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Staats und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheiischen Correspondenten. Nr. 133, Hamburg, 6. Juni 1832.

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Staats und [Abbildung] Gelehrte
Zei   tung
des Hamburgischen unpartheiischen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1832.   Am Mittewochen, den 6 Juni.
No. 133.



Verlegt von den Grundschen Erben.



[Beginn Spaltensatz]

Leider haben die Unruhen in der Vendee einen so
ernstlichen Charakter angenommen, daß das System
der Schonung und Zurückhaltung, welches bisher
von der Regierung gegen die Carlisten beobachtet
und von der Opposition so heftig getadelt wurde,
aufgegeben werden muß. Daß nicht länger ge-
zögert werden durfte, beweisen die Berichte im
heutigen Moniteur, woraus man ersieht, daß am
26 v. M. zwei förmliche Treffen zwischen den
Truppen und den Cho[u]ans vorgefallen sind. Das
erste fiel beim Schlosse la Vezouziere, unweit
Bierne, vor. Eine Bande von 150 Mann wurde
mit einem Verluste von 50 Mann und 2 Gefange-
nen zersprengt; die Anzahl der Verwundeten muß
sehr groß seyn; die Trümmer der Bande wurden
unerbittlich verfolgt. Das andre ereignete sich bei
Chanay, unweit Chateau-Gontier; die Chouans,
etwa 300 Mann stark, verloren ihren Anführer und
20 Todte. Beim ersten Treffen blieb ein Soldat,
beim zweiten drei. Die Chouans rekrutiren die
jungen Landleute mit Gewalt; sie sind mit schlech-
ten Gewehren bewaffnet. Die Nationalgarde von
Laval zeigte bei der Musterung den größten En-
thusiasmus; patriotische Freiwillige melden sich in
großer Anzahl: 150 waren bereits abmarschirt.
Vier Adelige sind verhaftet worden. Jm Jlle-und-
Vilaine-Departement hat sich auch Gährung ge-
zeigt. Man hat Artillerie und Verstärkungen nach
Vitre geschickt. Jn der Nähe dieser Stadt soll
sich eine Bande gezeigt haben, worauf die Garnison
ihr entgegen rückte. Oberstlieutenant Berthois, der
gerade der Wahlen halber anwesend war, stellte sich
an ihre Spitze. Man hat die Chouans indessen
nicht auffinden können. Jm Maine-und-Loire-De-
partement herrscht Aufregung, doch ist noch kein
Schuß daselbst gefallen: es wurde indessen zum 28
[Spaltenumbruch] v. M. ein Aufstand daselbst verkündet; man nannte
die HH. v. Escars, v. Mesnars, v. Bourmont
als Anführer, aber Niemand zeigte sich. Ange-
sehene Eigenthümer verließen jenes Departement und
begaben sich nach Paris. Jm Sarthe-Departement
erboten sich alle Liberale zum Beistande. Ein be-
rüchtigter Chouan, der eingebracht wurde, wäre vom
Volke beinahe ermordet worden. Am Schlusse be-
ruhigt der Moniteur über den Ausgang dieser Er-
eignisse: allerdings sey die Chouannerie thätiger ge-
worden, aber es sey darum noch keine Vendee von
1793. -- Weit bedenklicher lauten die Berichte in
den Provinzial-Blättern und die Privatbriefe in
den hiesigen Zeitungen. Ein Privat-Schreiben aus
Angers vom 27 v. M. im Messager meldet: "Jn
diesem Augenblicke dürften die Sturmglocken in
allen Dörfern der Vendee ertönen. Angesehene
Männer in großer Anzahl befinden sich daselbst und
organisiren den Aufstand. Jn den Schlössern und
Bauerhöfen werden Versammlungen gehalten, und
Geld mit vollen Händen ausgestreut. Statt der zer-
streuten Haufen von 15 bis 50 Mann, zeigen sich jetzt
Banden von 3- bis 400. Eben so verbreitet sich die
Jnsurrection im ganzen Maine-und-Loire-Departe-
ment. Bei Salbe hat sich ein Haufe von 400
Mann unter Waffen gezeigt; ein angesehener Ad-
liger ist daselbst verhaftet worden. Jn vielen an-
dren Gemeinden erwartet man jeden Augenblick den
Ausbruch. Die Operationen sind zusammenhängend
und gehen von einem Central-Punkte aus. An der
Spitze dieser Bewegung muß ein bedeutender Mann
stehen, wofür man den Marschall Bourmont hält;
ein Sohn desselben ist kürzlich in dieser Gegend er-
blickt worden. Die Carlisten haben außerordent-
liche Opfer gebracht, sich selbst Steuern aufgelegt
und ihre Güter belastet. Einer von ihnen, der zu
schwanken schien, wurde durch Drohungen gezwun-

Staats und [Abbildung] Gelehrte
Zei   tung
des Hamburgiſchen unpartheiiſchen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1832.   Am Mittewochen, den 6 Juni.
No. 133.



