Die Grenzboten. Jg. 4, 1845, I. Semester.der, im Falle der Kelch an Wärter vorübergeht, als Glied der Un¬ Nachdem sie schon lange Zeit gesiecht, ist sie endlich gestorben der, im Falle der Kelch an Wärter vorübergeht, als Glied der Un¬ Nachdem sie schon lange Zeit gesiecht, ist sie endlich gestorben <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0628" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/270043"/> <p xml:id="ID_1761" prev="#ID_1760"> der, im Falle der Kelch an Wärter vorübergeht, als Glied der Un¬<lb/> tersuchungskette sich anreiht. Wir sind ein Volk der prohibitiven<lb/> Maßregeln, ein Volk, dem man den Brunnen zudeckt und die Na¬<lb/> gel abschneidet — und doch sollen wir immer das Wasser getrübt,<lb/> und die Mutter beim Liebkosen gekratzt haben. —</p><lb/> <p xml:id="ID_1762" next="#ID_1763"> Nachdem sie schon lange Zeit gesiecht, ist sie endlich gestorben<lb/> nämlich die „Zeitschrift für Recht und Besitz," die zu redigiren zwei<lb/> Landjunker sich unterstanden hatten. Weil die Regierung nicht mit<lb/> redigirte, d. h. weil sie „der sogenannten Verstandesreligion, die sich<lb/> in jedem Individuo anders entwickelt," nicht entgegentrat. „Die Re¬<lb/> gierung," sagt die Krautjunker-Redaction, „ging uns im Unterdrücken<lb/> dieser Richtung nicht voran, und darum sind wir einstweilen fertig."<lb/> Wie gefallt Ihnen dieser Schwanengesang? Wenn jede Redaction<lb/> aufhören wollte sobald die Regierung nicht mit ihr ginge, dann<lb/> könnten wir unsere Politik aus China beziehen. — Unsere Buchhänd¬<lb/> ler machen mit dem Verlage von theologischen Streitschriften ganz<lb/> hübsche Geschäfte, Es ist kaum glaublich, wie gierig man nach Allem<lb/> greift, was auf diese religiöse Frage Bezug hat. In allen schlesi-<lb/> schen Städten, ja sogar auf den Dörfern haben sich Vereine gebildet,<lb/> welche alle Brochüren in-o und <'»ne>">, unter ihren Mitgliedern cir-<lb/> culiren lassen Leute, die außer der Bibel und dem Gesangbuche,<lb/> sonst keinen gedruckten Buchstaben zu Gesicht bekamen, sind im Besitze<lb/> von fußhohen Lagen dieser Ephemeren, die allerdings auch sehr wohl¬<lb/> feil sind. — Unter den Breslauer Buchhändlern hat sich in Bezug<lb/> auf Confession derselben und die Art ihrer Verlagsartikel ein merk¬<lb/> würdiger Umstand herausgestellt. Die meisten Protestanten verlegen<lb/> nur streng katholische Sachen, und die Katholiken diejenigen Erzeug¬<lb/> nisse, welche sich für die Neuerungen aussprechen. Und doch kann<lb/> man nicht grade sagen, daß dies aus Gründen der Gesinnung ge¬<lb/> schieht, wiewohl es bei Einzelnen den Anschein hat, als wenn das<lb/> Geldgewissen nach und nach die eigene Ueberzeugung aufzehre. We¬<lb/> gen Strenge der hiesigen Censur wandern die meisten Brochüren nach<lb/> Leipzig, um sich von dort Jenen'imati»- zu holen. So hat die<lb/> Schulzsche Buchhandlung eigentlich sämmtliche Schriften Ronge's in<lb/> Verlag, gleichwohl erschienen sie in Leipzig und später in Altenburg.<lb/> Man rechnet dieser Handlung nach, daß sie wenigstens 30,Wi> Thlr.<lb/> an Ronge verdient habe, obwohl sie nur mit der Hälfte am reinen<lb/> Gewinn participirt. — Nachdem die neuesten Vorgänge innerhalb des<lb/> Katholicismus in jedem Genre der Darstellung entweder angegriffen<lb/> oder vertheidigt worden sind, hat es ein junger Schlesier unternom¬<lb/> men, sie vor den idealisirenden Hohlspiegel der Poesie zu stellen.<lb/> Dies ist in einer Weise geschehen, wie wir es von einem Dichter<lb/> Schlesiens, das in der letzten Zeit ganz poesielos geworden zu sein<lb/> schien, nicht erwartet. Die „zwölf Gedichte, unserer Zeit gewidmet</p><lb/> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0628]
