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Wrangel, Carl Gustav: Das Luxus-Fuhrwerk. Stuttgart, 1898.

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Historisches.
unter diesen auch Mietwagen befanden, durch die sie sich in
ihrem Erwerb bedroht fühlten. Es gehört daher auch keines-
wegs zu den Seltenheiten, dass letztere an besonders schmutzigen
Stellen der Strasse urplötzlich von mutwilligen Händen umge-
worfen wurden. Sogar die Regierung liess es nicht an Versuchen
fehlen, dem aufblühenden Fahrsport durch allerlei vexatorische
Bestimmungen den Garaus zu machen, und zwar unter dem
Vorwande, dass die Ohren des Königs, der Königin und des
Adels durch das Wagengerassel beleidigt würden! So wurde
z. B. in einem Erlasse angeordnet, dass in London, Westminster
und den Vorstädten nur derjenige sich einer Kutsche bedienen
dürfe, der vier kräftige Pferde zur Verfügung des Königs stelle.
Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, dass dieselbe
Regierung ein Edikt nach dem anderen zu dem Zwecke erliess,
die rapid zunehmende Entwicklung der Hauptstadt innerhalb eng
begrenzter Schranken zu halten. Doch ebenso gut hätte sie den
Meereswogen Einhalt gebieten können. Londons Umfang nahm
von Jahr zu Jahr gewaltigere Dimensionen an, und was die
Kutschwagen anbelangt, soll deren Anzahl anno 1636 in London
und Umgebung bereits 6000 Stück betragen haben.

Anfangs wurden diese Wagen nur von zwei Pferden gezogen.
Bald aber erhielt der Adel das Privilegium vierspännig zu fahren
und aus dem Viererzug machten die Grossen des Königs all-
mählich Sechser- und Achterzüge. Hierdurch erlitt der mit der
Entwicklung der Hauptstadt Schritt haltende Massenverkehr
selbstverständlich eine gewaltige Störung. Ausserdem erschien
es unvereinbar mit der aristokratischen Würde, dass eine Kutsche
in welcher vielleicht sechs Edelleute Platz genommen, von einem
mit ebenso vielen Bierfässern beladenen Lastwagen aufgehalten
werden konnte. Viele Mitglieder des hohen Adels begannen
daher den weniger Platz in Anspruch nehmenden Sänften (Fig. 3)
den Vorzug zu geben.

In Deutschland erschien die erste Karrosse mit Glasfenstern
im Jahre 1610. Diese war für zwei Personen berechnet und soll

Historisches.
unter diesen auch Mietwagen befanden, durch die sie sich in
ihrem Erwerb bedroht fühlten. Es gehört daher auch keines-
wegs zu den Seltenheiten, dass letztere an besonders schmutzigen
Stellen der Strasse urplötzlich von mutwilligen Händen umge-
worfen wurden. Sogar die Regierung liess es nicht an Versuchen
fehlen, dem aufblühenden Fahrsport durch allerlei vexatorische
Bestimmungen den Garaus zu machen, und zwar unter dem
Vorwande, dass die Ohren des Königs, der Königin und des
Adels durch das Wagengerassel beleidigt würden! So wurde
z. B. in einem Erlasse angeordnet, dass in London, Westminster
und den Vorstädten nur derjenige sich einer Kutsche bedienen
dürfe, der vier kräftige Pferde zur Verfügung des Königs stelle.
Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, dass dieselbe
Regierung ein Edikt nach dem anderen zu dem Zwecke erliess,
die rapid zunehmende Entwicklung der Hauptstadt innerhalb eng
begrenzter Schranken zu halten. Doch ebenso gut hätte sie den
Meereswogen Einhalt gebieten können. Londons Umfang nahm
von Jahr zu Jahr gewaltigere Dimensionen an, und was die
Kutschwagen anbelangt, soll deren Anzahl anno 1636 in London
und Umgebung bereits 6000 Stück betragen haben.

Anfangs wurden diese Wagen nur von zwei Pferden gezogen.
Bald aber erhielt der Adel das Privilegium vierspännig zu fahren
und aus dem Viererzug machten die Grossen des Königs all-
mählich Sechser- und Achterzüge. Hierdurch erlitt der mit der
Entwicklung der Hauptstadt Schritt haltende Massenverkehr
selbstverständlich eine gewaltige Störung. Ausserdem erschien
es unvereinbar mit der aristokratischen Würde, dass eine Kutsche
in welcher vielleicht sechs Edelleute Platz genommen, von einem
mit ebenso vielen Bierfässern beladenen Lastwagen aufgehalten
werden konnte. Viele Mitglieder des hohen Adels begannen
daher den weniger Platz in Anspruch nehmenden Sänften (Fig. 3)
den Vorzug zu geben.

In Deutschland erschien die erste Karrosse mit Glasfenstern
im Jahre 1610. Diese war für zwei Personen berechnet und soll

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[4/0018] Historisches. unter diesen auch Mietwagen befanden, durch die sie sich in ihrem Erwerb bedroht fühlten. Es gehört daher auch keines- wegs zu den Seltenheiten, dass letztere an besonders schmutzigen Stellen der Strasse urplötzlich von mutwilligen Händen umge- worfen wurden. Sogar die Regierung liess es nicht an Versuchen fehlen, dem aufblühenden Fahrsport durch allerlei vexatorische Bestimmungen den Garaus zu machen, und zwar unter dem Vorwande, dass die Ohren des Königs, der Königin und des Adels durch das Wagengerassel beleidigt würden! So wurde z. B. in einem Erlasse angeordnet, dass in London, Westminster und den Vorstädten nur derjenige sich einer Kutsche bedienen dürfe, der vier kräftige Pferde zur Verfügung des Königs stelle. Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, dass dieselbe Regierung ein Edikt nach dem anderen zu dem Zwecke erliess, die rapid zunehmende Entwicklung der Hauptstadt innerhalb eng begrenzter Schranken zu halten. Doch ebenso gut hätte sie den Meereswogen Einhalt gebieten können. Londons Umfang nahm von Jahr zu Jahr gewaltigere Dimensionen an, und was die Kutschwagen anbelangt, soll deren Anzahl anno 1636 in London und Umgebung bereits 6000 Stück betragen haben. Anfangs wurden diese Wagen nur von zwei Pferden gezogen. Bald aber erhielt der Adel das Privilegium vierspännig zu fahren und aus dem Viererzug machten die Grossen des Königs all- mählich Sechser- und Achterzüge. Hierdurch erlitt der mit der Entwicklung der Hauptstadt Schritt haltende Massenverkehr selbstverständlich eine gewaltige Störung. Ausserdem erschien es unvereinbar mit der aristokratischen Würde, dass eine Kutsche in welcher vielleicht sechs Edelleute Platz genommen, von einem mit ebenso vielen Bierfässern beladenen Lastwagen aufgehalten werden konnte. Viele Mitglieder des hohen Adels begannen daher den weniger Platz in Anspruch nehmenden Sänften (Fig. 3) den Vorzug zu geben. In Deutschland erschien die erste Karrosse mit Glasfenstern im Jahre 1610. Diese war für zwei Personen berechnet und soll

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Zitationshilfe: Wrangel, Carl Gustav: Das Luxus-Fuhrwerk. Stuttgart, 1898, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wrangel_luxusfuhrwerk_1898/18>, abgerufen am 19.09.2019.