Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß der Kolkrabe durch seine Raubsucht sehr schädlich wird und von verständigen Menschen nicht geduldet werden darf. Auch er bringt Nutzen wie die übrigen Krähen; der Schaden aber, welchen er anrichtet, überwiegt alle Wohlthaten, welche er dem Felde und Garten zufügt. Deshalb ist es auffallend genug, daß dieser Vogel von einzelnen Völkerschaften geliebt und verehrt wird. Namentlich die Araber achten ihn hoch; sie verehren ihn fast wie eine Gottheit, weil sie ihn für unsterblich halten. "Als ich einst", sagt Dr. Labonysse, "einen Raben mit der Kugel erlegen wollte, hielt mich ein Araber zurück mit der Versicherung, daß jener als Hei- liger unverwundbar sei. Jch fehlte, zur großen Genugthuung des Arabers, welcher, gläubiger als je, mich nun lebhaft verspottete." Auch die Jsländer und Grönländer scheinen nicht feindselig gegen den argen Räuber gesinnt zu sein. "Der Kolkrabe", sagt Faber, "ist so zahm, daß er auf den Häusern und Rücken weidender Pferde ruht." Jn Grönland darf er nach Holboell's Mittheilung sogar in die Häuser kommen, obgleich er dort stiehlt, wie überall. Die Hirten der kanarischen Jnseln sind, nach Bolle's Bericht, anderer Ansicht. Sie nennen den Raben den niederträchtigsten Vogel, welchen es gibt und behaupten, daß er nur allzu oft jungen Ziegen und Lämmern die Augen aushacke, um sie dann bequemer tödten und bezüglich fressen zu können. Die Hirten vernichten deshalb den Raben so viel als möglich und wahrscheinlich nicht ohne gerechten Grund und Ursache.
Auf dem Aas jeder Art ist der Rabe eine regelmäßige Erscheinung, und die vielen biblischen Stellen, welche sich auf ihn beziehen, werden wohl ihre Richtigkeit haben. "Man behauptet", fährt mein Vater fort, "er wittere das Aas meilenweit. So wenig ich seinen scharfen Geruch in Zweifel ziehen will, so unwahrscheinlich ist mir dennoch diese starke Behauptung, welche schon durch das Be- tragen widerlegt wird. Bei genauerer Beobachtung merkt man leicht, daß der Kolkrabe bei seinen Streiferein etwas Unstetes hat. Er durchfliegt fast täglich einen großen Raum und zwar in ver- schiedenen Richtungen, um durch das Gesicht Etwas ausfindig zu machen. Man sieht daraus deut- lich, daß er einem Aase nahe sei oder sich wenigstens in dem Luststriche, welcher von dem Aase herzieht, befinden muß, um es zu sinden. Wäre er im Stande, Aas meilenweit zu riechen, so würde er auch meilenweit in gerader Richtung darauf zufliegen. Auch der Umstand, daß er einen Ort, auf dem er sich niederlassen will, allemal erst umkreist, beweist, daß er einen Gegenstand nur in gewisser Richtung und schwerlich meilenweit wittern kann." Jeder, welcher den Kolkraben kennt, muß diesen Worten beistimmen, auch trotz Naumann, welcher die von meinem Vater bestrittene Ansicht vertritt. Letzterer Naturforscher stellt die Frage auf, ob wohl der Kolkrabe, wie so oft behaup- tet worden, auch menschliche Leichname angehe. Nach meiner Ansicht darf unbedingt mit Ja geant- wortet werden. Dem Raben gilt es sicherlich vollständig gleich, ob er den Leichnam eines Menschen oder das Aas eines andern Säugethieres vor sich hat, und wir wollen ihn darum nicht schelten; denn wenn der Rabe menschlichen Leichen die Augen aushackt, trifft der Vorwurf nicht ihn, sondern die Menschen selbst, welche barbarisch genug sind, oder wenigstens waren, Leichname den "Vögeln des Himmels" zur Speise vorzuwerfen.
