geeignet wäre, die universelle Kirche in ihren Ansprüchen und Plänen neu zu bestärken. Dem gegenüber dürfte seitens Derjenigen, die mit Goethe die "innerliche Grenzenlosigkeit" erstreben, die stärkste Betonung der äusserlichen Grenzen, d. h. der freien Persönlichkeit, der reinen Rasse, der unabhängigen Nation am Platze sein. Und während Leo XIII. unsere Zeitgenossen mit vollem Recht (von seinem Stand- punkt aus) auf Gregor VII. und Thomas von Aquin hinweist, werden solche Männer mit ebenso grossem Recht auf Karl den Einfältigen und Wilhelm den Eroberer, auf Walther von der Vogelweide und Petrus Waldus, auf jenen Schmiedegesellen, der dem "fremden" Papst nicht gehorchen wollte, hinweisen, sowie auf die grosse schweigende Bewegung der Innungen, der Städtebünde, der profanen Universitäten, die an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, als erstes Symptom einer neuen, nationalen, antiuniversellen Gestaltung der Gesellschaft, einer neuen, durchaus antirömischen Kultur sich in ganz Europa bemerkbar zu machen begann.
Nun handelt es sich bei diesem Kampf aber durchaus nicht lediglich um den nationalen weltlichen Staat in seinem Gegensatz zum universellen kirchlichen Staate, sondern wo auch immer wir Univer- salismus antreffen, ist Antinationalismus und Antiindividualismus sein notwendiges Korrelat. Es braucht auch gar nicht bewusster Univer- salismus zu sein, es genügt, dass eine Idee auf Absolutes, auf äusser- lich Unbegrenztes hinzielt. So führt z. B. jeder konsequent durch- dachte Sozialismus auf den absoluten Staat. Die Sozialisten kurzweg als eine "staatsgefährliche Partei" bezeichnen, wie das gewöhnlich geschieht, heisst eine jener Konfusionen hervorrufen, wie unsere Zeit sie besonders lieb hat. Freilich bedeutet der Sozialismus eine Gefahr für die einzelnen nationalen Staaten, wie überhaupt für das Prinzip des Individualismus, doch nicht für die Idee des Staates. Er bekennt ehrlich seinen Internationalismus, bekundet jedoch sein Wesen nicht im Auflösen, sondern in einer fabelhaft durchgeführten, gleichsam den Maschinen abgeguckten Organisation. In beiden Dingen verrät er die Verwandtschaft mit Rom. In der That, er vertritt dieselbe katholische Idee wie die Kirche, wenngleich er sie am anderen Ende anfasst. Darum ist in seinem System ebenfalls für individuelle Freiheit und Mannigfaltigkeit, für persönliche Originalität kein Raum. Wer die äusseren Grenzen niederreisst, richtet innere Grenzen auf. Sozialismus ist verkappter Imperialismus; ohne Hierarchie und Primat wird er sich schwerlich durchführen lassen; in der katholischen Kirche findet er
Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 44a
Staat.
geeignet wäre, die universelle Kirche in ihren Ansprüchen und Plänen neu zu bestärken. Dem gegenüber dürfte seitens Derjenigen, die mit Goethe die »innerliche Grenzenlosigkeit« erstreben, die stärkste Betonung der äusserlichen Grenzen, d. h. der freien Persönlichkeit, der reinen Rasse, der unabhängigen Nation am Platze sein. Und während Leo XIII. unsere Zeitgenossen mit vollem Recht (von seinem Stand- punkt aus) auf Gregor VII. und Thomas von Aquin hinweist, werden solche Männer mit ebenso grossem Recht auf Karl den Einfältigen und Wilhelm den Eroberer, auf Walther von der Vogelweide und Petrus Waldus, auf jenen Schmiedegesellen, der dem »fremden« Papst nicht gehorchen wollte, hinweisen, sowie auf die grosse schweigende Bewegung der Innungen, der Städtebünde, der profanen Universitäten, die an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, als erstes Symptom einer neuen, nationalen, antiuniversellen Gestaltung der Gesellschaft, einer neuen, durchaus antirömischen Kultur sich in ganz Europa bemerkbar zu machen begann.