Verlegt von den Grundſchen Erben.



[Beginn Spaltensatz]

Leider haben die Unruhen in der Vendee einen ſo
ernſtlichen Charakter angenommen, daß das Syſtem
der Schonung und Zurückhaltung, welches bisher
von der Regierung gegen die Carliſten beobachtet
und von der Oppoſition ſo heftig getadelt wurde,
aufgegeben werden muß. Daß nicht länger ge-
zögert werden durfte, beweiſen die Berichte im
heutigen Moniteur, woraus man erſieht, daß am
26 v. M. zwei förmliche Treffen zwiſchen den
Truppen und den Cho[u]ans vorgefallen ſind. Das
erſte fiel beim Schloſſe la Vezouzière, unweit
Bierné, vor. Eine Bande von 150 Mann wurde
mit einem Verluſte von 50 Mann und 2 Gefange-
nen zerſprengt; die Anzahl der Verwundeten muß
ſehr groß ſeyn; die Trümmer der Bande wurden
unerbittlich verfolgt. Das andre ereignete ſich bei
Chanay, unweit Chateau-Gontier; die Chouans,
etwa 300 Mann ſtark, verloren ihren Anführer und
20 Todte. Beim erſten Treffen blieb ein Soldat,
beim zweiten drei. Die Chouans rekrutiren die
jungen Landleute mit Gewalt; ſie ſind mit ſchlech-
ten Gewehren bewaffnet. Die Nationalgarde von
Laval zeigte bei der Muſterung den größten En-
thuſiasmus; patriotiſche Freiwillige melden ſich in
großer Anzahl: 150 waren bereits abmarſchirt.
Vier Adelige ſind verhaftet worden. Jm Jlle-und-
Vilaine-Departement hat ſich auch Gährung ge-
zeigt. Man hat Artillerie und Verſtärkungen nach
Vitré geſchickt. Jn der Nähe dieſer Stadt ſoll
ſich eine Bande gezeigt haben, worauf die Garniſon
ihr entgegen rückte. Oberſtlieutenant Berthois, der
gerade der Wahlen halber anweſend war, ſtellte ſich
an ihre Spitze. Man hat die Chouans indeſſen
nicht auffinden können. Jm Maine-und-Loire-De-
partement herrſcht Aufregung, doch iſt noch kein
Schuß daſelbſt gefallen: es wurde indeſſen zum 28
[Spaltenumbruch] v. M. ein Aufſtand daſelbſt verkündet; man nannte
die HH. v. Escars, v. Mesnars, v. Bourmont
als Anführer, aber Niemand zeigte ſich. Ange-
ſehene Eigenthümer verließen jenes Departement und
begaben ſich nach Paris. Jm Sarthe-Departement
erboten ſich alle Liberale zum Beiſtande. Ein be-
rüchtigter Chouan, der eingebracht wurde, wäre vom
Volke beinahe ermordet worden. Am Schluſſe be-
ruhigt der Moniteur über den Ausgang dieſer Er-
eigniſſe: allerdings ſey die Chouannerie thätiger ge-
worden, aber es ſey darum noch keine Vendee von
1793. — Weit bedenklicher lauten die Berichte in
den Provinzial-Blättern und die Privatbriefe in
den hieſigen Zeitungen. Ein Privat-Schreiben aus
Angers vom 27 v. M. im Meſſager meldet: “Jn
dieſem Augenblicke dürften die Sturmglocken in
allen Dörfern der Vendee ertönen. Angeſehene
Männer in großer Anzahl befinden ſich daſelbſt und
organiſiren den Aufſtand. Jn den Schlöſſern und
Bauerhöfen werden Verſammlungen gehalten, und
Geld mit vollen Händen ausgeſtreut. Statt der zer-
ſtreuten Haufen von 15 bis 50 Mann, zeigen ſich jetzt
Banden von 3- bis 400. Eben ſo verbreitet ſich die
Jnſurrection im ganzen Maine-und-Loire-Departe-
ment. Bei Salbé hat ſich ein Haufe von 400
Mann unter Waffen gezeigt; ein angeſehener Ad-
liger iſt daſelbſt verhaftet worden. Jn vielen an-
dren Gemeinden erwartet man jeden Augenblick den
Ausbruch. Die Operationen ſind zuſammenhängend
und gehen von einem Central-Punkte aus. An der
Spitze dieſer Bewegung muß ein bedeutender Mann
ſtehen, wofür man den Marſchall Bourmont hält;
ein Sohn deſſelben iſt kürzlich in dieſer Gegend er-
blickt worden. Die Carliſten haben außerordent-
liche Opfer gebracht, ſich ſelbſt Steuern aufgelegt
und ihre Güter belaſtet. Einer von ihnen, der zu