Unter allen deutschen Vögeln, die Kreuzschnäbel etwa ausgenommen, schreitet der Kolkrabe am frühesten zur Fortpflanzung und paart sich oft schon im Anfange des Januar, baut im Februar seinen Horst und legt in den ersten Tagen des März. Der Horst steht auf Felsen oder bei uns auf dem Wipfel eines hohen Baumes, regelmäßig auf einem, welcher schwer erstiegen werden kann. Er ist groß, ungefähr einen Fuß hoch und zwei bis drei Fuß breit. Der Unterbau wird aus starken Reisern zusammengeschichtet, der Mittelbau aus feineren errichtet, die Nestmulde, welche eine Halbkugel von acht bis neun Zoll Durchmesser und vier bis fünf Zoll Tiefe bildet, mit Baststreifen, Baumflechten, Grasstückchen, Schafwolle und dergleichen warm ausgefüttert. Ein alter Horst wird gern wieder benutzt und dann nur ein wenig aufgebessert.
Auch bei dem Nestbau zeigt der Kolkrabe seine Klugheit und sein scheues Wesen. Er nähert sich mit den Baustoffen sehr vorsichtig und verläßt den Horst, wenn er oft Menschen in dessen Nähe bemerkt oder vor dem Eierlegen von demselben verscheucht wird, während er sonst jahrelang so regel-
Kolkrabe.
Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß der Kolkrabe durch ſeine Raubſucht ſehr ſchädlich wird und von verſtändigen Menſchen nicht geduldet werden darf. Auch er bringt Nutzen wie die übrigen Krähen; der Schaden aber, welchen er anrichtet, überwiegt alle Wohlthaten, welche er dem Felde und Garten zufügt. Deshalb iſt es auffallend genug, daß dieſer Vogel von einzelnen Völkerſchaften geliebt und verehrt wird. Namentlich die Araber achten ihn hoch; ſie verehren ihn faſt wie eine Gottheit, weil ſie ihn für unſterblich halten. „Als ich einſt‟, ſagt Dr. Labonyſſé, „einen Raben mit der Kugel erlegen wollte, hielt mich ein Araber zurück mit der Verſicherung, daß jener als Hei- liger unverwundbar ſei. Jch fehlte, zur großen Genugthuung des Arabers, welcher, gläubiger als je, mich nun lebhaft verſpottete.‟ Auch die Jsländer und Grönländer ſcheinen nicht feindſelig gegen den argen Räuber geſinnt zu ſein. „Der Kolkrabe‟, ſagt Faber, „iſt ſo zahm, daß er auf den Häuſern und Rücken weidender Pferde ruht.‟ Jn Grönland darf er nach Holboell’s Mittheilung ſogar in die Häuſer kommen, obgleich er dort ſtiehlt, wie überall. Die Hirten der kanariſchen Jnſeln ſind, nach Bolle’s Bericht, anderer Anſicht. Sie nennen den Raben den niederträchtigſten Vogel, welchen es gibt und behaupten, daß er nur allzu oft jungen Ziegen und Lämmern die Augen aushacke, um ſie dann bequemer tödten und bezüglich freſſen zu können. Die Hirten vernichten deshalb den Raben ſo viel als möglich und wahrſcheinlich nicht ohne gerechten Grund und Urſache.
Auf dem Aas jeder Art iſt der Rabe eine regelmäßige Erſcheinung, und die vielen bibliſchen Stellen, welche ſich auf ihn beziehen, werden wohl ihre Richtigkeit haben. „Man behauptet‟, fährt mein Vater fort, „er wittere das Aas meilenweit. So wenig ich ſeinen ſcharfen Geruch in Zweifel ziehen will, ſo unwahrſcheinlich iſt mir dennoch dieſe ſtarke Behauptung, welche ſchon durch das Be- tragen widerlegt wird. Bei genauerer Beobachtung merkt man leicht, daß der Kolkrabe bei ſeinen Streiferein etwas Unſtetes hat. Er durchfliegt faſt täglich einen großen Raum und zwar in ver- ſchiedenen Richtungen, um durch das Geſicht Etwas ausfindig zu machen. Man ſieht daraus deut- lich, daß er einem Aaſe nahe ſei oder ſich wenigſtens in dem Luſtſtriche, welcher von dem Aaſe herzieht, befinden muß, um es zu ſinden. Wäre er im Stande, Aas meilenweit zu riechen, ſo würde er auch meilenweit in gerader Richtung darauf zufliegen. Auch der Umſtand, daß er einen Ort, auf dem er ſich niederlaſſen will, allemal erſt umkreiſt, beweiſt, daß er einen Gegenſtand nur in gewiſſer Richtung und ſchwerlich meilenweit wittern kann.‟ Jeder, welcher den Kolkraben kennt, muß dieſen Worten beiſtimmen, auch trotz Naumann, welcher die von meinem Vater beſtrittene Anſicht vertritt. Letzterer Naturforſcher ſtellt die Frage auf, ob wohl der Kolkrabe, wie ſo oft behaup- tet worden, auch menſchliche Leichname angehe. Nach meiner Anſicht darf unbedingt mit Ja geant- wortet werden. Dem Raben gilt es ſicherlich vollſtändig gleich, ob er den Leichnam eines Menſchen oder das Aas eines andern Säugethieres vor ſich hat, und wir wollen ihn darum nicht ſchelten; denn wenn der Rabe menſchlichen Leichen die Augen aushackt, trifft der Vorwurf nicht ihn, ſondern die Menſchen ſelbſt, welche barbariſch genug ſind, oder wenigſtens waren, Leichname den „Vögeln des Himmels‟ zur Speiſe vorzuwerfen.