Nun handelt es sich bei diesem Kampf aber durchaus nicht lediglich um den nationalen weltlichen Staat in seinem Gegensatz zum universellen kirchlichen Staate, sondern wo auch immer wir Univer- salismus antreffen, ist Antinationalismus und Antiindividualismus sein notwendiges Korrelat. Es braucht auch gar nicht bewusster Univer- salismus zu sein, es genügt, dass eine Idee auf Absolutes, auf äusser- lich Unbegrenztes hinzielt. So führt z. B. jeder konsequent durch- dachte Sozialismus auf den absoluten Staat. Die Sozialisten kurzweg als eine »staatsgefährliche Partei« bezeichnen, wie das gewöhnlich geschieht, heisst eine jener Konfusionen hervorrufen, wie unsere Zeit sie besonders lieb hat. Freilich bedeutet der Sozialismus eine Gefahr für die einzelnen nationalen Staaten, wie überhaupt für das Prinzip des Individualismus, doch nicht für die Idee des Staates. Er bekennt ehrlich seinen Internationalismus, bekundet jedoch sein Wesen nicht im Auflösen, sondern in einer fabelhaft durchgeführten, gleichsam den Maschinen abgeguckten Organisation. In beiden Dingen verrät er die Verwandtschaft mit Rom. In der That, er vertritt dieselbe katholische Idee wie die Kirche, wenngleich er sie am anderen Ende anfasst. Darum ist in seinem System ebenfalls für individuelle Freiheit und Mannigfaltigkeit, für persönliche Originalität kein Raum. Wer die äusseren Grenzen niederreisst, richtet innere Grenzen auf. Sozialismus ist verkappter Imperialismus; ohne Hierarchie und Primat wird er sich schwerlich durchführen lassen; in der katholischen Kirche findet er
Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 44a
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geeignet wäre, die universelle Kirche in ihren Ansprüchen und Plänen
neu zu bestärken. Dem gegenüber dürfte seitens Derjenigen, die mit
Goethe die »innerliche Grenzenlosigkeit« erstreben, die stärkste Betonung
der äusserlichen Grenzen, d. h. der freien Persönlichkeit, der reinen
Rasse, der unabhängigen Nation am Platze sein. Und während
Leo XIII. unsere Zeitgenossen mit vollem Recht (von seinem Stand-
punkt aus) auf Gregor VII. und Thomas von Aquin hinweist, werden
solche Männer mit ebenso grossem Recht auf Karl den Einfältigen
und Wilhelm den Eroberer, auf Walther von der Vogelweide und
Petrus Waldus, auf jenen Schmiedegesellen, der dem »fremden« Papst
nicht gehorchen wollte, hinweisen, sowie auf die grosse schweigende
Bewegung der Innungen, der Städtebünde, der profanen Universitäten,
die an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, als erstes
Symptom einer neuen, nationalen, antiuniversellen Gestaltung der
Gesellschaft, einer neuen, durchaus antirömischen Kultur sich in ganz
Europa bemerkbar zu machen begann.
Nun handelt es sich bei diesem Kampf aber durchaus nicht
lediglich um den nationalen weltlichen Staat in seinem Gegensatz zum
universellen kirchlichen Staate, sondern wo auch immer wir Univer-
salismus antreffen, ist Antinationalismus und Antiindividualismus sein
notwendiges Korrelat. Es braucht auch gar nicht bewusster Univer-
salismus zu sein, es genügt, dass eine Idee auf Absolutes, auf äusser-
lich Unbegrenztes hinzielt. So führt z. B. jeder konsequent durch-
dachte Sozialismus auf den absoluten Staat. Die Sozialisten kurzweg
als eine »staatsgefährliche Partei« bezeichnen, wie das gewöhnlich
geschieht, heisst eine jener Konfusionen hervorrufen, wie unsere Zeit
sie besonders lieb hat. Freilich bedeutet der Sozialismus eine Gefahr
für die einzelnen nationalen Staaten, wie überhaupt für das Prinzip
des Individualismus, doch nicht für die Idee des Staates. Er bekennt
ehrlich seinen Internationalismus, bekundet jedoch sein Wesen nicht
im Auflösen, sondern in einer fabelhaft durchgeführten, gleichsam den
Maschinen abgeguckten Organisation. In beiden Dingen verrät er die
Verwandtschaft mit Rom. In der That, er vertritt dieselbe katholische
Idee wie die Kirche, wenngleich er sie am anderen Ende anfasst.
Darum ist in seinem System ebenfalls für individuelle Freiheit und
Mannigfaltigkeit, für persönliche Originalität kein Raum. Wer die
äusseren Grenzen niederreisst, richtet innere Grenzen auf. Sozialismus
ist verkappter Imperialismus; ohne Hierarchie und Primat wird er sich
schwerlich durchführen lassen; in der katholischen Kirche findet er
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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 681. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/160>, abgerufen am 27.02.2025.
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