Schon im 6. Jahrhundert finden wir Zeugnisse, dass die Schilde ein beliebter Gegenstand der Dekoration durch die Kunst des Gold- schmiedes gewesen waren. Gregor von Tours erwähnt eines reich in Gold verzierten und mit Steinen besetzten Schildes, welchen Brune- haut dem Könige von Spanien sendet.
Es ist bezeichnend, dass im 11. Jahrhundert, zur Zeit Haralds III. von Norwegen, die ersten Spuren von einer Bemalung der Schilde mit abenteuerlichen und abschreckenden Figuren angetroffen werden. Diese rohen Anfänge der Heraldik lassen damit auf ihre orientalische Herkunft schliessen. Der normanische Schild, von Holz mit Kreide- grund, schmal, unterhalb spitz zulaufend und oberhalb rund ab- schliessend, kann als das Urbild aller späteren Schildformen des Mittelalters betrachtet werden. (Fig. 181, 184.)
Die Grösse des Reiterschildes in jener von der römischen wesentlich abweichenden Form, wie selbe durch die Normanen zuerst in Gebrauch kam, war im Hinblicke auf die primitive Harnischaus- rüstung wohlberechnet. Da diese den Schlagwaffen nicht widerstand, bedurfte man einer Schutzwaffe, welche den Reiter vom Fuss bis an die Schulter zu decken im stande war. Die Schilde des 11. und 12. Jahrhunderts hatten darum auch eine bedeutende Länge. Im mehrgenannten Teppich von Bayeux ist in der Schildform zwischen der Reiterei und dem Fussvolke kein Unterschied zu erkennen, sie eignete sich eben für beide gleich gut. Die Fusssoldaten reihten sich dicht aneinander, so dass ihre langen Schilde, einer über den anderen gelegt, eine feste, schusssichere Wand bildeten. Die Sorge um die Festigkeit des Schildes führte darauf, sie zu beschlagen und mit einem Schildbuckel auszustatten, von welchem aus die Eisenbänder gehalten wurden.
Gerade um diese Zeit wird der Harnisch aber in seiner Festig- keit wesentlich verbessert. Dieser bedeutende, aus den Erfahrungen in den Kreuzzügen hervorgetretene Erfolg war zunächst Ursache, dass im Verlaufe des 13. Jahrhunderts der Reiterschild allmählich kürzer wurde, so dass er nun nur noch vom Sattelsteg bis an das Kinn reichte. Die Seitenränder sind noch stark kolbig gegen die Spitze laufend, aber der Oberrand wird nun flacher gebildet, denn für die Deckung des Gesichtes ist durch die neue Helmform ausreichend vor- gesorgt. Der Schild, anfänglich noch gewölbt, wird flacher, und Schildbuckel und Beschläge verschwinden nach und nach. In den älteren Teilen des Nibelungenliedes, welche vor den Beginn der Epoche des Minnegesanges im 12. Jahrhundert zu reihen sind, sehen wir noch die Schilde mit Edelsteinen besetzt, ebenso auch den Riemen, welcher, um den Schild zu tragen, um den Hals geschlungen wurde (schiltvezzel). Ebenso ist wiederholt des "schiltgespenges", des Beschlages der Schilde aus Bronze Erwähnung gethan. Leb- haft tritt in der Dichtung die Sorge zu Tage, den Schild breit und
I. Die Schutzwaffen.
Schon im 6. Jahrhundert finden wir Zeugnisse, daſs die Schilde ein beliebter Gegenstand der Dekoration durch die Kunst des Gold- schmiedes gewesen waren. Gregor von Tours erwähnt eines reich in Gold verzierten und mit Steinen besetzten Schildes, welchen Brune- haut dem Könige von Spanien sendet.
Es ist bezeichnend, daſs im 11. Jahrhundert, zur Zeit Haralds III. von Norwegen, die ersten Spuren von einer Bemalung der Schilde mit abenteuerlichen und abschreckenden Figuren angetroffen werden. Diese rohen Anfänge der Heraldik lassen damit auf ihre orientalische Herkunft schlieſsen. Der normanische Schild, von Holz mit Kreide- grund, schmal, unterhalb spitz zulaufend und oberhalb rund ab- schlieſsend, kann als das Urbild aller späteren Schildformen des Mittelalters betrachtet werden. (Fig. 181, 184.)
Die Gröſse des Reiterschildes in jener von der römischen wesentlich abweichenden Form, wie selbe durch die Normanen zuerst in Gebrauch kam, war im Hinblicke auf die primitive Harnischaus- rüstung wohlberechnet. Da diese den Schlagwaffen nicht widerstand, bedurfte man einer Schutzwaffe, welche den Reiter vom Fuſs bis an die Schulter zu decken im stande war. Die Schilde des 11. und 12. Jahrhunderts hatten darum auch eine bedeutende Länge. Im mehrgenannten Teppich von Bayeux ist in der Schildform zwischen der Reiterei und dem Fuſsvolke kein Unterschied zu erkennen, sie eignete sich eben für beide gleich gut. Die Fuſssoldaten reihten sich dicht aneinander, so daſs ihre langen Schilde, einer über den anderen gelegt, eine feste, schuſssichere Wand bildeten. Die Sorge um die Festigkeit des Schildes führte darauf, sie zu beschlagen und mit einem Schildbuckel auszustatten, von welchem aus die Eisenbänder gehalten wurden.
