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Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. 1. Aufl. Berlin, 1898.

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Tunnelianer, hatte kein rechtes Kompositionstalent; er hatte den dichterischen Ehrgeiz und auch die Kraft, ganz vorzügliche Strophen im einzelnen zu bilden, aber der Aufbau des Ganzen ließ in den meisten Fällen allerlei zu wünschen übrig. Am auffälligsten zeigte sich dies in seiner großen Ballade "Die Dänenbrüder", worin die bekannte Geschichte von König Erich und Herzog Abel - welcher letzterer den auf der Schlei fliehenden König durch Gudmunsen verfolgen und bei Missunde ermorden läßt - behandelt wird. Es finden sich in dieser Ballade Strophen von erstem Range.

"Mein Fährmann, sei nicht träge,
Dein König lohnt es Dir,
Ich höre Ruderschläge
In der Ferne hinter mir ..."
Doch wie sie die Gewässer
Auch schlugen gut und viel,
Gudmunsen ruderte besser
Und schneller war sein Kiel.

Das ist in Bezug auf Balladenton nicht leicht zu übertreffen, aber das Ganze geht trotzdem aus wie das Hornburger Schießen. Es verläuft nicht nur mehr oder weniger prosaisch, sondern bricht auch ohne rechten Schluß ab. Sehr schade. Bei der Energie des Ausdrucks, die Lepel seinen Strophen

Tunnelianer, hatte kein rechtes Kompositionstalent; er hatte den dichterischen Ehrgeiz und auch die Kraft, ganz vorzügliche Strophen im einzelnen zu bilden, aber der Aufbau des Ganzen ließ in den meisten Fällen allerlei zu wünschen übrig. Am auffälligsten zeigte sich dies in seiner großen Ballade „Die Dänenbrüder“, worin die bekannte Geschichte von König Erich und Herzog Abel – welcher letzterer den auf der Schlei fliehenden König durch Gudmunsen verfolgen und bei Missunde ermorden läßt – behandelt wird. Es finden sich in dieser Ballade Strophen von erstem Range.

„Mein Fährmann, sei nicht träge,
Dein König lohnt es Dir,
Ich höre Ruderschläge
In der Ferne hinter mir …“
Doch wie sie die Gewässer
Auch schlugen gut und viel,
Gudmunsen ruderte besser
Und schneller war sein Kiel.

Das ist in Bezug auf Balladenton nicht leicht zu übertreffen, aber das Ganze geht trotzdem aus wie das Hornburger Schießen. Es verläuft nicht nur mehr oder weniger prosaisch, sondern bricht auch ohne rechten Schluß ab. Sehr schade. Bei der Energie des Ausdrucks, die Lepel seinen Strophen

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[486/0495] Tunnelianer, hatte kein rechtes Kompositionstalent; er hatte den dichterischen Ehrgeiz und auch die Kraft, ganz vorzügliche Strophen im einzelnen zu bilden, aber der Aufbau des Ganzen ließ in den meisten Fällen allerlei zu wünschen übrig. Am auffälligsten zeigte sich dies in seiner großen Ballade „Die Dänenbrüder“, worin die bekannte Geschichte von König Erich und Herzog Abel – welcher letzterer den auf der Schlei fliehenden König durch Gudmunsen verfolgen und bei Missunde ermorden läßt – behandelt wird. Es finden sich in dieser Ballade Strophen von erstem Range. „Mein Fährmann, sei nicht träge, Dein König lohnt es Dir, Ich höre Ruderschläge In der Ferne hinter mir …“ Doch wie sie die Gewässer Auch schlugen gut und viel, Gudmunsen ruderte besser Und schneller war sein Kiel. Das ist in Bezug auf Balladenton nicht leicht zu übertreffen, aber das Ganze geht trotzdem aus wie das Hornburger Schießen. Es verläuft nicht nur mehr oder weniger prosaisch, sondern bricht auch ohne rechten Schluß ab. Sehr schade. Bei der Energie des Ausdrucks, die Lepel seinen Strophen

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Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Georg-August-Universität Göttingen, Theodor Fontane: Große Brandenburger Ausgabe (GBA): Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin). (2018-07-25T10:02:20Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Rahel Gajaneh Hartz: Bearbeitung der digitalen Edition. (2018-07-25T10:02:20Z)

Weitere Informationen:

Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches. Hrsg. von der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Bandbearbeiter: Wolfgang Rasch. Berlin 2014 [= Große Brandenburger Ausgabe, Das autobiographische Werk, Bd. 3]: Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin).

Verfahren der Texterfassung: manuell (einfach erfasst).

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. 1. Aufl. Berlin, 1898, S. 486. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_zwanzig_1898/495>, abgerufen am 23.07.2024.