Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889.

Bild:
<< vorherige Seite

Das leben des Euripides.
das gegenteil, oder auch der weiberhass wäre durch knabenliebe motiviert
gewesen13) u. s. w.

Wie der mensch Euripides zu den frauen stand, wäre man freilich
verlangend zu erfahren. dass er sie gehasst hätte, ist eine kurzsichtige
abstraction daraus, dass er geneigt ist, allgemeine urteile über das ge-
schlecht abzugeben, und dass diese allerdings von dem cultus und von
der galanterie sehr weit abliegen, die wir aus perioden überkommen
haben, deren gesittung uns doch viel ferner liegt als die attische cultur.
Euripides mag die frauen nicht günstig beurteilt haben: aber er hat sie
studiert. für Pindar Sokrates und die meisten Sokratiker existiren sie
kaum. nicht bloss dass die euripideischen dramen eine fülle weiblicher
charaktere bieten, mit so feinen unterschieden der charakteristik, dass
die männer dagegen stark abfallen: es muss geradezu gesagt werden,
dass Euripides das weib und die durch das verhältnis der geschlechter ent-
stehenden sittlichen conflicte für die poesie entdeckt hat, und dass die
hellenische poesie nicht viel mehr hat tun können, als von diesem seinem
schatze zu zehren. es gibt wenig dichter, denen das weibliche geschlecht
so dankbar zu sein grund hat. aber die frauen, die ihm das verständnis
des weiblichen herzens eröffnet haben, sind für alle ewigkeit verschollen.
wer spielen will, mag annehmen, dass die mutter, die das nächste anrecht
hat, ihm viel gewesen ist. sie hat ja auch für den sohn zu leiden gehabt,
wenn auch wol erst im grabe. wir können freilich nicht einmal die
frage beantworten, wie sie in ein renommee gekommen ist, das sich auf
unsere verhältnisse übertragen etwa so wiedergeben lässt, Kleito hätte
als beruf das pilzesammeln gehabt und ihren kunden haferpilze statt
champignons aufgeschwatzt. den wilden kerbel (skandix, ne legitima quidem
holera
Plin. n. h. 22, 18) der mutter gibt Aristophanes dem Euripides
schon 425 zu hören (Acharn. 478), und zwar als etwas offenbar dem
publicum bekanntes. Kleito war damals lange tot. es wäre leicht sich
einen anlass auszudenken, wenn man den breiten weg der litteratur-

13) Sophokles als den vertreter der knabenliebe, Euripides als den der weiber-
liebe einander entgegenzustellen hat dem peripatetiker Hieronymos von Rhodos be-
liebt, der mehreres über den dichter vorgebracht hat. er hat auch ein ganz albernes
epigramm verfertigt, auf des Sophokles namen (Athen. XIII 604d), aber gleich im
ersten verse mit einem groben metrischen schnitzer und im zweiten wieder mit
einem: denn in khliaino ist die erste sylbe bei allen älteren dichtern, wie ihre natur
ist, lang, und das iota des dativus singularis zu elidiren ist weder dem Sophokles
noch irgend einem sorgsamen dichter des vierten oder angehenden dritten jahrhun-
derts zuzutrauen. dass sich bewunderer dieser sophokleischen elegie gefunden haben,
ist minder zu verwundern, als dass die schnitzer auch sonst nicht gerügt sind.

Das leben des Euripides.
das gegenteil, oder auch der weiberhaſs wäre durch knabenliebe motiviert
gewesen13) u. s. w.

Wie der mensch Euripides zu den frauen stand, wäre man freilich
verlangend zu erfahren. daſs er sie gehaſst hätte, ist eine kurzsichtige
abstraction daraus, daſs er geneigt ist, allgemeine urteile über das ge-
schlecht abzugeben, und daſs diese allerdings von dem cultus und von
der galanterie sehr weit abliegen, die wir aus perioden überkommen
haben, deren gesittung uns doch viel ferner liegt als die attische cultur.
Euripides mag die frauen nicht günstig beurteilt haben: aber er hat sie
studiert. für Pindar Sokrates und die meisten Sokratiker existiren sie
kaum. nicht bloſs daſs die euripideischen dramen eine fülle weiblicher
charaktere bieten, mit so feinen unterschieden der charakteristik, daſs
die männer dagegen stark abfallen: es muſs geradezu gesagt werden,
daſs Euripides das weib und die durch das verhältnis der geschlechter ent-
stehenden sittlichen conflicte für die poesie entdeckt hat, und daſs die
hellenische poesie nicht viel mehr hat tun können, als von diesem seinem
schatze zu zehren. es gibt wenig dichter, denen das weibliche geschlecht
so dankbar zu sein grund hat. aber die frauen, die ihm das verständnis
des weiblichen herzens eröffnet haben, sind für alle ewigkeit verschollen.
wer spielen will, mag annehmen, daſs die mutter, die das nächste anrecht
hat, ihm viel gewesen ist. sie hat ja auch für den sohn zu leiden gehabt,
wenn auch wol erst im grabe. wir können freilich nicht einmal die
frage beantworten, wie sie in ein renommee gekommen ist, das sich auf
unsere verhältnisse übertragen etwa so wiedergeben läſst, Kleito hätte
als beruf das pilzesammeln gehabt und ihren kunden haferpilze statt
champignons aufgeschwatzt. den wilden kerbel (σκάνδιξ, ne legitima quidem
holera
Plin. n. h. 22, 18) der mutter gibt Aristophanes dem Euripides
schon 425 zu hören (Acharn. 478), und zwar als etwas offenbar dem
publicum bekanntes. Kleito war damals lange tot. es wäre leicht sich
einen anlaſs auszudenken, wenn man den breiten weg der litteratur-

