Die Grenzboten. Jg. 33, 1874, I. Semester. I. Band.werfen, so blieb doch der Hauptbestandthetl des Kirchenstaates, das sogenannte Aus dieser Unsicherheit der Geister und der Willensrichtungen ging in Angesichts des kaum wiederhergestellten europäischen Friedens und in¬ Grenzlwtm I. 1874. 24
werfen, so blieb doch der Hauptbestandthetl des Kirchenstaates, das sogenannte Aus dieser Unsicherheit der Geister und der Willensrichtungen ging in Angesichts des kaum wiederhergestellten europäischen Friedens und in¬ Grenzlwtm I. 1874. 24
<TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0191" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/130835"/> <p xml:id="ID_573" prev="#ID_572"> werfen, so blieb doch der Hauptbestandthetl des Kirchenstaates, das sogenannte<lb/> Patrimonium Petre. mit der Hauptstadt, in welcher Frankreich Wache hielt,<lb/> gänzlich außer dem Bereich dieser Entwürfe. Des Königreichs beider Sicilien<lb/> vollends, obgleich dessen Zustände auf dem Pariser Kongresse selbst von<lb/> Oesterreich halb und halb preisgegeben worden waren, und zum diplomatischen<lb/> Bruche zwischen der neapolitanischen Regierung mit den Westmächten geführt<lb/> hatten, wurde in den Turiner Plänen aus ähnlichen und noch triftigeren<lb/> Gründen eben so wenig mit einem Worte gedacht, wie bei den deutschen<lb/> Einigungsbestrebungen des österreichischen Kaiserstaats. Wie viel politische<lb/> Unzufriedenheit und selbst Revolutionsstoff übrigens auch in Neapel vorhanden<lb/> sein mochte, von Wünschen und Gedanken, welche die volle Selbständigkeit<lb/> des in Italien vorzugsweise sogenannten „Königreichs" bedroht hätten, zeigte<lb/> sich keine Spur, und am wenigsten schien die überlieferte Stimmung des<lb/> neapolitanischen Volkes danach angethan, dasselbe mit dem Gedanken der<lb/> Unterordnung unter die Regierung eines um die Hälfte kleineren und für<lb/> halb barbarisch geltenden nordischen Staates zu befreunden.</p><lb/> <p xml:id="ID_574"> Aus dieser Unsicherheit der Geister und der Willensrichtungen ging in<lb/> der schwierigen Zeit, welche nach Beendigung des Friedenskongresses die Po¬<lb/> litik Cavour's lahm zu legen drohete, der italienische Nationalverein hervor.<lb/> Unter dem Vortritt einer Anzahl der namhaftesten Männer des Wortes und der<lb/> That, wie Mamin, La Forma, Pallavieini und selbst Garibaldi, begann im<lb/> Sommer 1857 eine Gesellschaft von Patrioten die öffentliche Werbung für<lb/> den italienischen Einheitsstaat unter dem Königthum des Hauses Savoyen.<lb/> In den gesunden Köpfen der italienischen Bewegungspartei kam allmählig<lb/> die Erkenntniß der eignen Aufgabe und der wesentlichen Bedingungen ihrer<lb/> Erfüllung zum Durchbruch. Der Sturz der österreichischen Fremdherrschaft,<lb/> der Vielstaaterei, des Priesterregiments, die Umwandlung des geographischen<lb/> Begriffs Italien in ein lebendiges Staatswesen, die freie Bewegung offene«<lb/> lichen Lebens innerhalb verfassungsmäßiger Formen, die Erringung einer ehren¬<lb/> vollen Stellung inmitten der Nationen: das Alles setzte eine Gemeinschaft des<lb/> Willens und eine Kraftentfaltung voraus, welche sich nach Lage der Dinge<lb/> einzig und allein bei dem innigsten Anschluß an die organisirte sardinische<lb/> Staatsmacht ermöglichen ließ. Der Nationalverein schlug also ein in die<lb/> dem italienischen Volk von Turin aus längst entgegengestreckte Hand, und<lb/> Cavour seinerseits, der zur Zeit weniger als je mit Zugeständnissen markten<lb/> durfte, bewilligte gern oder ungern wenigstens stillschweigend die Erweiterung<lb/> der Annexionspolitik auch auf Rom und Neapel.</p><lb/> <p xml:id="ID_575" next="#ID_576"> Angesichts des kaum wiederhergestellten europäischen Friedens und in¬<lb/> mitten eines lebhaften und allgemeinen Nuhebedürfnisses begann nunmehr<lb/> eine neue Periode der italienischen Agitation, bei welcher sich die sardinische</p><lb/> <fw type="sig" place="bottom"> Grenzlwtm I. 1874. 24</fw><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0191]
