Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 2. Leipzig, 1798.
In dieser von Descartes und dem P. Mersenne eingeführten Redensart herrscht einige Undeutlichkeit der Begriffe, indem unstreitig dasjenige bewegende Kraft genannt wird, was eigentlich nur Bewegung ist und heißen sollte. Dennoch würde man sie vielleicht, wie viele andere uneigentliche Ausdrücke, ruhig beybehalten haben, wenn nicht Herr von Leibnitz (G. G. L. Brevis demonstratio erroris memorabilis Cartesii et aliorum etc. in Act. Ernd. Lips. a. 1686. mens. Mart. p. 161 sqq.) auf eine andere Art, bewegende Kräfte zu messen, gefallen wäre. Er behauptete nemlich, die Kräfte der Massen M, m, die mit den Geschwindigkeiten C, c fortgiengen, verhielten sich, wie MC: mc, und das Maaß der Kräfte sey also vielmehr das Produkt der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit. Sein Beweis ist folgender. Eine Masse A von 1 Pfund falle durch eine Höhe von 4 Ellen, so erhält sie dadurch eine Kraft, vermöge welcher sie wieder eben so hoch steigen könnte. Eine andere Masse B von 4 Pfund falle durch eine Höhe von 1 Elle; sie erhält dadurch eine Kraft, wieder 1 Elle hoch zu steigen. Diese beyden erhaltenen Kräfte sind gleich, weil 1 Pfund durch 4 Ellen zu heben, eben so viel Kraft erfordert wird, als 4 Pfund durch 1 Elle zu heben. Nach der cartesianischen Art, die Kräfte zu messen, sollten also hier die Producte der Massen in die Geschwindigkeiten gleich seyn. Aber nach den Gesetzen des Falles schwerer Körper ist die Geschwindigkeit der Masse A, die durch 4 Ellen fiel, doppelt so groß, als die der Masse
In dieſer von Descartes und dem P. Merſenne eingefuͤhrten Redensart herrſcht einige Undeutlichkeit der Begriffe, indem unſtreitig dasjenige bewegende Kraft genannt wird, was eigentlich nur Bewegung iſt und heißen ſollte. Dennoch wuͤrde man ſie vielleicht, wie viele andere uneigentliche Ausdruͤcke, ruhig beybehalten haben, wenn nicht Herr von Leibnitz (G. G. L. Brevis demonſtratio erroris memorabilis Carteſii et aliorum etc. in Act. Ernd. Lipſ. a. 1686. menſ. Mart. p. 161 ſqq.) auf eine andere Art, bewegende Kraͤfte zu meſſen, gefallen waͤre. Er behauptete nemlich, die Kraͤfte der Maſſen M, m, die mit den Geſchwindigkeiten C, c fortgiengen, verhielten ſich, wie MC: mc, und das Maaß der Kraͤfte ſey alſo vielmehr das Produkt der Maſſe in das Quadrat der Geſchwindigkeit. Sein Beweis iſt folgender. Eine Maſſe A von 1 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 4 Ellen, ſo erhaͤlt ſie dadurch eine Kraft, vermoͤge welcher ſie wieder eben ſo hoch ſteigen koͤnnte. Eine andere Maſſe B von 4 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 1 Elle; ſie erhaͤlt dadurch eine Kraft, wieder 1 Elle hoch zu ſteigen. Dieſe beyden erhaltenen Kraͤfte ſind gleich, weil 1 Pfund durch 4 Ellen zu heben, eben ſo viel Kraft erfordert wird, als 4 Pfund durch 1 Elle zu heben. Nach der carteſianiſchen Art, die Kraͤfte zu meſſen, ſollten alſo hier die Producte der Maſſen in die Geſchwindigkeiten gleich ſeyn. Aber nach den Geſetzen des Falles ſchwerer Koͤrper iſt die Geſchwindigkeit der Maſſe A, die durch 4 Ellen fiel, doppelt ſo groß, als die der Maſſe <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="2"> <p><hi rendition="#b"><pb facs="#f0809" xml:id="P.2.803" n="803"/><lb/> wegende Kraft</hi> fuͤr dasjenige Beſtreben genommen, mit welchem ein ruhender Koͤrper das Hinderniß, auf das er druͤckt, oder ein bewegter Koͤrper den andern, dem er begegnet, in Bewegung zu ſetzen ſucht. Man hat dafuͤr gehalten, dieſes Beſtreben ſey der Groͤße der Bewegung proportional, und werde daher eben ſo, wie dieſe, durch <hi rendition="#aq">MC</hi> d. i. durch das Produkt der Maſſe <hi rendition="#aq">M</hi> in die Geſchwindigkeit <hi rendition="#aq">C</hi> ausgedruͤckt, mit welcher der Koͤrper entweder wirklich fortgeht, oder doch fortgehen wuͤrde, wenn er ſich bewegen koͤnnte. Man hat daher dieſes Produkt das <hi rendition="#b">Maaß der bewegenden Kraͤfte</hi> genannt.