Die Grenzboten. Jg. 55, 1896, Zweites Vierteljahr.Neue deutsche Epik Gebiet durch tiefere Gräben und bessere Mauern vor dem Andrang des dürf¬ Im allgemeinen herrscht noch die Vorstellung, daß sich die moderne er¬ Neue deutsche Epik Gebiet durch tiefere Gräben und bessere Mauern vor dem Andrang des dürf¬ Im allgemeinen herrscht noch die Vorstellung, daß sich die moderne er¬ <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0375" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/222679"/> <fw type="header" place="top"> Neue deutsche Epik</fw><lb/> <p xml:id="ID_1097" prev="#ID_1096"> Gebiet durch tiefere Gräben und bessere Mauern vor dem Andrang des dürf¬<lb/> tigsten und anmaßlichsten Dilettantismus geschützt sei, ist gründlich falsch.<lb/> Wie in der Minnepoesie, in der gereimten Natur- und Wanderlust die unbe¬<lb/> rechtigte Versemacherei vorwiegt, so bemächtigt sie sich auch aller erdenklichen<lb/> Helden und Begebenheiten und hofft vom Stoff Wirkungen, die doch nur<lb/> vom Dichter ausgehen können. Was wird alles aus allen Ecken zusammen¬<lb/> gekehrt, um die gleißende und innerlich völlig öde Mannichfaltigkeit erzählender<lb/> Dichtungen hervorzubringen, die in den Titeln und Versformen liegt! Wie<lb/> schwer wird es dem an poetischer Produktion noch teilnehmenden Publikum<lb/> gemacht, die bessern, wahrhaft lebensvollen Dichtungen dieser Art aus der<lb/> Menge herauszufinden! Denn zwischen ihnen und den eigentlich stümperhaften<lb/> Anläufen und Versuchen liegen die leidlichen Nachahmungen größerer Vorbilder,<lb/> die wohlgemeinten Schulexerzitien, denen die Tagesreklame alle Prädikate<lb/> spendet, die allenfalls auf ein paar Ausnahmen angewandt werden dürften.</p><lb/> <p xml:id="ID_1098" next="#ID_1099"> Im allgemeinen herrscht noch die Vorstellung, daß sich die moderne er¬<lb/> zählende Poesie der alten echten Epik dann am sichersten nähere, wenn sie<lb/> dielgefeierte weltgeschichtliche Helden wählt. Die Prüfung, ob die eigne ge¬<lb/> staltende Kraft der Aufgabe entspreche, wird in diesen Fällen weislich unter¬<lb/> lassen. Das Ergebnis sind dann Gedichte wie: Der Heiland, Epos in neun¬<lb/> zehn Gesängen von Franz Ludorff (Dresden, Glöß, 1894), Das Armins¬<lb/> lied von Karl Preser (Großeuhain und Leipzig, Baumert und Rouge, 1895),<lb/> Wittekind der Sachsenherzog, vaterländische Dichtung von W. Nudvw<lb/> (Leipzig, Wilhelm Opetz, 1894) und Deutschlands Dreigestirn, episches<lb/> Gedicht von K. Weidang (Dresden, R. von Grumbkow, 1895). Die geo¬<lb/> graphische Nähe der Verlagsorte läßt vermuten, daß es uoch mehr Schöpfungen<lb/> dieser Art giebt, die mir zufällig nicht in unsre Hände gekommen sind. Alle<lb/> vier Gedichte hinterlassen den traurigen Eindruck, daß es den Verfassern um<lb/> die Erfindung und das subjektive Pathos ihrer Gedichte gewaltig Ernst ge¬<lb/> wesen ist, daß aber dieser Ernst völlig wirkungslos bleibt. Der „Heiland,"<lb/> volle hundertundfunfzig Jahre nach Klopstocks „Messias" gedichtet, bringt es<lb/> uicht entfernt zu fo viel epischem Geduld, als in den einfachen Überlieferungen<lb/> der Evangelien vorhanden ist. Vergeblich bietet Fr. Ludorff die Künste der<lb/> Beschreibung und der Rhetorik auf; der ganz äußerlichen Erfindung seines<lb/> Gedichts thut der aufgebauschte und doch dürftige Wortprunk mehr Eintrag,<lb/> als daß er sie erhebt; so unerfreulich flach, uncharakteristisch und holprig wie<lb/> der römische Hauptmann am Fuß des Kreuzes ruft:</p><lb/> <lg xml:id="POEMID_12" type="poem"> <l/> </lg><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0375]
Neue deutsche Epik
Gebiet durch tiefere Gräben und bessere Mauern vor dem Andrang des dürf¬
tigsten und anmaßlichsten Dilettantismus geschützt sei, ist gründlich falsch.
