichtslose
Aufdeckung der konventionellen Lügen an, und bisweilen glaubte sie das Licht¬
bild einer großen, starken, freien Gesellschaft der Zukunft in der Ferne auf¬
steigen zu sehen. Und bei den Russen endlich war es namentlich der starke
Erdgeruch, der ans allen russischen Werken emporsteigt, der Zauber einer
anscheinend noch schlummernden Volkskraft, zu der seltsame mystische und
Pathologische Erscheinungen in eigentümlichem Gegensatze stehen, was einen so
unwiderstehlichen Reiz übte. Kunst in dem uns überlieferten Sinne fast
nirgends, aber überall das reichste und wahrste Leben, die Natur selbst und
das alte und ewig neue Evangelium von der Rückkehr zu ihr, selbst in Schmutz
und Gemeinheit — wie hätte das junge Geschlecht nicht gefangen werden
sollen? Hier Ebers, Wolff, Paul Lindau und Blumenthal, dort Ibsen,
Tolstoi, Dostojewsky, Zola — die Wahl konnte nicht schwer sein. Ja hätte
es heißen können: hier Goethe, Hebbel, Ludwig, Keller, dort die Norweger,
Russen und Franzosen, wer weiß, wie die Entscheidung gefallen wäre. Aber
den Vätern war Goethe ein Götze, und von Hebbel, Ludwig und selbst von
Keller wußten sie nichts, was halfs da, daß sie ihre Söhne ausschalten?
Im übrigen waren auch die politischen und sozialen Verhältnisse im deutschen
Reiche zu Anfang der achtziger Jahre derart, daß so oder so ein Sturm und
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Kay-Michael Würzner: Bearbeitung der digitalen Edition.
Weitere Informationen:
Verfahren der Texterfassung: OCR mit Nachkorrektur.
Bogensignaturen: gekennzeichnet;Druckfehler: ignoriert;fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet;Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet;i/j in Fraktur: wie Vorlage;I/J in Fraktur: wie Vorlage;Kolumnentitel: gekennzeichnet;Kustoden: gekennzeichnet;langes s (ſ): als s transkribiert;Normalisierungen: stillschweigend;rundes r (ꝛ): als r/et transkribiert;Seitenumbrüche markiert: ja;Silbentrennung: wie Vorlage;u/v bzw. U/V: wie Vorlage;Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert;Vollständigkeit: vollständig erfasst;Zeichensetzung: wie Vorlage;Zeilenumbrüche markiert: ja;
Die Grenzboten. Jg. 55, 1896, Drittes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341863_222941/421>, abgerufen am 27.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.