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Wrangel, Carl Gustav: Das Luxus-Fuhrwerk. Stuttgart, 1898.

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Historisches.
sich der Kurfürst von Köln jedoch mit 14 Wagen einge-
funden haben. Um dieselbe Zeit, oder im Jahre 1568, wurde
auch eine wichtige Veränderung in der Konstruktion der Wagen
vorgenommen. Anstatt den Kasten wie bisher direkt auf den
Achsen ruhen zu lassen, begann man ihn mittelst lederner Riemen
ober dem Gestell zu befestigen. Merkwürdigerweise gelang es
dieser gewiss sehr einleuchtenden Verbesserung nur sehr langsam
grössere Verbreitung zu finden; wenigstens zeigte der Wagen,
in welchem Heinrich VII. anno 1610 in Paris ermordet wurde,
noch die ältere, Herz und Nieren prüfende Konstruktion.*) Das-
selbe gilt mit Bezug auf die erste in England gebaute Kutsche,
der vermutlich ein im Jahre 1555 vom Kontinent importierter,
gedeckter Wagen als Vorbild gedient hat, denn falls wir Stow's
"Chronicle" Glauben schenken dürfen, war dieser der erste
seiner Gattung, den die Engländer zu Gesicht bekommen haben.
Ein Blick auf nachstehende Zeichnung (Fig. 1) giebt zu erkennen,
welche Martern die "jungfräuliche Königin" Elisabeth, wie auch
ihre zarten Hofdamen haben erleiden müssen, wenn sie genötigt
waren in diesen primitiven, wenn auch prunkvoll ausgestatteten
Kasten eine über das jeder Beschreibung spottende Strassen-
pflaster der Hauptstadt oder die noch elenderen Landwege
führende Fahrt zu unternehmen. Kein Wunder daher, dass noch
zur Zeit der Königin Elisabeth sowohl Männlein wie auch Fräulein
weit lieber den in sanft schaukelndem Passgang einherschreitenden
Zelter bestiegen, als sich in den Prachtkutschen ihrer Königin
alle Knochen durcheinander rütteln zu lassen. (Fig. 2.)

Populär waren diese ersten Kutschen in England überhaupt
nicht. Taylor, der sog. Wasserpoet, schreibt mit Bezug hierauf:
"In jenen Tagen war eine Kutsche ein ungeheuerliches Ding,
dessen Anblick Menschen und Pferde mit Schrecken erfüllte.
Während einige behaupteten es sei eine aus China stammende

*) Siehe "Das Buch vom Pferde" von Graf C. G. Wrangel, III. Auflage, Band I,
pag. 384, Verlag von Schickhardt & Ebner (Konrad Wittwer) in Stuttgart.

Historisches.
sich der Kurfürst von Köln jedoch mit 14 Wagen einge-
funden haben. Um dieselbe Zeit, oder im Jahre 1568, wurde
auch eine wichtige Veränderung in der Konstruktion der Wagen
vorgenommen. Anstatt den Kasten wie bisher direkt auf den
Achsen ruhen zu lassen, begann man ihn mittelst lederner Riemen
ober dem Gestell zu befestigen. Merkwürdigerweise gelang es
dieser gewiss sehr einleuchtenden Verbesserung nur sehr langsam
grössere Verbreitung zu finden; wenigstens zeigte der Wagen,
in welchem Heinrich VII. anno 1610 in Paris ermordet wurde,
noch die ältere, Herz und Nieren prüfende Konstruktion.*) Das-
selbe gilt mit Bezug auf die erste in England gebaute Kutsche,
der vermutlich ein im Jahre 1555 vom Kontinent importierter,
gedeckter Wagen als Vorbild gedient hat, denn falls wir Stow’s
Chronicle“ Glauben schenken dürfen, war dieser der erste
seiner Gattung, den die Engländer zu Gesicht bekommen haben.
Ein Blick auf nachstehende Zeichnung (Fig. 1) giebt zu erkennen,
welche Martern die „jungfräuliche Königin“ Elisabeth, wie auch
ihre zarten Hofdamen haben erleiden müssen, wenn sie genötigt
waren in diesen primitiven, wenn auch prunkvoll ausgestatteten
Kasten eine über das jeder Beschreibung spottende Strassen-
pflaster der Hauptstadt oder die noch elenderen Landwege
führende Fahrt zu unternehmen. Kein Wunder daher, dass noch
zur Zeit der Königin Elisabeth sowohl Männlein wie auch Fräulein
weit lieber den in sanft schaukelndem Passgang einherschreitenden
Zelter bestiegen, als sich in den Prachtkutschen ihrer Königin
alle Knochen durcheinander rütteln zu lassen. (Fig. 2.)