13) Sophokles als den vertreter der knabenliebe, Euripides als den der weiber-
liebe einander entgegenzustellen hat dem peripatetiker Hieronymos von Rhodos be-
liebt, der mehreres über den dichter vorgebracht hat. er hat auch ein ganz albernes
epigramm verfertigt, auf des Sophokles namen (Athen. XIII 604d), aber gleich im
ersten verse mit einem groben metrischen schnitzer und im zweiten wieder mit
einem: denn in χλιαίνω ist die erste sylbe bei allen älteren dichtern, wie ihre natur
ist, lang, und das iota des dativus singularis zu elidiren ist weder dem Sophokles
noch irgend einem sorgsamen dichter des vierten oder angehenden dritten jahrhun-
derts zuzutrauen. daſs sich bewunderer dieser sophokleischen elegie gefunden haben,
ist minder zu verwundern, als daſs die schnitzer auch sonst nicht gerügt sind.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0030" n="10"/><fw place="top" type="header">Das leben des Euripides.</fw><lb/>
das gegenteil, oder auch der weiberha&#x017F;s wäre durch knabenliebe motiviert<lb/>
gewesen<note place="foot" n="13)">Sophokles als den vertreter der knabenliebe, Euripides als den der weiber-<lb/>
liebe einander entgegenzustellen hat dem peripatetiker Hieronymos von Rhodos be-<lb/>
liebt, der mehreres über den dichter vorgebracht hat. er hat auch ein ganz albernes<lb/>
epigramm verfertigt, auf des Sophokles namen (Athen. XIII 604<hi rendition="#sup">d</hi>), aber gleich im<lb/>
ersten verse mit einem groben metrischen schnitzer und im zweiten wieder mit<lb/>
einem: denn in &#x03C7;&#x03BB;&#x03B9;&#x03B1;&#x03AF;&#x03BD;&#x03C9; ist die erste sylbe bei allen älteren dichtern, wie ihre natur<lb/>
ist, lang, und das iota des dativus singularis zu elidiren ist weder dem Sophokles<lb/>
noch irgend einem sorgsamen dichter des vierten oder angehenden dritten jahrhun-<lb/>
derts zuzutrauen. da&#x017F;s sich bewunderer dieser sophokleischen elegie gefunden haben,<lb/>
ist minder zu verwundern, als da&#x017F;s die schnitzer auch sonst nicht gerügt sind.</note> u. s. w.</p><lb/>
        <p>Wie der mensch Euripides zu den frauen stand, wäre man freilich<lb/>
verlangend zu erfahren. da&#x017F;s er sie geha&#x017F;st hätte, ist eine kurzsichtige<lb/>
abstraction daraus, da&#x017F;s er geneigt ist, allgemeine urteile über das ge-<lb/>
schlecht abzugeben, und da&#x017F;s diese allerdings von dem cultus und von<lb/>
der galanterie sehr weit abliegen, die wir aus perioden überkommen<lb/>
haben, deren gesittung uns doch viel ferner liegt als die attische cultur.<lb/>
Euripides mag die frauen nicht günstig beurteilt haben: aber er hat sie<lb/>
studiert. für Pindar Sokrates und die meisten Sokratiker existiren sie<lb/>
kaum. nicht blo&#x017F;s da&#x017F;s die euripideischen dramen eine fülle weiblicher<lb/>
charaktere bieten, mit so feinen unterschieden der charakteristik, da&#x017F;s<lb/>
die männer dagegen stark abfallen: es mu&#x017F;s geradezu gesagt werden,<lb/>
da&#x017F;s Euripides das weib und die durch das verhältnis der geschlechter ent-<lb/>
stehenden sittlichen conflicte für die poesie entdeckt hat, und da&#x017F;s die<lb/>
hellenische poesie nicht viel mehr hat tun können, als von diesem seinem<lb/>
schatze zu zehren. es gibt wenig dichter, denen das weibliche geschlecht<lb/>
so dankbar zu sein grund hat. aber die frauen, die ihm das verständnis<lb/>
des weiblichen herzens eröffnet haben, sind für alle ewigkeit verschollen.<lb/>
wer spielen will, mag annehmen, da&#x017F;s die mutter, die das nächste anrecht<lb/>
hat, ihm viel gewesen ist. sie hat ja auch für den sohn zu leiden gehabt,<lb/>
wenn auch wol erst im grabe. wir können freilich nicht einmal die<lb/>
frage beantworten, wie sie in ein renommee gekommen ist, das sich auf<lb/>