Unter allen deutſchen Vögeln, die Kreuzſchnäbel etwa ausgenommen, ſchreitet der Kolkrabe am früheſten zur Fortpflanzung und paart ſich oft ſchon im Anfange des Januar, baut im Februar ſeinen Horſt und legt in den erſten Tagen des März. Der Horſt ſteht auf Felſen oder bei uns auf dem Wipfel eines hohen Baumes, regelmäßig auf einem, welcher ſchwer erſtiegen werden kann. Er iſt groß, ungefähr einen Fuß hoch und zwei bis drei Fuß breit. Der Unterbau wird aus ſtarken Reiſern zuſammengeſchichtet, der Mittelbau aus feineren errichtet, die Neſtmulde, welche eine Halbkugel von acht bis neun Zoll Durchmeſſer und vier bis fünf Zoll Tiefe bildet, mit Baſtſtreifen, Baumflechten, Grasſtückchen, Schafwolle und dergleichen warm ausgefüttert. Ein alter Horſt wird gern wieder benutzt und dann nur ein wenig aufgebeſſert.
Auch bei dem Neſtbau zeigt der Kolkrabe ſeine Klugheit und ſein ſcheues Weſen. Er nähert ſich mit den Bauſtoffen ſehr vorſichtig und verläßt den Horſt, wenn er oft Menſchen in deſſen Nähe bemerkt oder vor dem Eierlegen von demſelben verſcheucht wird, während er ſonſt jahrelang ſo regel-
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[347/0375]
Kolkrabe.
Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß der Kolkrabe durch ſeine Raubſucht ſehr ſchädlich wird
und von verſtändigen Menſchen nicht geduldet werden darf. Auch er bringt Nutzen wie die übrigen
Krähen; der Schaden aber, welchen er anrichtet, überwiegt alle Wohlthaten, welche er dem Felde und
Garten zufügt. Deshalb iſt es auffallend genug, daß dieſer Vogel von einzelnen Völkerſchaften
geliebt und verehrt wird. Namentlich die Araber achten ihn hoch; ſie verehren ihn faſt wie eine
Gottheit, weil ſie ihn für unſterblich halten. „Als ich einſt‟, ſagt Dr. Labonyſſé, „einen Raben
mit der Kugel erlegen wollte, hielt mich ein Araber zurück mit der Verſicherung, daß jener als Hei-
liger unverwundbar ſei. Jch fehlte, zur großen Genugthuung des Arabers, welcher, gläubiger als je,
mich nun lebhaft verſpottete.‟ Auch die Jsländer und Grönländer ſcheinen nicht feindſelig gegen den
argen Räuber geſinnt zu ſein. „Der Kolkrabe‟, ſagt Faber, „iſt ſo zahm, daß er auf den Häuſern
und Rücken weidender Pferde ruht.‟ Jn Grönland darf er nach Holboell’s Mittheilung ſogar in
die Häuſer kommen, obgleich er dort ſtiehlt, wie überall. Die Hirten der kanariſchen Jnſeln ſind,
nach Bolle’s Bericht, anderer Anſicht. Sie nennen den Raben den niederträchtigſten Vogel, welchen
es gibt und behaupten, daß er nur allzu oft jungen Ziegen und Lämmern die Augen aushacke, um
ſie dann bequemer tödten und bezüglich freſſen zu können. Die Hirten vernichten deshalb den Raben
ſo viel als möglich und wahrſcheinlich nicht ohne gerechten Grund und Urſache.