der, im Falle der Kelch an Wärter vorübergeht, als Glied der Un¬
tersuchungskette sich anreiht. Wir sind ein Volk der prohibitiven
Maßregeln, ein Volk, dem man den Brunnen zudeckt und die Na¬
gel abschneidet — und doch sollen wir immer das Wasser getrübt,
und die Mutter beim Liebkosen gekratzt haben. —
Nachdem sie schon lange Zeit gesiecht, ist sie endlich gestorben
nämlich die „Zeitschrift für Recht und Besitz," die zu redigiren zwei
Landjunker sich unterstanden hatten. Weil die Regierung nicht mit
redigirte, d. h. weil sie „der sogenannten Verstandesreligion, die sich
in jedem Individuo anders entwickelt," nicht entgegentrat. „Die Re¬
gierung," sagt die Krautjunker-Redaction, „ging uns im Unterdrücken
dieser Richtung nicht voran, und darum sind wir einstweilen fertig."
Wie gefallt Ihnen dieser Schwanengesang? Wenn jede Redaction
aufhören wollte sobald die Regierung nicht mit ihr ginge, dann
könnten wir unsere Politik aus China beziehen. — Unsere Buchhänd¬
ler machen mit dem Verlage von theologischen Streitschriften ganz
hübsche Geschäfte, Es ist kaum glaublich, wie gierig man nach Allem
greift, was auf diese religiöse Frage Bezug hat. In allen schlesi-
schen Städten, ja sogar auf den Dörfern haben sich Vereine gebildet,
welche alle Brochüren in-o und <'»ne>">, unter ihren Mitgliedern cir-
culiren lassen Leute, die außer der Bibel und dem Gesangbuche,
sonst keinen gedruckten Buchstaben zu Gesicht bekamen, sind im Besitze
von fußhohen Lagen dieser Ephemeren, die allerdings auch sehr wohl¬
feil sind. — Unter den Breslauer Buchhändlern hat sich in Bezug
auf Confession derselben und die Art ihrer Verlagsartikel ein merk¬
würdiger Umstand herausgestellt. Die meisten Protestanten verlegen
nur streng katholische Sachen, und die Katholiken diejenigen Erzeug¬
nisse, welche sich für die Neuerungen aussprechen. Und doch kann
man nicht grade sagen, daß dies aus Gründen der Gesinnung ge¬
schieht, wiewohl es bei Einzelnen den Anschein hat, als wenn das
Geldgewissen nach und nach die eigene Ueberzeugung aufzehre. We¬
gen Strenge der hiesigen Censur wandern die meisten Brochüren nach
Leipzig, um sich von dort Jenen'imati»- zu holen. So hat die
Schulzsche Buchhandlung eigentlich sämmtliche Schriften Ronge's in
Verlag, gleichwohl erschienen sie in Leipzig und später in Altenburg.
Man rechnet dieser Handlung nach, daß sie wenigstens 30,Wi> Thlr.
an Ronge verdient habe, obwohl sie nur mit der Hälfte am reinen
Gewinn participirt. — Nachdem die neuesten Vorgänge innerhalb des
Katholicismus in jedem Genre der Darstellung entweder angegriffen
oder vertheidigt worden sind, hat es ein junger Schlesier unternom¬
men, sie vor den idealisirenden Hohlspiegel der Poesie zu stellen.
Dies ist in einer Weise geschehen, wie wir es von einem Dichter
Schlesiens, das in der letzten Zeit ganz poesielos geworden zu sein
schien, nicht erwartet. Die „zwölf Gedichte, unserer Zeit gewidmet
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