Bismarck, Otto von: Gedanken und Erinnerungen. Bd. 1. Stuttgart, 1898.Gespräch mit Prittwitz. Fürst Lichnowski. Adreßdebatte. erwiderte der König: "Nein," -- "Sie sind aber schon auf dem Ab¬marsch," sagte der Adjutant und führte den König an ein Fenster. Der Schloßplatz war schwarz von Civilisten, hinter denen noch die letzten Bajonette der abziehenden Soldaten zu sehn waren. "Das habe ich nicht befohlen, das kann nicht sein," rief der König aus und hatte den Ausdruck der Bestürzung und Entrüstung. Ueber den Fürsten Lichnowski wurde mir erzählt, daß er ab¬ II. In der kurzen Session des Zweiten Vereinigten Landtags sagte "Ich bin einer der wenigen, welche gegen die Adresse stimmen 1) Politische Reden Bd. I S. 45 f.
Geſpräch mit Prittwitz. Fürſt Lichnowſki. Adreßdebatte. erwiderte der König: „Nein,“ — „Sie ſind aber ſchon auf dem Ab¬marſch,“ ſagte der Adjutant und führte den König an ein Fenſter. Der Schloßplatz war ſchwarz von Civiliſten, hinter denen noch die letzten Bajonette der abziehenden Soldaten zu ſehn waren. „Das habe ich nicht befohlen, das kann nicht ſein,“ rief der König aus und hatte den Ausdruck der Beſtürzung und Entrüſtung. Ueber den Fürſten Lichnowſki wurde mir erzählt, daß er ab¬ II. In der kurzen Seſſion des Zweiten Vereinigten Landtags ſagte „Ich bin einer der wenigen, welche gegen die Adreſſe ſtimmen 1) Politiſche Reden Bd. I S. 45 f.
<TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0058" n="31"/><fw place="top" type="header">Geſpräch mit Prittwitz. Fürſt Lichnowſki. Adreßdebatte.<lb/></fw> erwiderte der König: „Nein,“ — „Sie ſind aber ſchon auf dem Ab¬<lb/> marſch,“ ſagte der Adjutant und führte den König an ein Fenſter.<lb/> Der Schloßplatz war ſchwarz von Civiliſten, hinter denen noch die<lb/> letzten Bajonette der abziehenden Soldaten zu ſehn waren. „Das<lb/> habe ich nicht befohlen, das kann nicht ſein,“ rief der König aus<lb/> und hatte den Ausdruck der Beſtürzung und Entrüſtung.</p><lb/> <p>Ueber den Fürſten Lichnowſki wurde mir erzählt, daß er ab¬<lb/> wechſelnd oben im Schloſſe einſchüchternde Nachrichten über Schwäche<lb/> der Truppen, Mangel an Lebensmitteln und Munition verbreitet<lb/> und unten auf dem Platze den Aufſtändiſchen deutſch und polniſch<lb/> zugeredet habe auszuhalten, oben habe man den Muth verloren.</p><lb/> </div> <div n="2"> <head> <hi rendition="#aq">II.</hi><lb/> </head> <p>In der kurzen Seſſion des Zweiten Vereinigten Landtags ſagte<lb/> ich am 2. April<note place="foot" n="1)"><lb/> Politiſche Reden Bd. <hi rendition="#aq">I</hi> S. 45 f.</note>:</p><lb/> <p>„Ich bin einer der wenigen, welche gegen die Adreſſe ſtimmen<lb/> werden, und ich habe um das Wort nur deshalb gebeten, um dieſe<lb/> Abſtimmung zu motiviren und Ihnen zu erklären, daß ich die<lb/> Adreſſe, inſoweit ſie ein Programm der Zukunft iſt, ohne Weitres<lb/> acceptire, aber aus dem alleinigen Grunde, weil ich mir nicht<lb/> anders helfen kann. — Nicht freiwillig, ſondern durch den Drang<lb/> der Umſtände getrieben, thue ich es; denn ich habe meine Anſicht<lb/> ſeit den ſechs Monaten nicht gewechſelt; ich glaube, daß dies<lb/> Miniſterium das einzige iſt, welches uns aus der gegenwärtigen<lb/> Lage einem geordneten und geſetzmäßigen Zuſtande zuführen kann,<lb/> und aus dieſem Grunde werde ich demſelben meine geringe Unter¬<lb/> ſtützung überall widmen, wo es mir möglich iſt. Was mich aber<lb/> veranlaßt, gegen die Adreſſe zu ſtimmen, ſind die Aeußerungen von<lb/> Freude und Dank für das, was in den letzten Tagen geſchehn iſt.<lb/> Die Vergangenheit iſt begraben, und ich bedaure es ſchmerzlicher<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [31/0058]
Geſpräch mit Prittwitz. Fürſt Lichnowſki. Adreßdebatte.
erwiderte der König: „Nein,“ — „Sie ſind aber ſchon auf dem Ab¬
marſch,“ ſagte der Adjutant und führte den König an ein Fenſter.
Der Schloßplatz war ſchwarz von Civiliſten, hinter denen noch die
letzten Bajonette der abziehenden Soldaten zu ſehn waren. „Das
habe ich nicht befohlen, das kann nicht ſein,“ rief der König aus
und hatte den Ausdruck der Beſtürzung und Entrüſtung.
Ueber den Fürſten Lichnowſki wurde mir erzählt, daß er ab¬
wechſelnd oben im Schloſſe einſchüchternde Nachrichten über Schwäche
der Truppen, Mangel an Lebensmitteln und Munition verbreitet
und unten auf dem Platze den Aufſtändiſchen deutſch und polniſch
zugeredet habe auszuhalten, oben habe man den Muth verloren.
II.
In der kurzen Seſſion des Zweiten Vereinigten Landtags ſagte
ich am 2. April 1):
„Ich bin einer der wenigen, welche gegen die Adreſſe ſtimmen
werden, und ich habe um das Wort nur deshalb gebeten, um dieſe
Abſtimmung zu motiviren und Ihnen zu erklären, daß ich die
Adreſſe, inſoweit ſie ein Programm der Zukunft iſt, ohne Weitres
acceptire, aber aus dem alleinigen Grunde, weil ich mir nicht
anders helfen kann. — Nicht freiwillig, ſondern durch den Drang
der Umſtände getrieben, thue ich es; denn ich habe meine Anſicht
ſeit den ſechs Monaten nicht gewechſelt; ich glaube, daß dies
Miniſterium das einzige iſt, welches uns aus der gegenwärtigen
Lage einem geordneten und geſetzmäßigen Zuſtande zuführen kann,
und aus dieſem Grunde werde ich demſelben meine geringe Unter¬
ſtützung überall widmen, wo es mir möglich iſt. Was mich aber
veranlaßt, gegen die Adreſſe zu ſtimmen, ſind die Aeußerungen von
Freude und Dank für das, was in den letzten Tagen geſchehn iſt.
Die Vergangenheit iſt begraben, und ich bedaure es ſchmerzlicher
1)
Politiſche Reden Bd. I S. 45 f.
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |