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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
haften stellen dort irgend etwas abgewinnen möchte. es ist aber noch
ein anderer weg vielleicht gangbar. wenn man aeliou stehn lässt, so
gibt der schluss ein tadelloses de, und d steht am anfang. es bleibt
-phas kai Atarneos. darin können die schlusssylben zusammengezogen
gesprochen werden. zwischen eo und eu ist im ionischen der unter-
schied ganz gering. man würde also einen epitriten erhalten, wenn kai
elidirt werden könnte. das ist weder attisch noch in der älteren lyrik
oder bei guten elegikern möglich. aber wann hat es begonnen? mir
ist gerade ein beleg aus einem lyrischen gedichte gegenwärtig, das in
seinem stile stark an das aristotelische erinnert (fragm. adesp. 129 Nauck;
de trag. fgm. 24). die untersuchung kann ich zur zeit nicht führen;
vielleicht entscheidet sie rasch einer unserer grammatiker. dass kai in
Ionien schon um 450 vor diphthongen seinen eigenen körper ganz verlor,
zeigt k Oinopides IGA 381, 19: das ist elision; in Athen würde es
konopides lauten, mit krasis. die elision von ai in den verbalformen
ist alt und nimmt immer zu: es liegt nahe, dass sie die häufigste par-
tikel ergriff. aber hier fehlt mir die gelehrsamkeit die sache zu ent-
scheiden.

Für den sinn des ganzen gedichtes ist die vorstellung wichtig, die
der dichter von dem verhältnisse gibt, das der mensch zu der göttin
Areta hat. er sehnt sich nach ihr (11), jagt ihr nach (2. 10), und zwar
ihrer morpha (3. 12). man sollte danach meinen, er liebte sie. allein
das erotische ist ganz fern gehalten. die Areta ist jungfrau: parthene
steht bedeutsam neben morphas. der mensch bemächtigt sich ihrer nicht
wie Herakles der Hebe; nur ihrer morpha gilt seine jagd, ihrer idea.
das ist ja ein synonymes wort. wenn wir modernen den menschen
der idee der tugend nachleben lassen, von seinem idealen streben
reden, so ist das unsinnlich, blass, philosophisch. aber es klingt darin
doch die peri ta eide philosophia nach, wie der platonische brief an
Koriskos, den freund des Hermias, die lehre Platons nennt. so viel ist
sicher, dass diese philosophie, die in dem rotwälsch der philosophischen
compendien, wie es die candidaten im examen reden, mehr absurd als tief
klingt, sofort verständlich wird, sobald man griechisch denkt oder redet,
also in dem eidos die form, gerade nach ihrer sinnlichen erscheinung,
zunächst bezeichnet hört. umgekehrt müssen wir hier, wo wir zunächst
nur die schönheit der himmlischen jungfrau hören, daran denken, dass
die form, die idea, für den dichter eine ganz übersinnliche bedeutung
hat, weil er Platoniker ist und einem Platoniker zu ehren dichtet. es
ist das eidos des höchsten gutes, nach dem die menschen streben, durch

III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
haften stellen dort irgend etwas abgewinnen möchte. es ist aber noch
ein anderer weg vielleicht gangbar. wenn man ἀελίου stehn läſst, so
gibt der schluſs ein tadelloses de, und d steht am anfang. es bleibt
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gesprochen werden. zwischen εο und ευ ist im ionischen der unter-
schied ganz gering. man würde also einen epitriten erhalten, wenn καί
elidirt werden könnte. das ist weder attisch noch in der älteren lyrik
oder bei guten elegikern möglich. aber wann hat es begonnen? mir
ist gerade ein beleg aus einem lyrischen gedichte gegenwärtig, das in
seinem stile stark an das aristotelische erinnert (fragm. adesp. 129 Nauck;
de trag. fgm. 24). die untersuchung kann ich zur zeit nicht führen;
vielleicht entscheidet sie rasch einer unserer grammatiker. daſs καί in
Ionien schon um 450 vor diphthongen seinen eigenen körper ganz verlor,
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κᾠνοπίδης lauten, mit krasis. die elision von αι in den verbalformen
ist alt und nimmt immer zu: es liegt nahe, daſs sie die häufigste par-
tikel ergriff. aber hier fehlt mir die gelehrsamkeit die sache zu ent-
scheiden.