Wie in der Minnepoesie, in der gereimten Natur- und Wanderlust die unbe¬
rechtigte Versemacherei vorwiegt, so bemächtigt sie sich auch aller erdenklichen
Helden und Begebenheiten und hofft vom Stoff Wirkungen, die doch nur
vom Dichter ausgehen können. Was wird alles aus allen Ecken zusammen¬
gekehrt, um die gleißende und innerlich völlig öde Mannichfaltigkeit erzählender
Dichtungen hervorzubringen, die in den Titeln und Versformen liegt! Wie
schwer wird es dem an poetischer Produktion noch teilnehmenden Publikum
gemacht, die bessern, wahrhaft lebensvollen Dichtungen dieser Art aus der
Menge herauszufinden! Denn zwischen ihnen und den eigentlich stümperhaften
Anläufen und Versuchen liegen die leidlichen Nachahmungen größerer Vorbilder,
die wohlgemeinten Schulexerzitien, denen die Tagesreklame alle Prädikate
spendet, die allenfalls auf ein paar Ausnahmen angewandt werden dürften.
Im allgemeinen herrscht noch die Vorstellung, daß sich die moderne er¬
zählende Poesie der alten echten Epik dann am sichersten nähere, wenn sie
dielgefeierte weltgeschichtliche Helden wählt. Die Prüfung, ob die eigne ge¬
staltende Kraft der Aufgabe entspreche, wird in diesen Fällen weislich unter¬
lassen. Das Ergebnis sind dann Gedichte wie: Der Heiland, Epos in neun¬
zehn Gesängen von Franz Ludorff (Dresden, Glöß, 1894), Das Armins¬
lied von Karl Preser (Großeuhain und Leipzig, Baumert und Rouge, 1895),
Wittekind der Sachsenherzog, vaterländische Dichtung von W. Nudvw
(Leipzig, Wilhelm Opetz, 1894) und Deutschlands Dreigestirn, episches
Gedicht von K. Weidang (Dresden, R. von Grumbkow, 1895). Die geo¬
graphische Nähe der Verlagsorte läßt vermuten, daß es uoch mehr Schöpfungen
dieser Art giebt, die mir zufällig nicht in unsre Hände gekommen sind. Alle
vier Gedichte hinterlassen den traurigen Eindruck, daß es den Verfassern um
die Erfindung und das subjektive Pathos ihrer Gedichte gewaltig Ernst ge¬
wesen ist, daß aber dieser Ernst völlig wirkungslos bleibt. Der „Heiland,"
volle hundertundfunfzig Jahre nach Klopstocks „Messias" gedichtet, bringt es
uicht entfernt zu fo viel epischem Geduld, als in den einfachen Überlieferungen
der Evangelien vorhanden ist. Vergeblich bietet Fr. Ludorff die Künste der
Beschreibung und der Rhetorik auf; der ganz äußerlichen Erfindung seines
Gedichts thut der aufgebauschte und doch dürftige Wortprunk mehr Eintrag,
als daß er sie erhebt; so unerfreulich flach, uncharakteristisch und holprig wie
der römische Hauptmann am Fuß des Kreuzes ruft:
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