Brockes, Barthold Heinrich: Herrn B. H. Brockes, [...] verdeutschte Grund-Sätze der Welt-Weisheit, des Herrn Abts Genest. Bd. 3. 2. Aufl. Hamburg, 1730.Vom Geist und Cörper. Jch weiß nicht ob es im-obs ohne Traum geschehe; Und sehe, wenigstens bedünckt mich, daß ich sehe Ein' Erd', ein Sonnen-Licht, Gebirge voller Wälder, Beblühmte Hügel hier, dort angenehme Felder. Jch hör', wie mit des Bachs sanfft rauschendem Gezische Der liebliche Gesang der Vögel sich vermische. Jst dies ein süsser Traum? nichts weiß ich, was geschehe, Aufmercksam, gantz erstaunt, vernehm ich und ich sehe. Wer bin ich? Wo bin ich? Woher bin ich gekommen? Und was geschicht in mir? Jch wancke hin und her und zweifle für und für. Von einem Ding ist mir der Zweifel doch benommen; Jch glaube, daß ich seh', ich glaube, daß ich höre. Wenn auch ein Jupiter, durch Morpheus, Phantasey'n, Mich zu betrügen, hätt' aus nichts hervorgezogen; Bin ich jedennoch nicht betrogen, Wann ich nur glaub es sey ein Schein. Ja ihr Pyrrhonier, verstockte Sceptiei, Und ihr gleichgültigen Academisten! Die Wahrheit findet sich. der Geist beweget sie. Lasst Phantaseyen! Lasst Chymeren! Sich zeigen unserm Geist bey gantzen Heeren Jn solcher ungeformt-und wüsten Seltsamkeit, Jn solcher grilligen Beschaffenheit, Als nie gewesen sind und nimmer kommen können, Man kan mich doch davor nicht unempfindlich nennen. Mein Zweifel geht so weit: ich zweifele daran, Ob etwas ausser mir. Jch zweifle gar dabey, Ob auch mein Cörper würcklich sey. Allein
Vom Geiſt und Coͤrper. Jch weiß nicht ob es im-obs ohne Traum geſchehe; Und ſehe, wenigſtens beduͤnckt mich, daß ich ſehe Ein’ Erd’, ein Sonnen-Licht, Gebirge voller Waͤlder, Bebluͤhmte Huͤgel hier, dort angenehme Felder. Jch hoͤr’, wie mit des Bachs ſanfft rauſchendem Geziſche Der liebliche Geſang der Voͤgel ſich vermiſche. Jſt dies ein ſuͤſſer Traum? nichts weiß ich, was geſchehe, Aufmerckſam, gantz erſtaunt, vernehm ich und ich ſehe. Wer bin ich? Wo bin ich? Woher bin ich gekommen? Und was geſchicht in mir? Jch wancke hin und her und zweifle fuͤr und fuͤr. Von einem Ding iſt mir der Zweifel doch benommen; Jch glaube, daß ich ſeh’, ich glaube, daß ich hoͤre. Wenn auch ein Jupiter, durch Morpheus, Phantaſey’n, Mich zu betruͤgen, haͤtt’ aus nichts hervorgezogen; Bin ich jedennoch nicht betrogen, Wann ich nur glaub es ſey ein Schein. Ja ihr Pyrrhonier, verſtockte Sceptiei, Und ihr gleichguͤltigen Academiſten! Die Wahrheit findet ſich. der Geiſt beweget ſie. Laſſt Phantaſeyen! Laſſt Chymeren! Sich zeigen unſerm Geiſt bey gantzen Heeren Jn ſolcher ungeformt-und wuͤſten Seltſamkeit, Jn ſolcher grilligen Beſchaffenheit, Als nie geweſen ſind und nimmer kommen koͤnnen, Man kan mich doch davor nicht unempfindlich nennen. Mein Zweifel geht ſo weit: ich zweifele daran, Ob etwas auſſer mir. Jch zweifle gar dabey, Ob auch mein Coͤrper wuͤrcklich ſey. Allein
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Vom Geiſt und Coͤrper.
Jch weiß nicht ob es im-obs ohne Traum geſchehe;
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Ein’ Erd’, ein Sonnen-Licht, Gebirge voller Waͤlder,
Bebluͤhmte Huͤgel hier, dort angenehme Felder.
Jch hoͤr’, wie mit des Bachs ſanfft rauſchendem Geziſche
Der liebliche Geſang der Voͤgel ſich vermiſche.
Jſt dies ein ſuͤſſer Traum? nichts weiß ich, was geſchehe,
Aufmerckſam, gantz erſtaunt, vernehm ich und ich ſehe.
Wer bin ich? Wo bin ich? Woher bin ich gekommen?
Und was geſchicht in mir?
Jch wancke hin und her und zweifle fuͤr und fuͤr.
Von einem Ding iſt mir der Zweifel doch benommen;
Jch glaube, daß ich ſeh’, ich glaube, daß ich hoͤre.
Wenn auch ein Jupiter, durch Morpheus, Phantaſey’n,
Mich zu betruͤgen, haͤtt’ aus nichts hervorgezogen;
Bin ich jedennoch nicht betrogen,
Wann ich nur glaub es ſey ein Schein.
Ja ihr Pyrrhonier, verſtockte Sceptiei,
Und ihr gleichguͤltigen Academiſten!
Die Wahrheit findet ſich. der Geiſt beweget ſie.
Laſſt Phantaſeyen! Laſſt Chymeren!
Sich zeigen unſerm Geiſt bey gantzen Heeren
Jn ſolcher ungeformt-und wuͤſten Seltſamkeit,
Jn ſolcher grilligen Beſchaffenheit,
Als nie geweſen ſind und nimmer kommen koͤnnen,
Man kan mich doch davor nicht unempfindlich nennen.
Mein Zweifel geht ſo weit: ich zweifele daran,
Ob etwas auſſer mir. Jch zweifle gar dabey,
Ob auch mein Coͤrper wuͤrcklich ſey.
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