Bald stossen, bald sich drehn, bald, über sich gerissen, Von einem stärkern Fluß bezwungen, weichen müssen. Hier treibt ein Wirbel-Wind, wie einen weissen Rauch, Den Schnee im Wirbel um, dort sprütz't mit strengem Hauch Aus dem beeis'ten Bart, voll steif gefror'ner Locken, Der dunkel-graue West den Schnee in grossen Flocken. Wild, frostig, grimmig, scharf, verdrießlich und doch schön Jst das verwirrte Spiel der Flocken anzusehn, Zumal wenn etwan uns das dunk'le grün Des Bux-Baums und der Taxus-Hecken, Worauf der weisse Schnee noch deutlicher erschien, Des regen Schwarms Figur recht eigentlich entdecken.
Wann ich in warmer Stub' alsdann am Fenster steh', Und, wie der kalte Nord so strenge draussen schnaubet, An manchem krummen Wand'rer seh, Der seines Athems fast, wie aller Wärm, beraubet, Mit steif-bereiftem Har, mit krumm gebog'nem Knie, Tief eingezog'nem Hals' und ganz erstarr'ten Gliedern, Mit fast geschloss'nen Augen-Liedern, Mit blauen Wangen, Nas' und Kinn, Sehr langsam und mit Müh das Schnee-Gestöber trennet; Denk' ich, und zwar mit Recht, in meinem Sinn, Wie glücklich ich in meiner Stube bin, Wie die Beqvemlichkeit so groß, die GOtt mir gönnet.
Wann endlich nun die Luft von Duft und Flocken leer, Die Wolken sich zerteilt, der Winde stürmisch Heer Ermüdet ausgeras't, der Sonnen helle Stralen Durch's ausgeklär'te Blau, die Erde zu bemalen Auf einmal sich vereint; dann glänzt die weisse Welt,
Und
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Bald ſtoſſen, bald ſich drehn, bald, uͤber ſich geriſſen, Von einem ſtaͤrkern Fluß bezwungen, weichen muͤſſen. Hier treibt ein Wirbel-Wind, wie einen weiſſen Rauch, Den Schnee im Wirbel um, dort ſpruͤtz’t mit ſtrengem Hauch Aus dem beeiſ’ten Bart, voll ſteif gefror’ner Locken, Der dunkel-graue Weſt den Schnee in groſſen Flocken. Wild, froſtig, grimmig, ſcharf, verdrießlich und doch ſchoͤn Jſt das verwirrte Spiel der Flocken anzuſehn, Zumal wenn etwan uns das dunk’le gruͤn Des Bux-Baums und der Taxus-Hecken, Worauf der weiſſe Schnee noch deutlicher erſchien, Des regen Schwarms Figur recht eigentlich entdecken.
Wann ich in warmer Stub’ alsdann am Fenſter ſteh’, Und, wie der kalte Nord ſo ſtrenge drauſſen ſchnaubet, An manchem krummen Wand’rer ſeh, Der ſeines Athems faſt, wie aller Waͤrm, beraubet, Mit ſteif-bereiftem Har, mit krumm gebog’nem Knie, Tief eingezog’nem Halſ’ und ganz erſtarr’ten Gliedern, Mit faſt geſchloſſ’nen Augen-Liedern, Mit blauen Wangen, Naſ’ und Kinn, Sehr langſam und mit Muͤh das Schnee-Geſtoͤber trennet; Denk’ ich, und zwar mit Recht, in meinem Sinn, Wie gluͤcklich ich in meiner Stube bin, Wie die Beqvemlichkeit ſo groß, die GOtt mir goͤnnet.