unsere verhältnisse übertragen etwa so wiedergeben lä&#x017F;st, Kleito hätte<lb/>
als beruf das pilzesammeln gehabt und ihren kunden haferpilze statt<lb/>
champignons aufgeschwatzt. den wilden kerbel (&#x03C3;&#x03BA;&#x03AC;&#x03BD;&#x03B4;&#x03B9;&#x03BE;, <hi rendition="#i">ne legitima quidem<lb/>
holera</hi> Plin. n. h. 22, 18) der mutter gibt Aristophanes dem Euripides<lb/>
schon 425 zu hören (Acharn. 478), und zwar als etwas offenbar dem<lb/>
publicum bekanntes. Kleito war damals lange tot. es wäre leicht sich<lb/>
einen anla&#x017F;s auszudenken, wenn man den breiten weg der litteratur-<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0030] Das leben des Euripides. das gegenteil, oder auch der weiberhaſs wäre durch knabenliebe motiviert gewesen 13) u. s. w. Wie der mensch Euripides zu den frauen stand, wäre man freilich verlangend zu erfahren. daſs er sie gehaſst hätte, ist eine kurzsichtige abstraction daraus, daſs er geneigt ist, allgemeine urteile über das ge- schlecht abzugeben, und daſs diese allerdings von dem cultus und von der galanterie sehr weit abliegen, die wir aus perioden überkommen haben, deren gesittung uns doch viel ferner liegt als die attische cultur. Euripides mag die frauen nicht günstig beurteilt haben: aber er hat sie studiert. für Pindar Sokrates und die meisten Sokratiker existiren sie kaum. nicht bloſs daſs die euripideischen dramen eine fülle weiblicher charaktere bieten, mit so feinen unterschieden der charakteristik, daſs die männer dagegen stark abfallen: es muſs geradezu gesagt werden, daſs Euripides das weib und die durch das verhältnis der geschlechter ent- stehenden sittlichen conflicte für die poesie entdeckt hat, und daſs die hellenische poesie nicht viel mehr hat tun können, als von diesem seinem schatze zu zehren. es gibt wenig dichter, denen das weibliche geschlecht so dankbar zu sein grund hat. aber die frauen, die ihm das verständnis des weiblichen herzens eröffnet haben, sind für alle ewigkeit verschollen. wer spielen will, mag annehmen, daſs die mutter, die das nächste anrecht hat, ihm viel gewesen ist. sie hat ja auch für den sohn zu leiden gehabt, wenn auch wol erst im grabe. wir können freilich nicht einmal die frage beantworten, wie sie in ein renommee gekommen ist, das sich auf unsere verhältnisse übertragen etwa so wiedergeben läſst, Kleito hätte als beruf das pilzesammeln gehabt und ihren kunden haferpilze statt champignons aufgeschwatzt. den wilden kerbel (σκάνδιξ, ne legitima quidem holera Plin. n. h. 22, 18) der mutter gibt Aristophanes dem Euripides schon 425 zu hören (Acharn. 478), und zwar als etwas offenbar dem publicum bekanntes. Kleito war damals lange tot. es wäre leicht sich einen anlaſs auszudenken, wenn man den breiten weg der litteratur- 13) Sophokles als den vertreter der knabenliebe, Euripides als den der weiber- liebe einander entgegenzustellen hat dem peripatetiker Hieronymos von Rhodos be- liebt, der mehreres über den dichter vorgebracht hat. er hat auch ein ganz albernes epigramm verfertigt, auf des Sophokles namen (Athen. XIII 604d), aber gleich im ersten verse mit einem groben metrischen schnitzer und im zweiten wieder mit einem: denn in χλιαίνω ist die erste sylbe bei allen älteren dichtern, wie ihre natur ist, lang, und das iota des dativus singularis zu elidiren ist weder dem Sophokles noch irgend einem sorgsamen dichter des vierten oder angehenden dritten jahrhun- derts zuzutrauen. daſs sich bewunderer dieser sophokleischen elegie gefunden haben, ist minder zu verwundern, als daſs die schnitzer auch sonst nicht gerügt sind.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/30
Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/30>, abgerufen am 17.10.2019.