werfen, so blieb doch der Hauptbestandthetl des Kirchenstaates, das sogenannte
Patrimonium Petre. mit der Hauptstadt, in welcher Frankreich Wache hielt,
gänzlich außer dem Bereich dieser Entwürfe. Des Königreichs beider Sicilien
vollends, obgleich dessen Zustände auf dem Pariser Kongresse selbst von
Oesterreich halb und halb preisgegeben worden waren, und zum diplomatischen
Bruche zwischen der neapolitanischen Regierung mit den Westmächten geführt
hatten, wurde in den Turiner Plänen aus ähnlichen und noch triftigeren
Gründen eben so wenig mit einem Worte gedacht, wie bei den deutschen
Einigungsbestrebungen des österreichischen Kaiserstaats. Wie viel politische
Unzufriedenheit und selbst Revolutionsstoff übrigens auch in Neapel vorhanden
sein mochte, von Wünschen und Gedanken, welche die volle Selbständigkeit
des in Italien vorzugsweise sogenannten „Königreichs" bedroht hätten, zeigte
sich keine Spur, und am wenigsten schien die überlieferte Stimmung des
neapolitanischen Volkes danach angethan, dasselbe mit dem Gedanken der
Unterordnung unter die Regierung eines um die Hälfte kleineren und für
halb barbarisch geltenden nordischen Staates zu befreunden.
Aus dieser Unsicherheit der Geister und der Willensrichtungen ging in
der schwierigen Zeit, welche nach Beendigung des Friedenskongresses die Po¬
litik Cavour's lahm zu legen drohete, der italienische Nationalverein hervor.
Unter dem Vortritt einer Anzahl der namhaftesten Männer des Wortes und der
That, wie Mamin, La Forma, Pallavieini und selbst Garibaldi, begann im
Sommer 1857 eine Gesellschaft von Patrioten die öffentliche Werbung für
den italienischen Einheitsstaat unter dem Königthum des Hauses Savoyen.
In den gesunden Köpfen der italienischen Bewegungspartei kam allmählig
die Erkenntniß der eignen Aufgabe und der wesentlichen Bedingungen ihrer
Erfüllung zum Durchbruch. Der Sturz der österreichischen Fremdherrschaft,
der Vielstaaterei, des Priesterregiments, die Umwandlung des geographischen
Begriffs Italien in ein lebendiges Staatswesen, die freie Bewegung offene«
lichen Lebens innerhalb verfassungsmäßiger Formen, die Erringung einer ehren¬
vollen Stellung inmitten der Nationen: das Alles setzte eine Gemeinschaft des
Willens und eine Kraftentfaltung voraus, welche sich nach Lage der Dinge
einzig und allein bei dem innigsten Anschluß an die organisirte sardinische
Staatsmacht ermöglichen ließ. Der Nationalverein schlug also ein in die
dem italienischen Volk von Turin aus längst entgegengestreckte Hand, und
Cavour seinerseits, der zur Zeit weniger als je mit Zugeständnissen markten
durfte, bewilligte gern oder ungern wenigstens stillschweigend die Erweiterung
der Annexionspolitik auch auf Rom und Neapel.
Angesichts des kaum wiederhergestellten europäischen Friedens und in¬
mitten eines lebhaften und allgemeinen Nuhebedürfnisses begann nunmehr
eine neue Periode der italienischen Agitation, bei welcher sich die sardinische
Grenzlwtm I. 1874. 24
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