anwenden, nie sich gegen Ehefrauen
vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die
Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten
Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man
nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte
noch grössere Sittenstrenge.
Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti,
über welche Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff.
handeln, und die auch wir kurz besprechen müssen, wenn wir an
diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen,
welche in dieser ursprünglich religiösen Gesellschaft
herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie
Götter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste,
Schauspiele, Tänze vor der Menge aufzuführen. Wir finden
diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern
(Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel
(Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos
der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten,
selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von
höherer Weihe waren (Freycinet 2, 368) -- so werden wir
auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz
Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen müssen.
Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in
solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen
Bevölkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine
bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach
den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis
1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht
allein, so doch zum grössten Theil schuld waren, kann man
gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens
die zuverlässigsten Augenzeugen in den düstersten Farben,
wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr
begreiflich, dass solche entnervte Wüstlinge sehr viel und
leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass
Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen mussten und dass
sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und
gefährlich erweisen musste.
anwenden, nie sich gegen Ehefrauen
vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die
Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten
Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man
nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte
noch grössere Sittenstrenge.
Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti,
über welche Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff.
handeln, und die auch wir kurz besprechen müssen, wenn wir an
diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen,
welche in dieser ursprünglich religiösen Gesellschaft
herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie
Götter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste,
Schauspiele, Tänze vor der Menge aufzuführen. Wir finden
diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern
(Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel
(Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos
der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten,
selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von
höherer Weihe waren (Freycinet 2, 368) — so werden wir
auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz
Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen müssen.
Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in
solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen
Bevölkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine
bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach
den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis
1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht
allein, so doch zum grössten Theil schuld waren, kann man
gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens
die zuverlässigsten Augenzeugen in den düstersten Farben,
wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr
begreiflich, dass solche entnervte Wüstlinge sehr viel und
leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass
Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen mussten und dass
sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und
gefährlich erweisen musste.
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anwenden, nie sich gegen Ehefrauen
vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die
Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten
Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man
nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte
noch grössere Sittenstrenge.</p><p>Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti,
über welche Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff.
handeln, und die auch wir kurz besprechen müssen, wenn wir an
diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen,
welche in dieser ursprünglich religiösen Gesellschaft
herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie
Götter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste,
Schauspiele, Tänze vor der Menge aufzuführen. Wir finden
diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern
(Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel
(Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos
der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten,
selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von
höherer Weihe waren (Freycinet 2, 368) — so werden wir
auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz
Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen müssen.</p><p>Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in
solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen
Bevölkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine
bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach
den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis
1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht
allein, so doch zum grössten Theil schuld waren, kann man
gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens
die zuverlässigsten Augenzeugen in den düstersten Farben,
wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr
begreiflich, dass solche entnervte Wüstlinge sehr viel und
leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass
Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen mussten und dass
sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und
gefährlich erweisen musste.</p></div></body></text></TEI>
[0059]
anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere Sittenstrenge.
Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe waren (Freycinet 2, 368) — so werden wir auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen müssen.
Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und gefährlich erweisen musste.
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Gerland, Georg: Über das Aussterben der Naturvölker. Leipzig, 1868, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gerland_naturvoelker_1868/59>, abgerufen am 27.02.2025.
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