dessen Daseyn eben so hypothetisch ist, und dessen Gegenwart in der reinen Luft eben so wenig erwiesen werden kan? Vey den Rückbleibseln der meisten Verbrennungen, und bey vielen Metallkalken zeigt sich keine Spur eines solchen sauern Princips. Ueberdies muß bey dieser Theorie noch ein eigner Kohlenstof angenommen werden, ein unbekanntes Etwas, worunter im Grunde doch nichts anders, als das Phlogiston selbst verstanden werden kan. Die Sätze, daß die phlogistischen Processe mit Zersetzung der dephlogistisirten Luft verbunden sind, daß dabey Wärmestof frey wird, und daß der Grundtheil der Luft sich mit dem phlogistisirenden Körper verbindet, sind durch die schönen Versuche des Herrn Lavoisier allerdings sehr wahrscheinlich geworden; aber sie nöthigen noch nicht, das Phlogiston ganz zu verwerfen. Sie zeigen, daß der brennbare Körper etwas annimmt; aber sie widerlegen nicht, daß er dagegen auch etwas verliere, weil noch immer die Möglichkeit einer Verwechselung der Stoffe übrig bleibt.
Eine solche Verwechselung nimmt Crawfords Theorie an, s. Feuer (Th. II. S. 218.), nach welcher das Phlogiston als ein dem Feuer oder dem Wärmestof entgegengesetztes Wesen betrachtet wird, dessen Gegenwart in den Körpern die Fähigkeit, Feuer zu binden, vermindert, so wie durch dessen Entziehung eben diese Fähigkeit vergrössert wird. Hiebey wird zugleich in der reinen Luft eine große Menge von gebundenem Wärmestof und eine starke Anziehung gegen das Phlogiston angenommen. Wird nun durch irgend ein Mittel das Phlogiston der brennbaren Körper frey gemacht, und kömmt in Berührung mit der Luft, so zieht es der reinere Theil derselben an, und verbindet sich mit ihm zu einer Materie, von der sich oft ein großer Theil mit dem Rückstande des Körpers vereiniget und dessen Gewicht vermehrt. Die Luft läßt dagegen eine große Menge ihres gebundnen Wärmestoss frey, der zum Theil in den Körper geht, und die Hitze unterhält, zum Theil aber zur Bildung der Flamme mit allen Merkmalen des Feuers verwendet wird. Nach dieser Theorie ist also das Phlogiston ein eigenthümlicher elementarischer
deſſen Daſeyn eben ſo hypothetiſch iſt, und deſſen Gegenwart in der reinen Luft eben ſo wenig erwieſen werden kan? Vey den Ruͤckbleibſeln der meiſten Verbrennungen, und bey vielen Metallkalken zeigt ſich keine Spur eines ſolchen ſauern Princips. Ueberdies muß bey dieſer Theorie noch ein eigner Kohlenſtof angenommen werden, ein unbekanntes Etwas, worunter im Grunde doch nichts anders, als das Phlogiſton ſelbſt verſtanden werden kan. Die Saͤtze, daß die phlogiſtiſchen Proceſſe mit Zerſetzung der dephlogiſtiſirten Luft verbunden ſind, daß dabey Waͤrmeſtof frey wird, und daß der Grundtheil der Luft ſich mit dem phlogiſtiſirenden Koͤrper verbindet, ſind durch die ſchoͤnen Verſuche des Herrn Lavoiſier allerdings ſehr wahrſcheinlich geworden; aber ſie noͤthigen noch nicht, das Phlogiſton ganz zu verwerfen. Sie zeigen, daß der brennbare Koͤrper etwas annimmt; aber ſie widerlegen nicht, daß er dagegen auch etwas verliere, weil noch immer die Moͤglichkeit einer Verwechſelung der Stoffe uͤbrig bleibt.