Wann endlich nun die Luft von Duft und Flocken leer, Die Wolken ſich zerteilt, der Winde ſtuͤrmiſch Heer Ermuͤdet ausgeraſ’t, der Sonnen helle Stralen Durch’s ausgeklaͤr’te Blau, die Erde zu bemalen Auf einmal ſich vereint; dann glaͤnzt die weiſſe Welt,
Und
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Bald ſtoſſen, bald ſich drehn, bald, uͤber ſich geriſſen,</l><lb/><l>Von einem ſtaͤrkern Fluß bezwungen, weichen muͤſſen.</l><lb/><l>Hier treibt ein Wirbel-Wind, wie einen weiſſen Rauch,</l><lb/><l>Den Schnee im Wirbel um, dort ſpruͤtz’t mit ſtrengem Hauch</l><lb/><l>Aus dem beeiſ’ten Bart, voll ſteif gefror’ner Locken,</l><lb/><l>Der dunkel-graue Weſt den Schnee in groſſen Flocken.</l><lb/><l>Wild, froſtig, grimmig, ſcharf, verdrießlich und doch ſchoͤn</l><lb/><l>Jſt das verwirrte Spiel der Flocken anzuſehn,</l><lb/><l>Zumal wenn etwan uns das dunk’le gruͤn</l><lb/><l>Des Bux-Baums und der Taxus-Hecken,</l><lb/><l>Worauf der weiſſe Schnee noch deutlicher erſchien,</l><lb/><l>Des regen Schwarms Figur recht eigentlich entdecken.</l></lg><lb/><lgn="4"><l>Wann ich in warmer Stub’ alsdann am Fenſter ſteh’,</l><lb/><l>Und, wie der kalte Nord ſo ſtrenge drauſſen ſchnaubet,</l><lb/><l>An manchem krummen Wand’rer ſeh,</l><lb/><l>Der ſeines Athems faſt, wie aller Waͤrm, beraubet,</l><lb/><l>Mit ſteif-bereiftem Har, mit krumm gebog’nem Knie,</l><lb/><l>Tief eingezog’nem Halſ’ und ganz erſtarr’ten Gliedern,</l><lb/><l>Mit faſt geſchloſſ’nen Augen-Liedern,</l><lb/><l>Mit blauen Wangen, Naſ’ und Kinn,</l><lb/><l>Sehr langſam und mit Muͤh das Schnee-Geſtoͤber trennet;</l><lb/><l>Denk’ ich, und zwar mit Recht, in meinem Sinn,</l><lb/><l>Wie gluͤcklich ich in meiner Stube bin,</l><lb/><l>Wie die Beqvemlichkeit ſo groß, die GOtt mir goͤnnet.</l></lg><lb/><lgn="5"><l>Wann endlich nun die Luft von Duft und Flocken leer,</l><lb/><l>Die Wolken ſich zerteilt, der Winde ſtuͤrmiſch Heer</l><lb/><l>Ermuͤdet ausgeraſ’t, der Sonnen helle Stralen</l><lb/><l>Durch’s ausgeklaͤr’te Blau, die Erde zu bemalen</l><lb/><l>Auf einmal ſich vereint; dann glaͤnzt die weiſſe Welt,</l><lb/><l><fwplace="bottom"type="sig">C c 4</fw><fwplace="bottom"type="catch">Und</fw><lb/></l></lg></div></div></body></text></TEI>
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Bald ſtoſſen, bald ſich drehn, bald, uͤber ſich geriſſen,
Von einem ſtaͤrkern Fluß bezwungen, weichen muͤſſen.
Hier treibt ein Wirbel-Wind, wie einen weiſſen Rauch,
Den Schnee im Wirbel um, dort ſpruͤtz’t mit ſtrengem Hauch
Aus dem beeiſ’ten Bart, voll ſteif gefror’ner Locken,
Der dunkel-graue Weſt den Schnee in groſſen Flocken.
Wild, froſtig, grimmig, ſcharf, verdrießlich und doch ſchoͤn
Jſt das verwirrte Spiel der Flocken anzuſehn,
Zumal wenn etwan uns das dunk’le gruͤn
Des Bux-Baums und der Taxus-Hecken,
Worauf der weiſſe Schnee noch deutlicher erſchien,
Des regen Schwarms Figur recht eigentlich entdecken.
Wann ich in warmer Stub’ alsdann am Fenſter ſteh’,
Und, wie der kalte Nord ſo ſtrenge drauſſen ſchnaubet,
An manchem krummen Wand’rer ſeh,
Der ſeines Athems faſt, wie aller Waͤrm, beraubet,
Mit ſteif-bereiftem Har, mit krumm gebog’nem Knie,
Tief eingezog’nem Halſ’ und ganz erſtarr’ten Gliedern,
Mit faſt geſchloſſ’nen Augen-Liedern,
Mit blauen Wangen, Naſ’ und Kinn,
Sehr langſam und mit Muͤh das Schnee-Geſtoͤber trennet;
Denk’ ich, und zwar mit Recht, in meinem Sinn,
Wie gluͤcklich ich in meiner Stube bin,
Wie die Beqvemlichkeit ſo groß, die GOtt mir goͤnnet.
Wann endlich nun die Luft von Duft und Flocken leer,
Die Wolken ſich zerteilt, der Winde ſtuͤrmiſch Heer
Ermuͤdet ausgeraſ’t, der Sonnen helle Stralen
Durch’s ausgeklaͤr’te Blau, die Erde zu bemalen
Auf einmal ſich vereint; dann glaͤnzt die weiſſe Welt,
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Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727, S. 407. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/443>, abgerufen am 22.02.2025.
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