rüber ich denn sehr ärgerlich wurde, und mich meistens höchst unartig dagegen äußerte. Denn diese Frage zu beantworten, hätte ich mein Werkchen, an dem ich so lange gesonnen, um so manchen Elementen eine poetische Einheit zu geben, wieder zerrupfen und die Form zer¬ stören müssen, wodurch ja die wahrhaften Be¬ standtheile selbst wo nicht vernichtet, wenig¬ stens zerstreut und verzettelt worden wären. Näher betrachtet konnte ich jedoch dem Pu¬ blicum die Forderung nicht verüblen. Jeru¬ salems Schicksal hatte großes Aufsehen ge¬ macht. Ein gebildeter, liebenswerther, unbe¬ scholtener junger Mann, der Sohn eines der ersten Gottesgelahrten und Schriftstellers, ge¬ sund und wohlhabend, ging auf einmal, ohne bekannte Veranlassung, aus der Welt. Jeder¬ man fragte nun, wie das möglich gewesen? und als man von einer unglücklichen Liebe vernahm, war die ganze Jugend, als man von kleinen Verdrießlichkeiten, die ihm in vor¬ nehmerer Gesellschaft begegnet, sprach, der
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ruͤber ich denn ſehr aͤrgerlich wurde, und mich meiſtens hoͤchſt unartig dagegen aͤußerte. Denn dieſe Frage zu beantworten, haͤtte ich mein Werkchen, an dem ich ſo lange geſonnen, um ſo manchen Elementen eine poetiſche Einheit zu geben, wieder zerrupfen und die Form zer¬ ſtoͤren muͤſſen, wodurch ja die wahrhaften Be¬ ſtandtheile ſelbſt wo nicht vernichtet, wenig¬ ſtens zerſtreut und verzettelt worden waͤren. Naͤher betrachtet konnte ich jedoch dem Pu¬ blicum die Forderung nicht veruͤblen. Jeru¬ ſalems Schickſal hatte großes Aufſehen ge¬ macht. Ein gebildeter, liebenswerther, unbe¬ ſcholtener junger Mann, der Sohn eines der erſten Gottesgelahrten und Schriftſtellers, ge¬ ſund und wohlhabend, ging auf einmal, ohne bekannte Veranlaſſung, aus der Welt. Jeder¬ man fragte nun, wie das moͤglich geweſen? und als man von einer ungluͤcklichen Liebe vernahm, war die ganze Jugend, als man von kleinen Verdrießlichkeiten, die ihm in vor¬ nehmerer Geſellſchaft begegnet, ſprach, der
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ruͤber ich denn ſehr aͤrgerlich wurde, und mich
meiſtens hoͤchſt unartig dagegen aͤußerte. Denn
dieſe Frage zu beantworten, haͤtte ich mein
Werkchen, an dem ich ſo lange geſonnen, um
ſo manchen Elementen eine poetiſche Einheit
zu geben, wieder zerrupfen und die Form zer¬
ſtoͤren muͤſſen, wodurch ja die wahrhaften Be¬
ſtandtheile ſelbſt wo nicht vernichtet, wenig¬
ſtens zerſtreut und verzettelt worden waͤren.
Naͤher betrachtet konnte ich jedoch dem Pu¬
blicum die Forderung nicht veruͤblen. Jeru¬
ſalems Schickſal hatte großes Aufſehen ge¬
macht. Ein gebildeter, liebenswerther, unbe¬
ſcholtener junger Mann, der Sohn eines der
erſten Gottesgelahrten und Schriftſtellers, ge¬
ſund und wohlhabend, ging auf einmal, ohne
bekannte Veranlaſſung, aus der Welt. Jeder¬
man fragte nun, wie das moͤglich geweſen?
und als man von einer ungluͤcklichen Liebe
vernahm, war die ganze Jugend, als man
von kleinen Verdrießlichkeiten, die ihm in vor¬
nehmerer Geſellſchaft begegnet, ſprach, der
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Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Bd. 3. Tübingen, 1814, S. 355. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_leben03_1814/363>, abgerufen am 24.11.2024.
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