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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889.

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Vorwort.
es für dieses gebiet nutzbar machen konnte. das war freilich nicht wenig,
denn mein lehrmeister war Welcker, in dessen werke ich mich mit
leidenschaft vertiefte. damit ist gesagt, dass mich die herrschende tragiker-
kritik nur mit widerwillen erfüllen konnte. und doch gehört ein jeg-
licher seiner zeit an, und mein erstes buch war stark in den irrtümern
der nämlichen methode befangen, gegen die es laut protestirte. ich hatte
es zum äusseren zwecke der habilitation in unverzeihlicher eilfertigkeit
hingeworfen, und wollte es schleunigst durch etwas reiferes ergänzen.
aber ich war noch unreif. zwar widerstand ich der versuchung, die an
mich herantrat, meine collationen zu einer Euripidesausgabe zu ver-
wenden, auch der, ein buch über das drama zu schreiben. aber ich
wähnte doch in kurzer frist eine erklärende ausgabe des Herakles und
dann anderer dramen fertig stellen zu können, weil ich den text fleissig
durchgearbeitet hatte, und bot deshalb der Weidmann'schen buchhand-
lung 1877 diese ausgabe für die Haupt-Sauppe'sche sammlung an. darin
war der gedanke ganz richtig, dass es nützlicher ist, das was man ver-
steht vorzulegen als was man nicht versteht und deshalb ändert, dass es
zunächst gilt zu erklären; aber ich würde meine sache noch nicht ordent-
lich gemacht haben, weil ich zu wenig wusste. zum glücke zwang mich
das lehramt zum lernen, und als ich 1879 den Herakles ernsthaft wieder
angriff, wusste ich wenigstens das drama eingerückt an seinen richtigen
platz sowol in der entwickelung der sage wie in der gesammtentwickelung
der hellenischen geschichte und cultur zu betrachten. und auch sprache
und verskunst hatte ich begonnen geschichtlich zu erfassen. mir selbst
war nicht klar, wie gewaltig die veränderung war; aber ich sehe es jetzt,
wenn ich die excurse zu Euripides Medea mit den Analecta Euripidea
vergleiche. wie ich damals zum Herakles stand, zeigt der text und die
übersetzung, welche 1879 als manuscript gedruckt in vieler händen ist.
der grösste teil des commentars und der einleitung war auch ausgearbeitet
oder skizzirt, als äussere verhältnisse mich 1882 zwangen abzubrechen.
damals hielt ich mich noch im rahmen der schulausgabe, und vielleicht
hätte ich ihn damals inne halten können. weihnachten 1886 habe ich
mich denn wieder daran gesetzt, entschlossen um keinen preis abzulassen,
bis ich die arbeit von der seele hätte. das habe ich denn freilich er-

