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Die Grenzboten. Jg. 9, 1850, II. Semester. II. Band.

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das theilweise Eintreten in den Bund höchst bedenklich, ja unausführbar. Denn
es ist zwar möglich, das Verhältniß der Gesetze berathenden oder auch nur Geld
bewilligenden Volksvertretung zur Bundesbehörde zu regeln, wenn der ganze
Staat dem Bunde zugehört; aber es ist unmöglich, die Rechte und die Stellung
der Volksvertretung zu demselben Bunde gesetzlich zu regeln, sobald ein Theil der
Volksvertreter aus zum Bunde gehörigen Provinzen, ein Theil aus nicht zum
Bunde gehörigen Ländern gewählt ist. Entweder hat der Reichsrath und Reichs¬
tag nach Bundesgesetz kein Recht, gegen Beschlüsse des Bundes irgeud etwas
einzuwenden, dann wird der nicht zum Bund gehörige Theil der Volksvertretung
gegen die Beschlüsse des Bundes protestiren, denn er hat das Recht dazu; oder
die Volksvertretung hat bei Buudcöbeschlüssen irgeud mitzusprechen, und dann
würde in Oestreich über Bundessachen durch eiuen Rath beschlossen werdeu, wel¬
cher zur großen Hälfte ans Buudcsfremdeu besteht; ein Verfahren, gegen das
andere Bundesglieder sogleich protestiren müßten. Aus diesen Gründen ist es
unmöglich geworden, daß Oestreich an irgend einer Bnndesorganisation Theil
nimmt, welche nnr einem Theil seines Reiches Rechte und Pflichten auflegt. Es
muß mit dem ganzen Gebiet beitreten.

Die unmittelbare Folge davou aber ist, daß Preußen und die übrigen
deutscheu Staaten die Verpflichtung übernehmen, Oestreichs gauzen Besitz zu
garantiren, und ihm Hülfe zu leisten, so oft es die Bnndeshilfe gegen seine in¬
nern und auswärtigen Feinde anruft: in Kroatien gegen die Serben, in
Italien gegen Sardinien, Frankreich und England. Im Jahre 1815 hatten
Preußens Staatsmänner so viel Weisheit einzusehen, daß für die außer-deutschen
Besitzungen Oestreichs am wenigsten von Preußen eine dauernde Bundes-
verpflichtuug übernommen werden dürfe, nicht ans purer Feindseligkeit gegen
Oestreich, souderu weil die Lage u. s. w. Preußens eine audere Stellung zu
Englaud nöthig macht. Und selbst jetzt im Jahre 5850 muß man sich scheuen,
einem preußischen Staatsmann die verhängnisvolle Kurzsichtigkeit zuzutrauen,
daß er in eine Föderation nnter solchen Bedingungen willigen könnte. Wenn
preußische Truppen die guten Dienste Rußlands in Ungarn oder Italien
verlebten -- wenn das ein Resultat der Olmützer Conferenzen wird --so werden
die Preußen einst den Frieden von 1850 und deu Mann, der ihn zu vermitteln
wagte, verfluchen. Es ist aber nicht zu hoffen, daß durch längere Jahre ein Zu¬
sammenstoß in Italien oder blutige Kämpfe im Donaugebiet vermieden werden.

Für das Oestreich des Fürsten Schwarzenberg aber ist eine solche Föderation
seines gestimmten unsicheren Besitzes mit den deutschen Staaten, zumal mit Preu¬
ßen, allerdings die günstige Lösung eiuer Lebensfrage. Zu tief schmerzte jetzt
nachträglich die Denn'lthigung der russischen Hilfe, und zu beunruhigend wird die
patrouisireude Freundschaft des CzaarenhofeS, dessen Paladine sich keine Mühe
geben, deu Mepris zu verhehlen, mit welchem sie die loyalen östreichischen


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das theilweise Eintreten in den Bund höchst bedenklich, ja unausführbar. Denn
es ist zwar möglich, das Verhältniß der Gesetze berathenden oder auch nur Geld
bewilligenden Volksvertretung zur Bundesbehörde zu regeln, wenn der ganze
Staat dem Bunde zugehört; aber es ist unmöglich, die Rechte und die Stellung
der Volksvertretung zu demselben Bunde gesetzlich zu regeln, sobald ein Theil der
Volksvertreter aus zum Bunde gehörigen Provinzen, ein Theil aus nicht zum
Bunde gehörigen Ländern gewählt ist. Entweder hat der Reichsrath und Reichs¬
tag nach Bundesgesetz kein Recht, gegen Beschlüsse des Bundes irgeud etwas
einzuwenden, dann wird der nicht zum Bund gehörige Theil der Volksvertretung
gegen die Beschlüsse des Bundes protestiren, denn er hat das Recht dazu; oder
die Volksvertretung hat bei Buudcöbeschlüssen irgeud mitzusprechen, und dann
würde in Oestreich über Bundessachen durch eiuen Rath beschlossen werdeu, wel¬
cher zur großen Hälfte ans Buudcsfremdeu besteht; ein Verfahren, gegen das
andere Bundesglieder sogleich protestiren müßten. Aus diesen Gründen ist es
unmöglich geworden, daß Oestreich an irgend einer Bnndesorganisation Theil
nimmt, welche nnr einem Theil seines Reiches Rechte und Pflichten auflegt. Es
muß mit dem ganzen Gebiet beitreten.

Die unmittelbare Folge davou aber ist, daß Preußen und die übrigen
deutscheu Staaten die Verpflichtung übernehmen, Oestreichs gauzen Besitz zu
garantiren, und ihm Hülfe zu leisten, so oft es die Bnndeshilfe gegen seine in¬
nern und auswärtigen Feinde anruft: in Kroatien gegen die Serben, in
Italien gegen Sardinien, Frankreich und England. Im Jahre 1815 hatten
Preußens Staatsmänner so viel Weisheit einzusehen, daß für die außer-deutschen
Besitzungen Oestreichs am wenigsten von Preußen eine dauernde Bundes-
verpflichtuug übernommen werden dürfe, nicht ans purer Feindseligkeit gegen
Oestreich, souderu weil die Lage u. s. w. Preußens eine audere Stellung zu
Englaud nöthig macht. Und selbst jetzt im Jahre 5850 muß man sich scheuen,
einem preußischen Staatsmann die verhängnisvolle Kurzsichtigkeit zuzutrauen,
daß er in eine Föderation nnter solchen Bedingungen willigen könnte. Wenn
preußische Truppen die guten Dienste Rußlands in Ungarn oder Italien
verlebten — wenn das ein Resultat der Olmützer Conferenzen wird —so werden
die Preußen einst den Frieden von 1850 und deu Mann, der ihn zu vermitteln
wagte, verfluchen. Es ist aber nicht zu hoffen, daß durch längere Jahre ein Zu¬
sammenstoß in Italien oder blutige Kämpfe im Donaugebiet vermieden werden.

Für das Oestreich des Fürsten Schwarzenberg aber ist eine solche Föderation
seines gestimmten unsicheren Besitzes mit den deutschen Staaten, zumal mit Preu¬
ßen, allerdings die günstige Lösung eiuer Lebensfrage. Zu tief schmerzte jetzt
nachträglich die Denn'lthigung der russischen Hilfe, und zu beunruhigend wird die
patrouisireude Freundschaft des CzaarenhofeS, dessen Paladine sich keine Mühe
geben, deu Mepris zu verhehlen, mit welchem sie die loyalen östreichischen


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 9, 1850, II. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341568_92288/491>, abgerufen am 22.07.2024.