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[[1]/0001] Staats und [Abbildung] Gelehrte Zei tung des Hamburgiſchen unpartheiiſchen CORRESPONDENTEN. Anno 1832. Am Mittewochen, den 6 Juni. No. 133. Verlegt von den Grundſchen Erben. Paris, den 30 Mai. Leider haben die Unruhen in der Vendee einen ſo ernſtlichen Charakter angenommen, daß das Syſtem der Schonung und Zurückhaltung, welches bisher von der Regierung gegen die Carliſten beobachtet und von der Oppoſition ſo heftig getadelt wurde, aufgegeben werden muß. Daß nicht länger ge- zögert werden durfte, beweiſen die Berichte im heutigen Moniteur, woraus man erſieht, daß am 26 v. M. zwei förmliche Treffen zwiſchen den Truppen und den Chouans vorgefallen ſind. Das erſte fiel beim Schloſſe la Vezouzière, unweit Bierné, vor. Eine Bande von 150 Mann wurde mit einem Verluſte von 50 Mann und 2 Gefange- nen zerſprengt; die Anzahl der Verwundeten muß ſehr groß ſeyn; die Trümmer der Bande wurden unerbittlich verfolgt. Das andre ereignete ſich bei Chanay, unweit Chateau-Gontier; die Chouans, etwa 300 Mann ſtark, verloren ihren Anführer und 20 Todte. Beim erſten Treffen blieb ein Soldat, beim zweiten drei. Die Chouans rekrutiren die jungen Landleute mit Gewalt; ſie ſind mit ſchlech- ten Gewehren bewaffnet. Die Nationalgarde von Laval zeigte bei der Muſterung den größten En- thuſiasmus; patriotiſche Freiwillige melden ſich in großer Anzahl: 150 waren bereits abmarſchirt. Vier Adelige ſind verhaftet worden. Jm Jlle-und- Vilaine-Departement hat ſich auch Gährung ge- zeigt. Man hat Artillerie und Verſtärkungen nach Vitré geſchickt. Jn der Nähe dieſer Stadt ſoll ſich eine Bande gezeigt haben, worauf die Garniſon ihr entgegen rückte. Oberſtlieutenant Berthois, der gerade der Wahlen halber anweſend war, ſtellte ſich an ihre Spitze. Man hat die Chouans indeſſen nicht auffinden können. Jm Maine-und-Loire-De- partement herrſcht Aufregung, doch iſt noch kein Schuß daſelbſt gefallen: es wurde indeſſen zum 28 v. M. ein Aufſtand daſelbſt verkündet; man nannte die HH. v. Escars, v. Mesnars, v. Bourmont als Anführer, aber Niemand zeigte ſich. Ange- ſehene Eigenthümer verließen jenes Departement und begaben ſich nach Paris. Jm Sarthe-Departement erboten ſich alle Liberale zum Beiſtande. Ein be- rüchtigter Chouan, der eingebracht wurde, wäre vom Volke beinahe ermordet worden. Am Schluſſe be- ruhigt der Moniteur über den Ausgang dieſer Er- eigniſſe: allerdings ſey die Chouannerie thätiger ge- worden, aber es ſey darum noch keine Vendee von 1793. — Weit bedenklicher lauten die Berichte in den Provinzial-Blättern und die Privatbriefe in den hieſigen Zeitungen. Ein Privat-Schreiben aus Angers vom 27 v. M. im Meſſager meldet: “Jn dieſem Augenblicke dürften die Sturmglocken in allen Dörfern der Vendee ertönen. Angeſehene Männer in großer Anzahl befinden ſich daſelbſt und organiſiren den Aufſtand. Jn den Schlöſſern und Bauerhöfen werden Verſammlungen gehalten, und Geld mit vollen Händen ausgeſtreut. Statt der zer- ſtreuten Haufen von 15 bis 50 Mann, zeigen ſich jetzt Banden von 3- bis 400. Eben ſo verbreitet ſich die Jnſurrection im ganzen Maine-und-Loire-Departe- ment. Bei Salbé hat ſich ein Haufe von 400 Mann unter Waffen gezeigt; ein angeſehener Ad- liger iſt daſelbſt verhaftet worden. Jn vielen an- dren Gemeinden erwartet man jeden Augenblick den Ausbruch. Die Operationen ſind zuſammenhängend und gehen von einem Central-Punkte aus. An der Spitze dieſer Bewegung muß ein bedeutender Mann ſtehen, wofür man den Marſchall Bourmont hält; ein Sohn deſſelben iſt kürzlich in dieſer Gegend er- blickt worden. Die Carliſten haben außerordent- liche Opfer gebracht, ſich ſelbſt Steuern aufgelegt und ihre Güter belaſtet. Einer von ihnen, der zu ſchwanken ſchien, wurde durch Drohungen gezwun-

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Britt-Marie Schuster, Manuel Wille, Arnika Lutz: Bereitstellung der Texttranskription. (2014-09-26T13:06:02Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

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Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): wie Vorlage; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




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Zitationshilfe: Staats und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheiischen Correspondenten. Nr. 133, Hamburg, 6. Juni 1832, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hc_1330606_1832/1>, abgerufen am 11.04.2021.