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Die Grenzboten. Jg. 6, 1847, II. Semester. IV. Band.

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schen Rechenexempel herabzusetzen, ist doch viel ärger, als alle logische Zurechtma¬
cherei eines Hinrichs, Nötschec und Anderer. Jetzt setzt er seinen Schülern das
System der Hegel'schen Philosophie auseinander, wofür ihm wenigstens vor eini¬
gen Jahren noch alles Verständniß abging. Vielleicht haben wir von seiner Un¬
ermüdlichkeit noch eine allgemeine Weltgeschichte zu erwarten. Er ist ein Roman¬
tiker in dieses Wortes verwegenster Bedeutung, aber ohne die geniale Frechheit sei¬
ner alten Vorbilder, und ohne die Berechtigung, welche die Zeit ihnen gab. Er
hat sich natürlich seinem Bruder in Jesu, Leo angeschlossen.

Von diesem Dilettanten in allen Wissenschaften kommen wir auf einen eigentli¬
chen Gelehrten. Bernhard y hat in seiner griechischenLiteratnrgeschichte Alles aufge¬
speichert, was die philologische Gelehrsamkeit über die Entwickelung der Sprache er¬
forscht und erdacht hat. Seine Einleitungen und Uebersichten geben ziemlich weite
Aussichten, aber sie stehen in keinem Verhältniß zu dem eigentlichen Text, den
gelehrten Anmerkungen. Man wird nicht über die Schriftsteller belehrt, sondern
nur über ihr grammatisches Verhältniß. Als eine Studie mag der eigentliche
gelehrte Philolog seinen Werth ermessen; als Handbuch -- und dazu scheint sie
bestimmt zu sein -- ist sie unbrauchbar. -- Als akademischer Lehrer übt er eiuen
segensreichen Einfluß. Seine Stellung zu den Parteien ist diplomatisch und schwan¬
kend; er ist eigentlich liberal, scheut aber die Konsequenzen und neigt sich zuweilen
zur Leo'schen Partei.

Unter den Philologen sind noch Meier, der zweite Director des philologi¬
schen Seminars, und Roß, der Archäolog, der durch seine Reisen in Griechenland
sich eine unmittelbare Anschauung seines Gegenstandes erworben hat, mit Aus¬
zeichnung zu erwähnen.

In der juristischen Facultät ist nicht gerade einer der Koryphäen der Rechts-
gelehrsamkeit zu nennen, doch gehören Goschen und Butte -- ersterer allen
Examinanden durch sein unvermeidliches Handbuch des römischen Rechts wohlbe¬
kannt -- zu deu vorzüglichern Lehrern dieses Fachs. Als eine Kuriosität ist das
Wunderkind Carl Witte zu nennen, mit dem es gegangen ist, wie mit den mei¬
sten Wunderkindern; er hat sich in radicale Unbedeutenden verloren.

Das Gemälde unserer Universität würde unvollständig sein, wenn ich sie iso-
lirte, und die religiöse und politische Bewegung, die außerhalb derselben theils
sich vorbereitet, theils schon zum Abschluß gekommen ist, nicht wenigstens andeu¬
tend berührte.

Unsere Provinz war der eigentliche Sitz der sogenannten Lichtfreunde, die sich
von den alten Nationalisten weniger durch den positiven Inhalt ihrer Ideen, als
dnrch ihre praktische Stellung unterschieden, in welche sie das vom Geist wieder-
geborne Kirchenregiment gezwungen hatte. Das System, welches geraume Zeit
hindurch in der Kirche das herrschende war, ist seit anderthalb Decennien in die
Opposition zurückgedrängt worden. Die Vertreter des Vernnnftglanbens um


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schen Rechenexempel herabzusetzen, ist doch viel ärger, als alle logische Zurechtma¬
cherei eines Hinrichs, Nötschec und Anderer. Jetzt setzt er seinen Schülern das
System der Hegel'schen Philosophie auseinander, wofür ihm wenigstens vor eini¬
gen Jahren noch alles Verständniß abging. Vielleicht haben wir von seiner Un¬
ermüdlichkeit noch eine allgemeine Weltgeschichte zu erwarten. Er ist ein Roman¬
tiker in dieses Wortes verwegenster Bedeutung, aber ohne die geniale Frechheit sei¬
ner alten Vorbilder, und ohne die Berechtigung, welche die Zeit ihnen gab. Er
hat sich natürlich seinem Bruder in Jesu, Leo angeschlossen.

Von diesem Dilettanten in allen Wissenschaften kommen wir auf einen eigentli¬
chen Gelehrten. Bernhard y hat in seiner griechischenLiteratnrgeschichte Alles aufge¬
speichert, was die philologische Gelehrsamkeit über die Entwickelung der Sprache er¬
forscht und erdacht hat. Seine Einleitungen und Uebersichten geben ziemlich weite
Aussichten, aber sie stehen in keinem Verhältniß zu dem eigentlichen Text, den
gelehrten Anmerkungen. Man wird nicht über die Schriftsteller belehrt, sondern
nur über ihr grammatisches Verhältniß. Als eine Studie mag der eigentliche
gelehrte Philolog seinen Werth ermessen; als Handbuch — und dazu scheint sie
bestimmt zu sein — ist sie unbrauchbar. — Als akademischer Lehrer übt er eiuen
segensreichen Einfluß. Seine Stellung zu den Parteien ist diplomatisch und schwan¬
kend; er ist eigentlich liberal, scheut aber die Konsequenzen und neigt sich zuweilen
zur Leo'schen Partei.

Unter den Philologen sind noch Meier, der zweite Director des philologi¬
schen Seminars, und Roß, der Archäolog, der durch seine Reisen in Griechenland
sich eine unmittelbare Anschauung seines Gegenstandes erworben hat, mit Aus¬
zeichnung zu erwähnen.

In der juristischen Facultät ist nicht gerade einer der Koryphäen der Rechts-
gelehrsamkeit zu nennen, doch gehören Goschen und Butte — ersterer allen
Examinanden durch sein unvermeidliches Handbuch des römischen Rechts wohlbe¬
kannt — zu deu vorzüglichern Lehrern dieses Fachs. Als eine Kuriosität ist das
Wunderkind Carl Witte zu nennen, mit dem es gegangen ist, wie mit den mei¬
sten Wunderkindern; er hat sich in radicale Unbedeutenden verloren.

Das Gemälde unserer Universität würde unvollständig sein, wenn ich sie iso-
lirte, und die religiöse und politische Bewegung, die außerhalb derselben theils
sich vorbereitet, theils schon zum Abschluß gekommen ist, nicht wenigstens andeu¬
tend berührte.

Unsere Provinz war der eigentliche Sitz der sogenannten Lichtfreunde, die sich
von den alten Nationalisten weniger durch den positiven Inhalt ihrer Ideen, als
dnrch ihre praktische Stellung unterschieden, in welche sie das vom Geist wieder-
geborne Kirchenregiment gezwungen hatte. Das System, welches geraume Zeit
hindurch in der Kirche das herrschende war, ist seit anderthalb Decennien in die
Opposition zurückgedrängt worden. Die Vertreter des Vernnnftglanbens um


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 6, 1847, II. Semester. IV. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341559_184763/525>, abgerufen am 22.07.2024.