Für den sinn des ganzen gedichtes ist die vorstellung wichtig, die
der dichter von dem verhältnisse gibt, das der mensch zu der göttin
Areta hat. er sehnt sich nach ihr (11), jagt ihr nach (2. 10), und zwar
ihrer μοϱφά (3. 12). man sollte danach meinen, er liebte sie. allein
das erotische ist ganz fern gehalten. die Areta ist jungfrau: παϱϑένε
steht bedeutsam neben μοϱφᾶς. der mensch bemächtigt sich ihrer nicht
wie Herakles der Hebe; nur ihrer μοϱφά gilt seine jagd, ihrer ἰδέα.
das ist ja ein synonymes wort. wenn wir modernen den menschen
der idee der tugend nachleben lassen, von seinem idealen streben
reden, so ist das unsinnlich, blaſs, philosophisch. aber es klingt darin
doch die πεϱὶ τὰ εἴδη φιλοσοφία nach, wie der platonische brief an
Koriskos, den freund des Hermias, die lehre Platons nennt. so viel ist
sicher, daſs diese philosophie, die in dem rotwälsch der philosophischen
compendien, wie es die candidaten im examen reden, mehr absurd als tief
klingt, sofort verständlich wird, sobald man griechisch denkt oder redet,
also in dem εἶδος die form, gerade nach ihrer sinnlichen erscheinung,
zunächst bezeichnet hört. umgekehrt müssen wir hier, wo wir zunächst
nur die schönheit der himmlischen jungfrau hören, daran denken, daſs
die form, die ἰδέα, für den dichter eine ganz übersinnliche bedeutung
hat, weil er Platoniker ist und einem Platoniker zu ehren dichtet. es
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[410/0420] III. 15. Die gedichte des Aristoteles. haften stellen dort irgend etwas abgewinnen möchte. es ist aber noch ein anderer weg vielleicht gangbar. wenn man ἀελίου stehn läſst, so gibt der schluſs ein tadelloses de, und d steht am anfang. es bleibt -φᾶς καὶ Ἀταϱνέος. darin können die schluſssylben zusammengezogen gesprochen werden. zwischen εο und ευ ist im ionischen der unter- schied ganz gering. man würde also einen epitriten erhalten, wenn καί elidirt werden könnte. das ist weder attisch noch in der älteren lyrik oder bei guten elegikern möglich. aber wann hat es begonnen? mir ist gerade ein beleg aus einem lyrischen gedichte gegenwärtig, das in seinem stile stark an das aristotelische erinnert (fragm. adesp. 129 Nauck; de trag. fgm. 24). die untersuchung kann ich zur zeit nicht führen; vielleicht entscheidet sie rasch einer unserer grammatiker. daſs καί in Ionien schon um 450 vor diphthongen seinen eigenen körper ganz verlor, zeigt κ̕ Οἰνοπίδης IGA 381, 19: das ist elision; in Athen würde es κᾠνοπίδης lauten, mit krasis. die elision von αι in den verbalformen ist alt und nimmt immer zu: es liegt nahe, daſs sie die häufigste par- tikel ergriff. aber hier fehlt mir die gelehrsamkeit die sache zu ent- scheiden. Für den sinn des ganzen gedichtes ist die vorstellung wichtig, die der dichter von dem verhältnisse gibt, das der mensch zu der göttin Areta hat. er sehnt sich nach ihr (11), jagt ihr nach (2. 10), und zwar ihrer μοϱφά (3. 12). man sollte danach meinen, er liebte sie. allein das erotische ist ganz fern gehalten. die Areta ist jungfrau: παϱϑένε steht bedeutsam neben μοϱφᾶς. der mensch bemächtigt sich ihrer nicht wie Herakles der Hebe; nur ihrer μοϱφά gilt seine jagd, ihrer ἰδέα. das ist ja ein synonymes wort. wenn wir modernen den menschen der idee der tugend nachleben lassen, von seinem idealen streben reden, so ist das unsinnlich, blaſs, philosophisch. aber es klingt darin doch die πεϱὶ τὰ εἴδη φιλοσοφία nach, wie der platonische brief an Koriskos, den freund des Hermias, die lehre Platons nennt. so viel ist sicher, daſs diese philosophie, die in dem rotwälsch der philosophischen compendien, wie es die candidaten im examen reden, mehr absurd als tief klingt, sofort verständlich wird, sobald man griechisch denkt oder redet, also in dem εἶδος die form, gerade nach ihrer sinnlichen erscheinung, zunächst bezeichnet hört. umgekehrt müssen wir hier, wo wir zunächst nur die schönheit der himmlischen jungfrau hören, daran denken, daſs die form, die ἰδέα, für den dichter eine ganz übersinnliche bedeutung hat, weil er Platoniker ist und einem Platoniker zu ehren dichtet. es ist das εἶδος des höchsten gutes, nach dem die menschen streben, durch

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 410. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/420>, abgerufen am 22.09.2019.