</p> <p>In dieſer von <hi rendition="#b">Descartes</hi> und dem <hi rendition="#b">P. Merſenne</hi> eingefuͤhrten Redensart herrſcht einige Undeutlichkeit der Begriffe, indem unſtreitig dasjenige <hi rendition="#b">bewegende Kraft</hi> genannt wird, was eigentlich nur <hi rendition="#b">Bewegung</hi> iſt und heißen ſollte. Dennoch wuͤrde man ſie vielleicht, wie viele andere uneigentliche Ausdruͤcke, ruhig beybehalten haben, wenn nicht Herr <hi rendition="#b">von Leibnitz</hi> <hi rendition="#aq">(<hi rendition="#i">G. G. L.</hi> Brevis demonſtratio erroris memorabilis Carteſii et aliorum etc. in Act. Ernd. Lipſ. a. 1686. menſ. Mart. p. 161 ſqq.)</hi> auf eine andere Art, bewegende Kraͤfte zu meſſen, gefallen waͤre. Er behauptete nemlich, die Kraͤfte der Maſſen <hi rendition="#aq">M, m,</hi> die mit den Geſchwindigkeiten <hi rendition="#aq">C, c</hi> fortgiengen, verhielten ſich, wie <hi rendition="#aq">MC: mc,</hi> und das Maaß der Kraͤfte ſey alſo vielmehr das Produkt der Maſſe in das Quadrat der Geſchwindigkeit. Sein Beweis iſt folgender. Eine Maſſe <hi rendition="#aq">A</hi> von 1 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 4 Ellen, ſo erhaͤlt ſie dadurch eine Kraft, vermoͤge welcher ſie wieder eben ſo hoch ſteigen koͤnnte. Eine andere Maſſe <hi rendition="#aq">B</hi> von 4 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 1 Elle; ſie erhaͤlt dadurch eine Kraft, wieder 1 Elle hoch zu ſteigen. Dieſe beyden erhaltenen Kraͤfte ſind gleich, weil 1 Pfund durch 4 Ellen zu heben, eben ſo viel Kraft erfordert wird, als 4 Pfund durch 1 Elle zu heben. Nach der carteſianiſchen Art, die Kraͤfte zu meſſen, ſollten alſo hier die Producte der Maſſen in die Geſchwindigkeiten gleich ſeyn. Aber nach den Geſetzen des Falles ſchwerer Koͤrper iſt die Geſchwindigkeit der Maſſe <hi rendition="#aq">A,</hi> die durch 4 Ellen fiel, doppelt ſo groß, als die der Maſſe<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [803/0809]
wegende Kraft fuͤr dasjenige Beſtreben genommen, mit welchem ein ruhender Koͤrper das Hinderniß, auf das er druͤckt, oder ein bewegter Koͤrper den andern, dem er begegnet, in Bewegung zu ſetzen ſucht. Man hat dafuͤr gehalten, dieſes Beſtreben ſey der Groͤße der Bewegung proportional, und werde daher eben ſo, wie dieſe, durch MC d. i. durch das Produkt der Maſſe M in die Geſchwindigkeit C ausgedruͤckt, mit welcher der Koͤrper entweder wirklich fortgeht, oder doch fortgehen wuͤrde, wenn er ſich bewegen koͤnnte. Man hat daher dieſes Produkt das Maaß der bewegenden Kraͤfte genannt.
In dieſer von Descartes und dem P. Merſenne eingefuͤhrten Redensart herrſcht einige Undeutlichkeit der Begriffe, indem unſtreitig dasjenige bewegende Kraft genannt wird, was eigentlich nur Bewegung iſt und heißen ſollte. Dennoch wuͤrde man ſie vielleicht, wie viele andere uneigentliche Ausdruͤcke, ruhig beybehalten haben, wenn nicht Herr von Leibnitz (G. G. L. Brevis demonſtratio erroris memorabilis Carteſii et aliorum etc. in Act. Ernd. Lipſ. a. 1686. menſ. Mart. p. 161 ſqq.) auf eine andere Art, bewegende Kraͤfte zu meſſen, gefallen waͤre. Er behauptete nemlich, die Kraͤfte der Maſſen M, m, die mit den Geſchwindigkeiten C, c fortgiengen, verhielten ſich, wie MC: mc, und das Maaß der Kraͤfte ſey alſo vielmehr das Produkt der Maſſe in das Quadrat der Geſchwindigkeit. Sein Beweis iſt folgender. Eine Maſſe A von 1 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 4 Ellen, ſo erhaͤlt ſie dadurch eine Kraft, vermoͤge welcher ſie wieder eben ſo hoch ſteigen koͤnnte. Eine andere Maſſe B von 4 Pfund falle durch eine Hoͤhe von 1 Elle; ſie erhaͤlt dadurch eine Kraft, wieder 1 Elle hoch zu ſteigen. Dieſe beyden erhaltenen Kraͤfte ſind gleich, weil 1 Pfund durch 4 Ellen zu heben, eben ſo viel Kraft erfordert wird, als 4 Pfund durch 1 Elle zu heben. Nach der carteſianiſchen Art, die Kraͤfte zu meſſen, ſollten alſo hier die Producte der Maſſen in die Geſchwindigkeiten gleich ſeyn. Aber nach den Geſetzen des Falles ſchwerer Koͤrper iſt die Geſchwindigkeit der Maſſe A, die durch 4 Ellen fiel, doppelt ſo groß, als die der Maſſe
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