Gerade um diese Zeit wird der Harnisch aber in seiner Festig- keit wesentlich verbessert. Dieser bedeutende, aus den Erfahrungen in den Kreuzzügen hervorgetretene Erfolg war zunächst Ursache, daſs im Verlaufe des 13. Jahrhunderts der Reiterschild allmählich kürzer wurde, so daſs er nun nur noch vom Sattelsteg bis an das Kinn reichte. Die Seitenränder sind noch stark kolbig gegen die Spitze laufend, aber der Oberrand wird nun flacher gebildet, denn für die Deckung des Gesichtes ist durch die neue Helmform ausreichend vor- gesorgt. Der Schild, anfänglich noch gewölbt, wird flacher, und Schildbuckel und Beschläge verschwinden nach und nach. In den älteren Teilen des Nibelungenliedes, welche vor den Beginn der Epoche des Minnegesanges im 12. Jahrhundert zu reihen sind, sehen wir noch die Schilde mit Edelsteinen besetzt, ebenso auch den Riemen, welcher, um den Schild zu tragen, um den Hals geschlungen wurde (schiltvezzel). Ebenso ist wiederholt des „schiltgespenges“, des Beschlages der Schilde aus Bronze Erwähnung gethan. Leb- haft tritt in der Dichtung die Sorge zu Tage, den Schild breit und
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I. Die Schutzwaffen.
Schon im 6. Jahrhundert finden wir Zeugnisse, daſs die Schilde
ein beliebter Gegenstand der Dekoration durch die Kunst des Gold-
schmiedes gewesen waren. Gregor von Tours erwähnt eines reich in
Gold verzierten und mit Steinen besetzten Schildes, welchen Brune-
haut dem Könige von Spanien sendet.
Es ist bezeichnend, daſs im 11. Jahrhundert, zur Zeit Haralds III.
von Norwegen, die ersten Spuren von einer Bemalung der Schilde
mit abenteuerlichen und abschreckenden Figuren angetroffen werden.
Diese rohen Anfänge der Heraldik lassen damit auf ihre orientalische
Herkunft schlieſsen. Der normanische Schild, von Holz mit Kreide-
grund, schmal, unterhalb spitz zulaufend und oberhalb rund ab-
schlieſsend, kann als das Urbild aller späteren Schildformen des
Mittelalters betrachtet werden. (Fig. 181, 184.)
Die Gröſse des Reiterschildes in jener von der römischen
wesentlich abweichenden Form, wie selbe durch die Normanen zuerst
in Gebrauch kam, war im Hinblicke auf die primitive Harnischaus-
rüstung wohlberechnet. Da diese den Schlagwaffen nicht widerstand,
bedurfte man einer Schutzwaffe, welche den Reiter vom Fuſs bis
an die Schulter zu decken im stande war. Die Schilde des
11. und 12. Jahrhunderts hatten darum auch eine bedeutende Länge.
Im mehrgenannten Teppich von Bayeux ist in der Schildform zwischen
der Reiterei und dem Fuſsvolke kein Unterschied zu erkennen, sie
eignete sich eben für beide gleich gut. Die Fuſssoldaten reihten sich
dicht aneinander, so daſs ihre langen Schilde, einer über den anderen
gelegt, eine feste, schuſssichere Wand bildeten. Die Sorge um die
Festigkeit des Schildes führte darauf, sie zu beschlagen und mit einem
Schildbuckel auszustatten, von welchem aus die Eisenbänder gehalten
wurden.
Gerade um diese Zeit wird der Harnisch aber in seiner Festig-
keit wesentlich verbessert. Dieser bedeutende, aus den Erfahrungen
in den Kreuzzügen hervorgetretene Erfolg war zunächst Ursache, daſs
im Verlaufe des 13. Jahrhunderts der Reiterschild allmählich kürzer
wurde, so daſs er nun nur noch vom Sattelsteg bis an das Kinn
reichte. Die Seitenränder sind noch stark kolbig gegen die Spitze
laufend, aber der Oberrand wird nun flacher gebildet, denn für die
Deckung des Gesichtes ist durch die neue Helmform ausreichend vor-
gesorgt. Der Schild, anfänglich noch gewölbt, wird flacher, und
Schildbuckel und Beschläge verschwinden nach und nach. In
den älteren Teilen des Nibelungenliedes, welche vor den Beginn
der Epoche des Minnegesanges im 12. Jahrhundert zu reihen sind,
sehen wir noch die Schilde mit Edelsteinen besetzt, ebenso auch den
Riemen, welcher, um den Schild zu tragen, um den Hals geschlungen
wurde (schiltvezzel). Ebenso ist wiederholt des „schiltgespenges“,
des Beschlages der Schilde aus Bronze Erwähnung gethan. Leb-
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Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890, S. 174. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boeheim_waffenkunde_1890/192>, abgerufen am 28.11.2024.
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