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Die Grenzboten. Jg. 4, 1845, II. Semester. II. Band.

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jenigen, welche lang" genug hier gehauset und es dahin gebracht ha
den, einen Akt zu malen, es aber besser verstanden, in gleisnerischer
Wcrkfrömmigkeit gewissen Leuten den Hof zu machen -- manche,
welche, der Atmosphäre der Düsseldorfer Akademie entrückt, noch we¬
niger leisten würden, als sie jetzt leisten, wie hoch sie auch die Nasen
tragen, mit welcher Geringschätzung sie auf die Richtmeister herabsehen
mögen.

In Preußen ist das Prüfungssystem bis zur höchstmöglichsten
Potenz ausgebildet und Börne sagt irgendwo mit vollem Rechte: "In
Preußen hat man die Stockschlage abgeschafft und dafür Examina
eingeführt"; weshalb aber ist für die jungen Leute, die sich den bil¬
denden und zeichnenden Künsten widmen wollen, keine Prüfung im
strengsten Sinne des Wortes angeordnet? Weshalb läßt man sie
Jahre lang an der Akademie herumkrückcn, ehe man ihnen den Ab¬
schied giebt, wenn es nicht selten schon zu spät ist? Bei einer stren¬
gern, gewissenhafteren Controlle wäre da Viel des Bösen zu verhüten,
und manchem wirklichen, strebsamen Talente, das aber eben kein
Liebling der Dame Protection, könnte kräftiger unter die Arme ge¬
griffen werden, würden die materiellen Begünstigungen immer nach
Verdienst vertheilt, würden sie nicht zuweilen an junge Leute ver¬
schwendet, die zu Anstreichern vielleicht die nöthigen Anlagen haben,
aber zu nichts weniger als zu Künstlern. Wer ist Schuld, wenn sie
zu spat einsehen, daß sie nur da sind, um die so zahlreiche Rotte der
Kunststümper zu vermehren?

Viele wollen behaupten, daß die Dame Protection die Rheinlän¬
der und Westphalen hier im Allgemeinen etwas mehr als stiefmütter¬
lich behandle, daß die Ostprovinzler hier das fröhlichste Gedeihen fän¬
den und daß vor Jahren die Anzeige eines humoristischen Cölner Ma¬
lers! "Es sind wieder Berliner Vertreiber angekommen" unter An-
gabe der Hausnummer des Akademicgcbäudes, ihren guten Grund ge¬
habt, indem die Ostländer bevorzugt wären hinsichtlich der Plätze an der
Akademie und ähnlichen Benesizien, bis selbst auf den Ankauf und die
Bestellungen von Gemälden; manche tüchtige rheinländisch-westphälische
Künstler, hört man sagen, hätten um dieser und ähnlicher Zurücksetzun¬
gen willen Düsseldorf verlassen und sich anderwärts Hütten gebaut,
weil sie in der Atmosphäre der Machthaber der Akademie nicht ge¬
deihen konnten, denn sie mochten nicht zu Künstlern werden, um hy¬
perkatholische Werkfrömmigkeit zur Schau zu tragen, mochten Nie¬
mandem in hündischer De- und Wehmuth den Fuchsschwanz streichen.
Endlich wird noch gezischelt, daß von Professoren und den auserwähl¬
ten Nazarenern nicht nur die Gemälde, sondern auch die Farbenskizzen
und Cartons der begünstigten Jünger durch Vermittelung der Dame
Protection vom Kunstvereine für Rheinland und Westphalen zu enor¬
men Preisen angekauft werden, wahrend jüngere Talente darben und


jenigen, welche lang« genug hier gehauset und es dahin gebracht ha
den, einen Akt zu malen, es aber besser verstanden, in gleisnerischer
Wcrkfrömmigkeit gewissen Leuten den Hof zu machen — manche,
welche, der Atmosphäre der Düsseldorfer Akademie entrückt, noch we¬
niger leisten würden, als sie jetzt leisten, wie hoch sie auch die Nasen
tragen, mit welcher Geringschätzung sie auf die Richtmeister herabsehen
mögen.

In Preußen ist das Prüfungssystem bis zur höchstmöglichsten
Potenz ausgebildet und Börne sagt irgendwo mit vollem Rechte: „In
Preußen hat man die Stockschlage abgeschafft und dafür Examina
eingeführt"; weshalb aber ist für die jungen Leute, die sich den bil¬
denden und zeichnenden Künsten widmen wollen, keine Prüfung im
strengsten Sinne des Wortes angeordnet? Weshalb läßt man sie
Jahre lang an der Akademie herumkrückcn, ehe man ihnen den Ab¬
schied giebt, wenn es nicht selten schon zu spät ist? Bei einer stren¬
gern, gewissenhafteren Controlle wäre da Viel des Bösen zu verhüten,
und manchem wirklichen, strebsamen Talente, das aber eben kein
Liebling der Dame Protection, könnte kräftiger unter die Arme ge¬
griffen werden, würden die materiellen Begünstigungen immer nach
Verdienst vertheilt, würden sie nicht zuweilen an junge Leute ver¬
schwendet, die zu Anstreichern vielleicht die nöthigen Anlagen haben,
aber zu nichts weniger als zu Künstlern. Wer ist Schuld, wenn sie
zu spat einsehen, daß sie nur da sind, um die so zahlreiche Rotte der
Kunststümper zu vermehren?

Viele wollen behaupten, daß die Dame Protection die Rheinlän¬
der und Westphalen hier im Allgemeinen etwas mehr als stiefmütter¬
lich behandle, daß die Ostprovinzler hier das fröhlichste Gedeihen fän¬
den und daß vor Jahren die Anzeige eines humoristischen Cölner Ma¬
lers! „Es sind wieder Berliner Vertreiber angekommen" unter An-
gabe der Hausnummer des Akademicgcbäudes, ihren guten Grund ge¬
habt, indem die Ostländer bevorzugt wären hinsichtlich der Plätze an der
Akademie und ähnlichen Benesizien, bis selbst auf den Ankauf und die
Bestellungen von Gemälden; manche tüchtige rheinländisch-westphälische
Künstler, hört man sagen, hätten um dieser und ähnlicher Zurücksetzun¬
gen willen Düsseldorf verlassen und sich anderwärts Hütten gebaut,
weil sie in der Atmosphäre der Machthaber der Akademie nicht ge¬
deihen konnten, denn sie mochten nicht zu Künstlern werden, um hy¬
perkatholische Werkfrömmigkeit zur Schau zu tragen, mochten Nie¬
mandem in hündischer De- und Wehmuth den Fuchsschwanz streichen.
Endlich wird noch gezischelt, daß von Professoren und den auserwähl¬
ten Nazarenern nicht nur die Gemälde, sondern auch die Farbenskizzen
und Cartons der begünstigten Jünger durch Vermittelung der Dame
Protection vom Kunstvereine für Rheinland und Westphalen zu enor¬
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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 4, 1845, II. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341548_271260/566>, abgerufen am 05.02.2025.