Was könnten wir vor Lust im Schmecken, Wenn man daran nur dächt', entdecken! Es sind die Kräfte nicht zu zählen, die in den eßbarn Körpern stecken; Doch wären sie für uns nicht da, wofern nicht eine Wunderkraft Jn unsrer Zungen Bau gesenket, und die empfindend' Eigenschaft, So manchen Saft zu unterscheiden. Bewundert doch, wie unsre Seelen Mit so viel Wesen dieser Welt, durch dieses Werk- zeug, sich vermählen. Auf! laßt uns denn mit Freuden trinken, auf! laßt uns mit Vergnügen essen, Dieß ist des Schöpfers Will' und Absicht. Wenn wir dabey nun auch ermessen, Daß uns, ein liebreich weises Wesen, mit einer sol- chen Wundergabe, Der Erden Schätze zu genießen, aus lauter Huld be- schenket habe, Sein Freundlich-seyn im Schmecken schmecken; so ha- ben wir mit unsern Zungen, Auch wenn wir essen, ihm gedient, und Gott, in unsrer Lust, besungen.
5. Des
Vermiſchte Gedichte
4. Des Geſchmacks.
Was koͤnnten wir vor Luſt im Schmecken, Wenn man daran nur daͤcht’, entdecken! Es ſind die Kraͤfte nicht zu zaͤhlen, die in den eßbarn Koͤrpern ſtecken; Doch waͤren ſie fuͤr uns nicht da, wofern nicht eine Wunderkraft Jn unſrer Zungen Bau geſenket, und die empfindend’ Eigenſchaft, So manchen Saft zu unterſcheiden. Bewundert doch, wie unſre Seelen Mit ſo viel Weſen dieſer Welt, durch dieſes Werk- zeug, ſich vermaͤhlen. Auf! laßt uns denn mit Freuden trinken, auf! laßt uns mit Vergnuͤgen eſſen, Dieß iſt des Schoͤpfers Will’ und Abſicht. Wenn wir dabey nun auch ermeſſen, Daß uns, ein liebreich weiſes Weſen, mit einer ſol- chen Wundergabe, Der Erden Schaͤtze zu genießen, aus lauter Huld be- ſchenket habe, Sein Freundlich-ſeyn im Schmecken ſchmecken; ſo ha- ben wir mit unſern Zungen, Auch wenn wir eſſen, ihm gedient, und Gott, in unſrer Luſt, beſungen.
5. Des
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Vermiſchte Gedichte
4. Des Geſchmacks.
Was koͤnnten wir vor Luſt im Schmecken,
Wenn man daran nur daͤcht’, entdecken!
Es ſind die Kraͤfte nicht zu zaͤhlen, die in den eßbarn
Koͤrpern ſtecken;
Doch waͤren ſie fuͤr uns nicht da, wofern nicht eine
Wunderkraft
Jn unſrer Zungen Bau geſenket, und die empfindend’
Eigenſchaft,
So manchen Saft zu unterſcheiden. Bewundert doch,
wie unſre Seelen
Mit ſo viel Weſen dieſer Welt, durch dieſes Werk-
zeug, ſich vermaͤhlen.
Auf! laßt uns denn mit Freuden trinken, auf! laßt
uns mit Vergnuͤgen eſſen,
Dieß iſt des Schoͤpfers Will’ und Abſicht. Wenn
wir dabey nun auch ermeſſen,
Daß uns, ein liebreich weiſes Weſen, mit einer ſol-
chen Wundergabe,
Der Erden Schaͤtze zu genießen, aus lauter Huld be-
ſchenket habe,
Sein Freundlich-ſeyn im Schmecken ſchmecken; ſo ha-
ben wir mit unſern Zungen,
Auch wenn wir eſſen, ihm gedient, und Gott, in
unſrer Luſt, beſungen.
5. Des
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Brockes, Barthold Heinrich: Physikalische und moralische Gedanken über die drey Reiche der Natur. Bd. 9. Hamburg u. a., 1748, S. 398. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen09_1748/418>, abgerufen am 23.02.2025.
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