Auf dem Aas jeder Art iſt der Rabe eine regelmäßige Erſcheinung, und die vielen bibliſchen
Stellen, welche ſich auf ihn beziehen, werden wohl ihre Richtigkeit haben. „Man behauptet‟, fährt
mein Vater fort, „er wittere das Aas meilenweit. So wenig ich ſeinen ſcharfen Geruch in Zweifel
ziehen will, ſo unwahrſcheinlich iſt mir dennoch dieſe ſtarke Behauptung, welche ſchon durch das Be-
tragen widerlegt wird. Bei genauerer Beobachtung merkt man leicht, daß der Kolkrabe bei ſeinen
Streiferein etwas Unſtetes hat. Er durchfliegt faſt täglich einen großen Raum und zwar in ver-
ſchiedenen Richtungen, um durch das Geſicht Etwas ausfindig zu machen. Man ſieht daraus deut-
lich, daß er einem Aaſe nahe ſei oder ſich wenigſtens in dem Luſtſtriche, welcher von dem Aaſe
herzieht, befinden muß, um es zu ſinden. Wäre er im Stande, Aas meilenweit zu riechen, ſo
würde er auch meilenweit in gerader Richtung darauf zufliegen. Auch der Umſtand, daß er einen
Ort, auf dem er ſich niederlaſſen will, allemal erſt umkreiſt, beweiſt, daß er einen Gegenſtand nur in
gewiſſer Richtung und ſchwerlich meilenweit wittern kann.‟ Jeder, welcher den Kolkraben kennt,
muß dieſen Worten beiſtimmen, auch trotz Naumann, welcher die von meinem Vater beſtrittene
Anſicht vertritt. Letzterer Naturforſcher ſtellt die Frage auf, ob wohl der Kolkrabe, wie ſo oft behaup-
tet worden, auch menſchliche Leichname angehe. Nach meiner Anſicht darf unbedingt mit Ja geant-
wortet werden. Dem Raben gilt es ſicherlich vollſtändig gleich, ob er den Leichnam eines Menſchen
oder das Aas eines andern Säugethieres vor ſich hat, und wir wollen ihn darum nicht ſchelten; denn
wenn der Rabe menſchlichen Leichen die Augen aushackt, trifft der Vorwurf nicht ihn, ſondern die
Menſchen ſelbſt, welche barbariſch genug ſind, oder wenigſtens waren, Leichname den „Vögeln des
Himmels‟ zur Speiſe vorzuwerfen.
Unter allen deutſchen Vögeln, die Kreuzſchnäbel etwa ausgenommen, ſchreitet der Kolkrabe
am früheſten zur Fortpflanzung und paart ſich oft ſchon im Anfange des Januar, baut im Februar
ſeinen Horſt und legt in den erſten Tagen des März. Der Horſt ſteht auf Felſen oder bei uns auf dem
Wipfel eines hohen Baumes, regelmäßig auf einem, welcher ſchwer erſtiegen werden kann. Er iſt
groß, ungefähr einen Fuß hoch und zwei bis drei Fuß breit. Der Unterbau wird aus ſtarken Reiſern
zuſammengeſchichtet, der Mittelbau aus feineren errichtet, die Neſtmulde, welche eine Halbkugel von
acht bis neun Zoll Durchmeſſer und vier bis fünf Zoll Tiefe bildet, mit Baſtſtreifen, Baumflechten,
Grasſtückchen, Schafwolle und dergleichen warm ausgefüttert. Ein alter Horſt wird gern wieder
benutzt und dann nur ein wenig aufgebeſſert.
Auch bei dem Neſtbau zeigt der Kolkrabe ſeine Klugheit und ſein ſcheues Weſen. Er nähert ſich
mit den Bauſtoffen ſehr vorſichtig und verläßt den Horſt, wenn er oft Menſchen in deſſen Nähe
bemerkt oder vor dem Eierlegen von demſelben verſcheucht wird, während er ſonſt jahrelang ſo regel-
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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 3. Hildburghausen, 1866, S. 347. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben03_1866/375>, abgerufen am 25.11.2024.
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