Eine ſolche Verwechſelung nimmt Crawfords Theorie an, ſ. Feuer (Th. II. S. 218.), nach welcher das Phlogiſton als ein dem Feuer oder dem Waͤrmeſtof entgegengeſetztes Weſen betrachtet wird, deſſen Gegenwart in den Koͤrpern die Faͤhigkeit, Feuer zu binden, vermindert, ſo wie durch deſſen Entziehung eben dieſe Faͤhigkeit vergroͤſſert wird. Hiebey wird zugleich in der reinen Luft eine große Menge von gebundenem Waͤrmeſtof und eine ſtarke Anziehung gegen das Phlogiſton angenommen. Wird nun durch irgend ein Mittel das Phlogiſton der brennbaren Koͤrper frey gemacht, und koͤmmt in Beruͤhrung mit der Luft, ſo zieht es der reinere Theil derſelben an, und verbindet ſich mit ihm zu einer Materie, von der ſich oft ein großer Theil mit dem Ruͤckſtande des Koͤrpers vereiniget und deſſen Gewicht vermehrt. Die Luft laͤßt dagegen eine große Menge ihres gebundnen Waͤrmeſtoſs frey, der zum Theil in den Koͤrper geht, und die Hitze unterhaͤlt, zum Theil aber zur Bildung der Flamme mit allen Merkmalen des Feuers verwendet wird. Nach dieſer Theorie iſt alſo das Phlogiſton ein eigenthuͤmlicher elementariſcher
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deſſen Daſeyn eben ſo hypothetiſch iſt, und deſſen Gegenwart in der reinen Luft eben ſo wenig erwieſen werden kan? Vey den Ruͤckbleibſeln der meiſten Verbrennungen, und bey vielen Metallkalken zeigt ſich keine Spur eines ſolchen ſauern Princips. Ueberdies muß bey dieſer Theorie noch ein eigner Kohlenſtof angenommen werden, ein unbekanntes Etwas, worunter im Grunde doch nichts anders, als das Phlogiſton ſelbſt verſtanden werden kan. Die Saͤtze, daß die phlogiſtiſchen Proceſſe mit Zerſetzung der dephlogiſtiſirten Luft verbunden ſind, daß dabey Waͤrmeſtof frey wird, und daß der Grundtheil der Luft ſich mit dem phlogiſtiſirenden Koͤrper verbindet, ſind durch die ſchoͤnen Verſuche des Herrn Lavoiſier allerdings ſehr wahrſcheinlich geworden; aber ſie noͤthigen noch nicht, das Phlogiſton ganz zu verwerfen. Sie zeigen, daß der brennbare Koͤrper etwas annimmt; aber ſie widerlegen nicht, daß er dagegen auch etwas verliere, weil noch immer die Moͤglichkeit einer Verwechſelung der Stoffe uͤbrig bleibt.
Eine ſolche Verwechſelung nimmt Crawfords Theorie an, ſ. Feuer (Th. II. S. 218.), nach welcher das Phlogiſton als ein dem Feuer oder dem Waͤrmeſtof entgegengeſetztes Weſen betrachtet wird, deſſen Gegenwart in den Koͤrpern die Faͤhigkeit, Feuer zu binden, vermindert, ſo wie durch deſſen Entziehung eben dieſe Faͤhigkeit vergroͤſſert wird. Hiebey wird zugleich in der reinen Luft eine große Menge von gebundenem Waͤrmeſtof und eine ſtarke Anziehung gegen das Phlogiſton angenommen. Wird nun durch irgend ein Mittel das Phlogiſton der brennbaren Koͤrper frey gemacht, und koͤmmt in Beruͤhrung mit der Luft, ſo zieht es der reinere Theil derſelben an, und verbindet ſich mit ihm zu einer Materie, von der ſich oft ein großer Theil mit dem Ruͤckſtande des Koͤrpers vereiniget und deſſen Gewicht vermehrt. Die Luft laͤßt dagegen eine große Menge ihres gebundnen Waͤrmeſtoſs frey, der zum Theil in den Koͤrper geht, und die Hitze unterhaͤlt, zum Theil aber zur Bildung der Flamme mit allen Merkmalen des Feuers verwendet wird. Nach dieſer Theorie iſt alſo das Phlogiſton ein eigenthuͤmlicher elementariſcher
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Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 3. Leipzig, 1798, S. 470. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch03_1798/476>, abgerufen am 23.11.2024.
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