Hier sitz' ich in zufriedner Stille, Von Streit und Zank und Lärm befreyt Jn ungestöhrter Einsamkeit. Rings um mich her ist eine Fülle Von Schätzen holder Frühlings-Zeit: Von Rosen, Liljen und Jesminen, Die all', in tausendfärbgem Grünen, Als wie ein buntes Feuer, glühn.
Sollt' ich dann dieses nicht erwägen, Nicht meinen Geist zusammenziehn? Sollt' ich nicht fröhlich überlegen, Wozu so schöne Bluhmen blühn? Sollt' ich mich nicht, mit Ernst, bemühn, Durch ein darauf verwandtes Denken, Der Frühlings-Kinder bunte Pracht Mir zuzueignen? Sollt' ich nicht Zu Dem, Der sie hervorgebracht, Und mir nicht minder mein Gesicht Dazu geschenkt, mich dankbar lenken?
Erfodert es nicht meine Pflicht, Mich an den wunderschönen Gaben, Zum Ruhm Deß, Der sie gab, zu laben; Sie zu beteachten, zu besehn; Sie zu bewundern, und in ihnen, Da sie, nur bloß für uns, so schön, Und, uns allein zur Lust, erschienen; Auch Gott, in meiner Lust, zu dienen, Jn meiner Freud' Jhn zu erhöhn?
E[s]
Fruͤhlings-Gedanken.
Hier ſitz’ ich in zufriedner Stille, Von Streit und Zank und Laͤrm befreyt Jn ungeſtoͤhrter Einſamkeit. Rings um mich her iſt eine Fuͤlle Von Schaͤtzen holder Fruͤhlings-Zeit: Von Roſen, Liljen und Jesminen, Die all’, in tauſendfaͤrbgem Gruͤnen, Als wie ein buntes Feuer, gluͤhn.
Sollt’ ich dann dieſes nicht erwaͤgen, Nicht meinen Geiſt zuſammenziehn? Sollt’ ich nicht froͤhlich uͤberlegen, Wozu ſo ſchoͤne Bluhmen bluͤhn? Sollt’ ich mich nicht, mit Ernſt, bemuͤhn, Durch ein darauf verwandtes Denken, Der Fruͤhlings-Kinder bunte Pracht Mir zuzueignen? Sollt’ ich nicht Zu Dem, Der ſie hervorgebracht, Und mir nicht minder mein Geſicht Dazu geſchenkt, mich dankbar lenken?
Erfodert es nicht meine Pflicht, Mich an den wunderſchoͤnen Gaben, Zum Ruhm Deß, Der ſie gab, zu laben; Sie zu beteachten, zu beſehn; Sie zu bewundern, und in ihnen, Da ſie, nur bloß fuͤr uns, ſo ſchoͤn, Und, uns allein zur Luſt, erſchienen; Auch Gott, in meiner Luſt, zu dienen, Jn meiner Freud’ Jhn zu erhoͤhn?
E[s]
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Fruͤhlings-Gedanken.
Hier ſitz’ ich in zufriedner Stille,
Von Streit und Zank und Laͤrm befreyt
Jn ungeſtoͤhrter Einſamkeit.
Rings um mich her iſt eine Fuͤlle
Von Schaͤtzen holder Fruͤhlings-Zeit:
Von Roſen, Liljen und Jesminen,
Die all’, in tauſendfaͤrbgem Gruͤnen,
Als wie ein buntes Feuer, gluͤhn.
Sollt’ ich dann dieſes nicht erwaͤgen,
Nicht meinen Geiſt zuſammenziehn?
Sollt’ ich nicht froͤhlich uͤberlegen,
Wozu ſo ſchoͤne Bluhmen bluͤhn?
Sollt’ ich mich nicht, mit Ernſt, bemuͤhn,
Durch ein darauf verwandtes Denken,
Der Fruͤhlings-Kinder bunte Pracht
Mir zuzueignen? Sollt’ ich nicht
Zu Dem, Der ſie hervorgebracht,
Und mir nicht minder mein Geſicht
Dazu geſchenkt, mich dankbar lenken?
Erfodert es nicht meine Pflicht,
Mich an den wunderſchoͤnen Gaben,
Zum Ruhm Deß, Der ſie gab, zu laben;
Sie zu beteachten, zu beſehn;
Sie zu bewundern, und in ihnen,
Da ſie, nur bloß fuͤr uns, ſo ſchoͤn,
Und, uns allein zur Luſt, erſchienen;
Auch Gott, in meiner Luſt, zu dienen,
Jn meiner Freud’ Jhn zu erhoͤhn?
Es
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Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten. Bd. 8. Hamburg, 1746, S. 56. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen08_1746/70>, abgerufen am 23.02.2025.
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