Populär waren diese ersten Kutschen in England überhaupt
nicht. Taylor, der sog. Wasserpoet, schreibt mit Bezug hierauf:
„In jenen Tagen war eine Kutsche ein ungeheuerliches Ding,
dessen Anblick Menschen und Pferde mit Schrecken erfüllte.
Während einige behaupteten es sei eine aus China stammende

*) Siehe „Das Buch vom Pferde“ von Graf C. G. Wrangel, III. Auflage, Band I,
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[2/0016] Historisches. sich der Kurfürst von Köln jedoch mit 14 Wagen einge- funden haben. Um dieselbe Zeit, oder im Jahre 1568, wurde auch eine wichtige Veränderung in der Konstruktion der Wagen vorgenommen. Anstatt den Kasten wie bisher direkt auf den Achsen ruhen zu lassen, begann man ihn mittelst lederner Riemen ober dem Gestell zu befestigen. Merkwürdigerweise gelang es dieser gewiss sehr einleuchtenden Verbesserung nur sehr langsam grössere Verbreitung zu finden; wenigstens zeigte der Wagen, in welchem Heinrich VII. anno 1610 in Paris ermordet wurde, noch die ältere, Herz und Nieren prüfende Konstruktion. *) Das- selbe gilt mit Bezug auf die erste in England gebaute Kutsche, der vermutlich ein im Jahre 1555 vom Kontinent importierter, gedeckter Wagen als Vorbild gedient hat, denn falls wir Stow’s „Chronicle“ Glauben schenken dürfen, war dieser der erste seiner Gattung, den die Engländer zu Gesicht bekommen haben. Ein Blick auf nachstehende Zeichnung (Fig. 1) giebt zu erkennen, welche Martern die „jungfräuliche Königin“ Elisabeth, wie auch ihre zarten Hofdamen haben erleiden müssen, wenn sie genötigt waren in diesen primitiven, wenn auch prunkvoll ausgestatteten Kasten eine über das jeder Beschreibung spottende Strassen- pflaster der Hauptstadt oder die noch elenderen Landwege führende Fahrt zu unternehmen. Kein Wunder daher, dass noch zur Zeit der Königin Elisabeth sowohl Männlein wie auch Fräulein weit lieber den in sanft schaukelndem Passgang einherschreitenden Zelter bestiegen, als sich in den Prachtkutschen ihrer Königin alle Knochen durcheinander rütteln zu lassen. (Fig. 2.) Populär waren diese ersten Kutschen in England überhaupt nicht. Taylor, der sog. Wasserpoet, schreibt mit Bezug hierauf: „In jenen Tagen war eine Kutsche ein ungeheuerliches Ding, dessen Anblick Menschen und Pferde mit Schrecken erfüllte. Während einige behaupteten es sei eine aus China stammende *) Siehe „Das Buch vom Pferde“ von Graf C. G. Wrangel, III. Auflage, Band I, pag. 384, Verlag von Schickhardt & Ebner (Konrad Wittwer) in Stuttgart.

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Zitationshilfe: Wrangel, Carl Gustav: Das Luxus-Fuhrwerk. Stuttgart, 1898, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wrangel_luxusfuhrwerk_1898/16>, abgerufen am 24.05.2019.