Vorwort.
es für dieses gebiet nutzbar machen konnte. das war freilich nicht wenig,
denn mein lehrmeister war Welcker, in dessen werke ich mich mit
leidenschaft vertiefte. damit ist gesagt, daſs mich die herrschende tragiker-
kritik nur mit widerwillen erfüllen konnte. und doch gehört ein jeg-
licher seiner zeit an, und mein erstes buch war stark in den irrtümern
der nämlichen methode befangen, gegen die es laut protestirte. ich hatte
es zum äuſseren zwecke der habilitation in unverzeihlicher eilfertigkeit
hingeworfen, und wollte es schleunigst durch etwas reiferes ergänzen.
aber ich war noch unreif. zwar widerstand ich der versuchung, die an
mich herantrat, meine collationen zu einer Euripidesausgabe zu ver-
wenden, auch der, ein buch über das drama zu schreiben. aber ich
wähnte doch in kurzer frist eine erklärende ausgabe des Herakles und
dann anderer dramen fertig stellen zu können, weil ich den text fleiſsig
durchgearbeitet hatte, und bot deshalb der Weidmann’schen buchhand-
lung 1877 diese ausgabe für die Haupt-Sauppe’sche sammlung an. darin
war der gedanke ganz richtig, daſs es nützlicher ist, das was man ver-
steht vorzulegen als was man nicht versteht und deshalb ändert, daſs es
zunächst gilt zu erklären; aber ich würde meine sache noch nicht ordent-
lich gemacht haben, weil ich zu wenig wuſste. zum glücke zwang mich
das lehramt zum lernen, und als ich 1879 den Herakles ernsthaft wieder
angriff, wuſste ich wenigstens das drama eingerückt an seinen richtigen
platz sowol in der entwickelung der sage wie in der gesammtentwickelung
der hellenischen geschichte und cultur zu betrachten. und auch sprache
und verskunst hatte ich begonnen geschichtlich zu erfassen. mir selbst
war nicht klar, wie gewaltig die veränderung war; aber ich sehe es jetzt,
wenn ich die excurse zu Euripides Medea mit den Analecta Euripidea
vergleiche. wie ich damals zum Herakles stand, zeigt der text und die
übersetzung, welche 1879 als manuscript gedruckt in vieler händen ist.
der gröſste teil des commentars und der einleitung war auch ausgearbeitet
oder skizzirt, als äuſsere verhältnisse mich 1882 zwangen abzubrechen.
damals hielt ich mich noch im rahmen der schulausgabe, und vielleicht
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[VIII/0016] Vorwort. es für dieses gebiet nutzbar machen konnte. das war freilich nicht wenig, denn mein lehrmeister war Welcker, in dessen werke ich mich mit leidenschaft vertiefte. damit ist gesagt, daſs mich die herrschende tragiker- kritik nur mit widerwillen erfüllen konnte. und doch gehört ein jeg- licher seiner zeit an, und mein erstes buch war stark in den irrtümern der nämlichen methode befangen, gegen die es laut protestirte. ich hatte es zum äuſseren zwecke der habilitation in unverzeihlicher eilfertigkeit hingeworfen, und wollte es schleunigst durch etwas reiferes ergänzen. aber ich war noch unreif. zwar widerstand ich der versuchung, die an mich herantrat, meine collationen zu einer Euripidesausgabe zu ver- wenden, auch der, ein buch über das drama zu schreiben. aber ich wähnte doch in kurzer frist eine erklärende ausgabe des Herakles und dann anderer dramen fertig stellen zu können, weil ich den text fleiſsig durchgearbeitet hatte, und bot deshalb der Weidmann’schen buchhand- lung 1877 diese ausgabe für die Haupt-Sauppe’sche sammlung an. darin war der gedanke ganz richtig, daſs es nützlicher ist, das was man ver- steht vorzulegen als was man nicht versteht und deshalb ändert, daſs es zunächst gilt zu erklären; aber ich würde meine sache noch nicht ordent- lich gemacht haben, weil ich zu wenig wuſste. zum glücke zwang mich das lehramt zum lernen, und als ich 1879 den Herakles ernsthaft wieder angriff, wuſste ich wenigstens das drama eingerückt an seinen richtigen platz sowol in der entwickelung der sage wie in der gesammtentwickelung der hellenischen geschichte und cultur zu betrachten. und auch sprache und verskunst hatte ich begonnen geschichtlich zu erfassen. mir selbst war nicht klar, wie gewaltig die veränderung war; aber ich sehe es jetzt, wenn ich die excurse zu Euripides Medea mit den Analecta Euripidea vergleiche. wie ich damals zum Herakles stand, zeigt der text und die übersetzung, welche 1879 als manuscript gedruckt in vieler händen ist. der gröſste teil des commentars und der einleitung war auch ausgearbeitet oder skizzirt, als äuſsere verhältnisse mich 1882 zwangen abzubrechen. damals hielt ich mich noch im rahmen der schulausgabe, und vielleicht hätte ich ihn damals inne halten können. weihnachten 1886 habe ich mich denn wieder daran gesetzt, entschlossen um keinen preis abzulassen, bis ich die arbeit von der seele hätte. das habe ich denn freilich er-

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889, S. VIII. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/16>, abgerufen am 24.08.2019.